Enthüllungen durch Snowden-Dokumente Spionage im Internet-Café

Nach dem Prism-Skandal werden nun auch Spionageaktionen des britischen Geheimdienstes GCHQ aufgedeckt. Er soll Teilnehmer eines G-20-Gipfels mittels eigens eingerichteter Internet-Cafés überwacht haben. Für Premier Cameron kommt die Nachricht ungelegen - pünktlich zum Beginn des heutigen Gipfeltreffens.

Auf die Delegierten des G-20-Gipfels müssen sie wie ein hilfreiches Angebot ihrer Gastgeber gewirkt haben, die eigens eingerichteten Internet-Cafés, in denen sie ihre E-Mails abrufen und verschicken konnten. Dahinter steckte allerdings ein zweifelhafter Service des britischen Kommunikations-Nachrichtendienstes GCHQ, für den die Internet-Cafés vor allem eine komfortable Möglichkeit waren, Gipfelteilnehmer auszuspionieren. Dank der präparierten Computer dort wurde ihm der E-Mail-Verkehr der Diplomaten über Spähprogramme frei Haus geliefert.

Damit sind die Wellen des Prism-Skandals nun auch über den Atlantik geschwappt. Die britische Zeitung Guardian, die zuvor bereits das Spähprogramm des US-Geheimdienstes NSA aufgedeckt hatte, legt nun mit weiteren Enthüllungen nach. Bereits in der vergangenen Woche hatte der Journalist Glenn Greenwald angekündigt, dass in den vom Informanten Edward Snowden zugespielten und als top secret klassifizierten Dokumenten noch weitaus mehr brisante Informationen stecken. Mit einigen davon ist das Blatt nun, pünktlich zum heute in Nordirland beginnenden G-8-Gipfel, an die Öffentlichkeit gegangen. Die hier teilnehmenden Nationen waren auch beim fraglichen Gipfel 2009 vertreten.

Dem Bericht zufolge hat der Geheimdienst in Großbritannien vor vier Jahren die Teilnehmer von zwei G-20-Gipfeltreffen im April und September observiert. Die Mitarbeiter des Government Communications Headquarters (GCHQ), dem britischen Äquivalent zur NSA, lasen Mails und hörten Telefonate der Diplomaten ab. Selbst vor den Vertretern des Nato-Partners Türkei und langjährigen Verbündeten wie Südafrika schreckten die Agenten des GCHQ nicht zurück.

Die Abhöraktionen hatten weitreichende Folgen, insbesondere für das aktuelle politische Geschehen auf dem Gipfel. Denn mit den in den Spionageaktionen gewonnenen Informationen konnte die britische Regierung offenbar gezielt Einfluss auf das Verhandlungsgeschehen nehmen.

Besonders unangenehm für Premierminister David Cameron, der Gastgeber des heute beginnenden Gipfels ist, dürfte dabei sein, dass die Order für die Überwachung direkt von der Regierung gekommen sein soll. Damals war das zwar noch die von Labour-Premier Gordon Brown. Doch in der Downing Street herrscht bislang Schweigen. Die Regierung ließ lediglich mitteilen, man äußere sich generell nicht zu Sicherheitsfragen.

Mit den präparierten Internet-Cafés allerdings war es nicht getan. Der Guardian berichtet noch von weiteren Überwachungsaktionen, mit denen der Nachrichtendienst die Delegierten kontrollierte:

  • Telefonüberwachung: 45 Analysten hörten rund um die Uhr bei den Telefonaten aller Teilnehmer mit.
  • Lesen von Mails: Der Guardian zitiert aus einem Papier über die Lektüre von Mails "bevor oder während" es die eigentlichen Adressaten tun.
  • Gestohlene Passwörter: Auch Passwörter wurden offenbar geklaut, um so auch nach dem Gipfel noch Zugriff auf Informationen zu haben.
  • Gehackte Blackberrys: Auch Blackberrys der Delegierten spionierten die Geheimdienstler aus, lasen auch hier Mails und hörten bei Gesprächen mit.
  • Weitergabe in Echtzeit: Die Agenten konnten Informationen damit in Echtzeit an die britischen Gipfelteilnehmer weiterreichen, um ihnen so einen Verhandlungsvorteil in den laufenden Runden zu verschaffen.
  • Spionage bei Verhandlungsführern: Ausspioniert wurden auch hochrangige Gipfelteilnehmer, etwa der türkische Finanzminister und 15 weitere Mitglieder seiner Partei. Auch beim damaligen russischen Präsident Dmitrij Medwedjew und seiner Delegation wurden Abhörversuche seiner Telefonate nach Moskau unternommen. Hier reichte die NSA offenbar Informationen an die britischen Kollegen weiter.

Nach dem Gipfel im September wurde die Bespitzelungsaktion in einer internen Prüfung in den Government Communications Headquarters als "erfolgreich" und "nützlich" bewertet. Vermutlich wird sich Premier Cameron nun von seinen Amtskollegen auf dem heutigen Gipfeltreffen fragen lassen müssen, ob die britische Regierung eine Wiederholung der damals so gelobten Aktion plant und was die Delegierten in dieser Woche zu erwarten haben.