Einmischung in US-Wahl Trumps Verhalten in der Russland-Affäre ist bizarr und gefährlich

Donald Trump im Februar im Weißen Haus: 150 Millionen Zuschauer, 126 Millionen Wähler, 100 000 Stimmen Unterschied - hat die russische Einmischung also gewirkt?

(Foto: AP)

Der US-Präsident zeigt sich unwillig, Angriffe russischer Trolle auf die amerikanische Demokratie einzugestehen - selbst angesichts von Beweisen, die sein eigener Sicherheitsberater als "unwiderlegbar" bezeichnet.

Kommentar von Hubert Wetzel, Washington

Hat also "Putins Koch" Donald Trump zum Präsidenten der USA gemacht? So lautet der Spitzname eines der 13 Russen, denen Sonderermittler Robert Mueller in seiner Anklageschrift vorwirft, sie hätten versucht, die amerikanische Präsidentschaftswahl zu manipulieren. Die ehrliche Antwort ist: Niemand weiß es. Trump hat im November 2016 aus vielerlei Gründen gewonnen, und welchen Anteil russische Facebook-Trolle daran hatten, lässt sich kaum feststellen.

Aber man kann ja einmal nachrechnen: Bei der Wahl haben gut 126 Millionen Amerikaner abgestimmt. Trump hat gewonnen, weil er in drei Bundesstaaten insgesamt etwa 100 000 Stimmen mehr bekommen hat als die Demokratin Hillary Clinton. Die hetzerische Internet-Kampagne der Russen zugunsten von Trump erreichte Facebook zufolge bis zu 150 Millionen Amerikaner. 150 Millionen Zuschauer, 126 Millionen Wähler, 100 000 Stimmen Unterschied - das beweist nicht, dass die russische Einmischung gewirkt hat. Aber das Ergebnis ist auch viel zu knapp, um eine Wirkung auszuschließen, wie Trump und seine Anhänger das nun tun. Vielleicht hat Trump aus eigener Kraft gewonnen. Vielleicht aber auch nicht.

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Bedeutend ist die Anklage aus einem anderen Grund. Mueller legt darin erstmals gerichtsfest dar, was die US-Geheimdienste bisher nur behauptet haben und was Trump stets geleugnet hat: Es gab eine russische Sabotageaktion bei der Präsidentenwahl. Das Ziel war zunächst vage - den Hass in der amerikanischen Gesellschaft zu schüren, die Risse zu verbreitern, Misstrauen und Chaos zu säen. Amerika sollte gespalten und schwach sein. Später, als die Kandidaten feststanden, wurde das Ziel konkreter. Die Russen sollten jenem Bewerber helfen, der Hass, Spaltung und Chaos zu seinem Programm gemacht hatte: Donald Trump.

Die Integrität von Amerikas Demokratie ist Trump egal

Das war eine Attacke auf die amerikanische Demokratie - ein feindseliger Akt Russlands gegenüber den USA. Es ist bizarr und gefährlich, dass der amerikanische Präsident selbst angesichts von Beweisen, die sein eigener Sicherheitsberater als "unwiderlegbar" bezeichnet, unfähig und unwillig ist, diesen Angriff einzugestehen, ihn zu verurteilen und sicherzustellen, dass so etwas nie wieder passiert. Aber es liegt in Trumps Natur: Er ist ein Egomane, besessen von sich, empört darüber, dass irgendjemand an seiner Größe oder der Legitimität seines Wahlsiegs zweifeln könnte. Die Integrität von Amerikas Demokratie ist Trump egal.

Und Amerika hat es den Russen leicht gemacht. Das gesellschaftliche Klima im Land war schon vor Trump vergiftet, das soziale Geflecht, an dem die Russen zerrten, war schon vorher brüchig. Die Propaganda der russischen Trolle, die den Amerikanern erzählten, dass sie ihre Landsleute verachten sollen, weil sie eine andere Hautfarbe haben, an einen anderen Gott glauben oder das gleiche Geschlecht lieben, wurde von vielen Bürgern begierig aufgesogen. Doch die Russen hoben die Wut und die Paranoia immer wieder auf ein höheres Niveau. Sie pumpten Sauerstoff in jedes Glutnest der Angst und der Zwietracht, das irgendwo im Land glimmte, bis es hell aufloderte.

Facebook hat dabei mit geradezu krimineller Naivität und Dummheit geholfen. Der Konzern, der doch nach eigenem Bekunden die Welt verbessern will, war wie ein Dealer, der seine Kunden erst süchtig macht und dann mit immer neuen Drogen versorgt. Im Wahlkampf 2016 war diese Droge der Hass. Die Appelle anderer Kandidaten an das, was die Amerikaner verbindet, was das Land tatsächlich großartig macht, kamen dagegen nicht an. Moskau kann stolz sein: Sehr viel effektiver hätte man die politischen Gegebenheiten und die technischen Möglichkeiten kaum ausnutzen können.

Welche Folgen diese Erkenntnisse aus Muellers Anklage haben werden, ist allerdings völlig offen. Die Republikaner sehen klar, wie gefährlich die Ermittlungen für Trump sind. Entsprechend scharf ist ihre Gegenkampagne, um den Sonderermittler zu diskreditieren und als Teil einer Washingtoner Verschwörung zu denunzieren, die Trump stürzen will. Bisher haben sie damit erschreckend viel Erfolg. Das sichert Trumps politisches Überleben, beschädigt die US-Politik aber umso mehr.

Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin kann das nur recht sein. Solange die Amerikaner sich zerfleischen und ihre Demokratie zerstören, verliert der Westen, und er gewinnt. Wie twitterte Trump am Sonntag? "In Moskau lachen sie sich den Hintern weg." Ganz genau.

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