Eklat beim Burschentag in Eisenach Rechtsextremistische Tendenzen entzweien Burschenschaften

NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer ein Landesverräter? Ja, meint ein Vorstandsmitglied des Dachverbands Deutsche Burschenschaft. An dieser Äußerung hat sich unter den Burschenschaftern ein Streit um nationalsozialistisches Gedankengut entzündet. Die Flügel bekriegen sich, dem Dachverband steht die Spaltung bevor.

Von Johann Osel

Mit reichlich Spott zeterte Kurt Tucholsky 1928 über den "Haufen von verhetzten, irregeleiteten, mäßig gebildeten, versoffenen und farbentragenden jungen Deutschen". Heute wirken Burschenschafter erst recht wie aus der Zeit gefallen - als Anhänger seltsamer Rituale: Gemeinschaft durch ein "Lebensbundprinzip", Fechten, Schärpen, strenge Zeremonien aus Gesang und Trinken.

Eine Welt für sich: Burschenschaftsmitglieder beim Fackelzug zum Burschenschaftsdenkmal in Eisenach.

(Foto: dpa)

Dies alles sollte beim Burschentag des Dachverbands Deutsche Burschenschaft (DB) in Eisenach, dem obersten Beschlussgremium, am Wochenende zelebriert werden. Doch nach dem Fackelzug auf die Wartburg, wo Studenten 1817 für die nationale Einheit Deutschlands eintraten, hat der Streit über rassistische Gesinnungen dominiert. In der DB bekriegen sich die Flügel. Nun steht die Spaltung bevor.

Fünf Mitglieder des erweiterten Vorstands haben aus Protest gegen rechtsextreme Tendenzen ihr Amt aufgegeben. Sie zählen zur liberalen Strömung "Burschenschaftliche Zukunft". Er habe nicht länger "für die Inhalte geradestehen wollen, mit denen die DB in Verbindung gebracht wird", sagt Michael Schmidt, der zu den Liberalen gehört und als bisheriger Pressereferent im Vorstand saß.

Die DB umfasst 115 Bünde mit gut 9000 Mitgliedern, der Großteil frühere Studenten ("Alte Herren"). Von Burschenschaften grenzen sich andere akademische Verbindungen wie Landsmannschaften und katholische Bünde klar ab.

Wiederwahl eines Vorstandsmitglieds als Auslöser

Auslöser des Eklats war die Wiederwahl des Vorstandsmitglieds Norbert Weidner zum "Schriftleiter" der DB-Zeitung Burschenschaftliche Blätter. In einem Pamphlet hatte dieser kürzlich den im KZ ermordeten Pfarrer und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als "Landesverräter" bezeichnet. Heute gelte es "als en vogue, jegliche Kritik am Nationalsozialismus zu glorifizieren, auch wenn die damaligen Kritiker sich zu Lasten von Deutschland und seiner Volksangehörigen wendeten".

Eifrig bemühte sich die DB daraufhin, den Beitrag als "private Meinung" zu deklarieren. Laut Teilnehmern in Eisenach war diese Causa ausschlaggebend für die Eskalation. Darüber hinaus habe sich "vieles Bahn gebrochen, was sich über Jahre angestaut hat". Die politischen Ansätze der Bünde seien "unüberbrückbar".

Nach der vorzeitigen Auflösung des Burschentags soll es nun im Winter eine außerordentliche Fortsetzung geben. Vielleicht werde bis dahin "der Puls wieder runtergehen", so Ex-DB-Pressereferent Schmidt, der jetzt für die liberale Strömung spricht. Eine Abspaltung sei aber "wahrscheinlich", falls das Ziel seiner Initiative misslinge - "als Dachverband ins Lager der politischen Mitte zu gelangen".

Beim letzten Burschentag entzweite ein "Ariernachweis" für alle Mitglieder die DB. 2010 thematisierten die Liberalen offen "Provokationen" rechtslastiger Kollegen. Mitunter engagieren Bünde Revisionisten als Redner, teils finden sich in den Reihen ausgewiesene Neonazis. Ein sächsischer NPD-Politiker und Burschenschafter durfte im Gespräch mit der Verbandszeitung unverhohlen agitieren: Er interpretierte die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich als "bösartige Zivilreligion". Beim Gedenken an die Opfer der Zwickauer Terrorzelle nannte der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, jüngst "rechtsextreme Burschenschaften" in einem Atemzug mit der NPD.