Dschihad Klug, kriminell, großer Freundeskreis: So ist der deutsche IS-Kämpfer

234 der insgesamt 670 Ausgereisten sind jetzt wieder in Deutschland. IS-Kämpfer Harun P. musste sich im Januar in München vor Gericht verantworten.

(Foto: Michaela Rehle/Reuters)

Eine Studie analysiert Dschihadisten aus Deutschland: Erstaunlich viele haben Abitur, die Hälfte fiel durch Straftaten auf. Und das Internet ist für die Radikalisierung nicht so wichtig wie gedacht.

Von Georg Mascolo

Im August des vergangenen Jahres legte der Bundesnachrichtendienst dem Kanzleramt einen Sonderbericht zum Aufstieg des sogenannten Islamischen Staates (IS) vor. Sein Aufstieg sei kometenhaft und kurzfristig erst einmal kaum zu bremsen: Langfristig aber werde die Terrortruppe mit ihrem Konzept militärisch und gesellschaftlich scheitern.

In diesen Tagen wird in Berlin häufig gefragt, was dieses "langfristig" denn nun genau bedeute. Denn der Terrorismus des IS ist einer der wesentlichen Gründe für die Flucht der Menschen aus Syrien und dem Irak, die immer häufiger in Deutschland endet. Gerade erst haben die UN auf jene 3,2 Millionen Iraker hingewiesen, die vor dem IS geflohen sind, aber immer noch im eigenen Land ausharren.

Zum Erfolg des IS trägt auch der stetige Zustrom ausländischer Kämpfer bei, viele von ihnen stammen aus Deutschland. Lange betrachteten hiesige Behörden dies vor allem als ein Problem für die Sicherheit, wenn die Kämpfer irgendwann nach Deutschland zurückkehren und womöglich Anschläge begehen könnten. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die deutschen Syrien- und Irak-Kämpfer an vorderster Front daran beteiligt sind, jene unhaltbaren Zustände zu schaffen, vor denen die Menschen fliehen. Der Export von Terrorismus, den Innenminister Thomas de Maizière (CDU) schon einmal "unerträglich" nannte, ist nun noch ein Stück unerträglicher geworden.

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Die Erkenntnislage habe sich "merklich gesteigert"

Seit einigen Wochen gibt es die Hoffnung, dass sich die Kurve der Syrien-Reisenden abflacht, europäische Nachbarländer wie Belgien und Großbritannien haben einen deutlichen Rückgang ihrer Ausreisen gemeldet, auch in einzelnen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen wurde ein Abflachen der Kurve registriert. Inzwischen haben das Bundesamt für Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt neue Zahlen: Deutschland liegt nun bei 7900 Salafisten, 740 Ausreisen nach Syrien und in den Irak sowie einer steil ansteigenden Zahl von dort getöteten deutschen Kämpfern - es sollen inzwischen 120 sein. Ein eindeutiger Trend ist für Deutschland offenbar noch nicht zu erkennen.

In dieser Situation haben Verfassungsschutz, BKA und das Hessische Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus nun die vorläufige Fassung einer Studie vorgelegt, die Herkunft und Hintergrund der bis zum 30. Juni 2015 aus Deutschland nach Syrien und in den Irak ausgereisten Islamisten analysiert. Es ist das bisher gründlichste Werk dieser Art, es liegt SZ, WDR und NDR vor. Im vergangenen Jahr hatten die Behörden schon einmal knapp 400 Fälle analysiert, dieses Mal sind es 670. Und die Autoren verweisen darauf, dass man nun über eine ganz andere "Informationsdichte" verfüge, die Erkenntnislage habe sich "merklich gesteigert".

Auf elf Seiten wird also der deutsche Syrien-Reisende beschrieben: Bei der Hälfte der 670 Personen sagen die Behörden, dass sie Hinweise dafür besitzen, dass sie sich islamistisch-dschihadistischen Gruppen angeschlossen haben, wobei der Islamische Staat mit 78 Prozent wiederum den stärksten Zulauf hat. Meist sind es Männer, aber die Frauen machen inzwischen 21 Prozent aus. Drei von ihnen sollen sich inzwischen auch an Kampfhandlungen beteiligt haben.

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Ganz grob lässt sich der deutsche Islamist, der auffallend häufig auch als Selbstmordattentäter zum Einsatz kommt, so beschreiben: Er wohnte vor seiner Ausreise meist in Städten, ist zwischen 15 und 62 Jahren alt - und wurde in 409 Fällen bereits in Deutschland geboren. 399 besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. 114 sind nicht von Geburt an Muslime, sondern sind erst später zum Islam konvertiert.

Fast die Hälfte hat schon Straftaten begangen

Auffallend viele sind gut gebildet, aber ebenso auffallend sind kriminelle Karrieren. Von 82 Dschihadisten mit Abitur oder Fachhochschulreife wollen die Behörden wissen, von 80 Studenten (von denen die meisten aber keinen Abschluss machten) und fast doppelt so vielen Arbeitslosen. 63 zogen direkt von der Schulbank in den Dschihad. Fast die Hälfte der Syrien-Reisenden war bereits durch Straftaten aufgefallen - Gewalt-, Eigentums- und Drogendelikte machen das Gros aus, aber auch einzelne Sexualstraftaten gab es.

Überraschend sind die Erkenntnisse über die sogenannten Radikalisierungsfaktoren. Viel ist in den vergangenen Monaten über die besondere Rolle des Internets geschrieben worden oder über die Rekrutierung in Haftanstalten. Das Internet spielt laut Studie tatsächlich zu Beginn der Radikalisierung in 30 Prozent der Fälle eine Rolle, aber Freunde (37 Prozent) und Kontakte in Moscheen (33 Prozent) sollen noch bedeutsamere Faktoren sein. Da ist es kein Wunder, dass sich die meisten auch gemeinsam mit Freunden auf die Reise in den Wahnsinn machen. Nur in neun Fällen der Ausgereisten sollen Kontakte in Haftanstalten eine Rolle gespielt haben. Allerdings bleibt offen, wie genau sich dies feststellen lässt.

234 der insgesamt 670 Ausgereisten sind inzwischen wieder in Deutschland, 23 von ihnen sitzen in Haft. Die Daten der Analyse sollen nun zur Grundlage für einen neuen Plan werden. Die Innenministerkonferenz hat die Analyse in Auftrag gegeben, sie will die bisherige und mäßig erfolgreiche Strategie, deutsche Islamisten mit Passentzug an der Reise zu hindern, ergänzen: Gesucht wird ein erfolgreiches Konzept zur "Implementierung von Präventionsnetzwerken gegen Salafismus". Überzeugungsarbeit soll dazu führen, dass der IS künftig nicht mehr auf so viele deutsche Rekruten setzen kann.

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