Hilfe für ehemalige Heimkinder Ein Leben voller Hürden

Selbst bei guter Betreuung haben zahllose Kinder in den Heimen der BRD und DDR psychische Schäden davongetragen. (im Bild eine Szene aus einem Kinderheim im Jahr 1935)

Zahllose Heimkinder wurden Opfer von Gewalt. Doch die Fonds, die sie entschädigen sollen, haben kein Geld mehr, die Betroffenen klagen über eine demütigende Bürokratie. Nun könnte alles noch schlimmer werden.

Von Matthias Drobinski

Wie kommt man zu einem Kostenvoranschlag für Unterhosen und Socken? Man kann zum Beispiel ins Kaufhaus gehen und, leicht errötend, die Verkäuferin ansprechen: "Entschuldigen Sie, kaufen darf ich noch nichts. Ich bekomme aber Geld, um etwas zu kaufen, wenn Sie mir schriftlich bestätigen, was bei Ihnen Unterhosen und Socken kosten, nicht dieses teure Designerzeugs, sagen wir: mittlere Qualität. Und könnte vielleicht Ihr Abteilungsleiter unterschreiben?"

Auch beim durchschnittlichen Konsumenten würde da das Einkaufsvergnügen leiden. Für jemanden, dessen Selbstvertrauen gebrochen ist, weil er einst im Kinderheim geschlagen und gedemütigt wurde, ist diese Prozedur aber möglicherweise ein Grund, lieber mit abgerissenen Klamotten herumzulaufen, statt sich neue zu besorgen, obwohl er darauf einen Anspruch hätte.

Kostenvoranschlag für Unterhosen und Socken

Es sind solche Geschichten, die Wolfgang Bahr empören, einen der Sprecher der "Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Heimkinder Deutschland" (AeHD): Opfer von Gewalt in den Heimen der Bundesrepublik und der ehemaligen DDR müssen nun tatsächlich einen Kostenvoranschlag beibringen, wenn sie Sachleistungen aus dem Fonds erhalten wollen, der sie für das erlittene Unrecht entschädigen soll.

"Als die beiden Fonds für die ehemaligen Heimkinder in Ost- und in Westdeutschland beschlossen wurden, hieß es, die Hilfe solle möglichst unbürokratisch bereitgestellt werden", sagt er, "wir erleben aber das Gegenteil." Viele ehemalige Heimkinder sähen sich dadurch erneut gedemütigt. Andere misstrauten seit ihren Erfahrungen in staatlichen oder kirchlichen Heimen in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren jeglicher Bürokratie und Autorität. Wieder anderen fehle die Energie, sich auf die Auseinandersetzung mit den Behörden einzulassen. "Wir sollen halt möglichst wenig kosten", mutmaßt Wolfgang Bahr.

Nun dürfte es neue Hürden für die Betroffenen geben; an diesem Donnerstag soll sie der "Lenkungsausschuss Fonds Heimerziehung" in Berlin beschließen, jenes Gremium, in dem Bund, Länder sowie die Vertreter der Kirchen und Sozialverbände entscheiden, zu welchen Bedingungen das dem Fonds bereitgestellte Geld ausgegeben wird.

Der Erfolg kostet Geld - mehr Geld, als da ist

Der Grund dafür ist eigentlich positiv: Die Sachleistungen und Kostenübernahmen zum Beispiel für Therapien, die es seit Anfang 2012 gibt, werden besser angenommen als gedacht. Bis zum 30. Juni registrierten die regionalen Anlaufstellen mehr als 12 000 Betroffene; allein im April gab es 700 Erstberatungsgespräche. Fast 4000 Anträge waren Ende Juni noch nicht bearbeitet - auch das führt zu Frust bei den ehemaligen Heimkindern.