Das Treffen von Frankreichs Präsident und Kanzlerin Merkel mit Russlands Präsidenten widmet sich einer Weichenstellung von geopolitischer Bedeutung. Und es zeigt: Das deutsch-französische Verhältnis ist vitaler als sein Ruf.
Seitdem ein Halbbruder Kaiser Napoleons III. das Luxusseebad Deauville auf den Strand der Normandie setzen ließ, liebt es die Pariser Hautevolee, sich dort an frischer Meeresluft, Casino und Boutiquen zu erquicken. Besonders gern dürfte am Montag Nicolas Sarkozy in das Belle-Époque-Städtchen reisen. In Paris ist die Atmosphäre drückend geworden für den Präsidenten. Streiks, Demonstrationen und Benzin-Blockaden setzen seiner Rentenreform zu. Nun kann er dem Leidensfeld der Innenpolitik entfliehen und in der Weltpolitik Ruhm ernten. Zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel und dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew wird Sarkozy über Nato, G20, den bösen Iran und das hoffärtige China sprechen und für knapp zwei Tage die Details des Mindestalters für den Renteneintritt vergessen.
Bild vergrößern
Im März trafen sich Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy EU-Gipfel in Brüssel. (© rtr)
Anzeige
Das Treffen von Deauville ist jedoch mehr als nur ein Entlastungsgipfel für Sarkozy. Es zeigt, dass das deutsch-französische Verhältnis vitaler ist als sein Ruf. Und es widmet sich einer Weichenstellung von geopolitischer Bedeutung. Russland, der Feind aus dem Kalten Krieg und schwierige Nachbar der vergangenen beiden Dekaden, soll zum Partner werden. Sarkozy und Merkel wollen die Annäherung Moskaus an EU und USA vorantreiben. Ihr Ziel: Russland soll sich klar und endgültig im Westen verankern. Aus fragilem Frieden soll feste Freundschaft werden.
Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Mitte November wird sich die Nato beim Gipfeltreffen in Lissabon eine neue Strategie geben. Sie wird ihren Verteidigungswillen bestärken, Herausforderungen wie den Terrorkampf angehen und den Aufbau eines Raketenabwehrschirms beschließen. Russland, die gefallene Supermacht und neue Rohstoffgröße, hat dabei kein Wörtchen mitzureden. Medwedjew soll sich in Lissabon erst dazugesellen, wenn alles entschieden ist. Das schmerzt Moskau. Deswegen wollen Franzosen und Deutsche den Russen vorab zu verstehen geben: Ihr seid uns wichtig. Wir wünschen einen gemeinsamen Raum der Sicherheit und der Wirtschaft in Europa.
Die deutsch-französische Geste liegt im Interesse des gesamten Westens. Russland wird gebraucht, um Iran zu disziplinieren, Truppen nach Afghanistan zu bringen, EU-Missionen wie im Tschad zu unterstützen, die organisierte Kriminalität einzudämmen und, nicht zuletzt, Europa verlässlich mit Energie zu versorgen. Dennoch weckt der Dreiergipfel in Deauville Argwohn. Die Italiener fühlen sich ausgeschlossen, obwohl sie sich mit ihrem Premier Berlusconi selbst ein Seriositätsproblem geschaffen haben. Die Polen sind misstrauisch, obgleich sie das Weimarer Dreieck mit Deutschland und Frankreich bilden. Vor allem aber sind die Amerikaner auf der Hut. Washington grummelt, seit wann denn Berlin, Paris und Moskau die europäische Sicherheit unter sich ausmachten.
Sarkozy und Merkel müssen dreierlei klarstellen. Erstens: Das französisch-deutsch-russische Trio richtet sich - anders als vor dem Irak-Krieg - nicht gegen die Vereinigten Staaten. Zweitens: Es geht nicht darum, die Nato einem neuen Sicherheitssystem mit Russland zu opfern, sondern darum, Russland an die Nato heranzuführen. Drittens: Deutschland und Frankreich verstehen sich, wegen ihres guten Verhältnisses zu Russland, als Schrittmacher. Sie planen keinen Alleingang.
Die Welt ist mal wieder im Umbruch. China, das Werte wie Menschenrechte und Demokratie ignoriert, steigt rapide auf. Die EU könnte auf Dauer in eine Randlage geraten, die USA verlieren schon jetzt ihre überragende Stellung. Der Westen kann eine Stärkung durch Russland also gut gebrauchen. Derzeit geht es dabei um Sicherheit und Wirtschaft. Langfristig wird ein Bund mit Russland nur gelingen, wenn dieses die westlichen Werte teilt. Auch darüber muss in der frischen Luft von Deauville gesprochen werden.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Nicolas Sarkozy RSS
(SZ vom 18.10.2010/woja)
Kann es sein,dass es in Europa zu einer Einsicht kommt,dass man die Realitaeten die es Weltweit gibt zur kenntniss nimmt ? Schoen waere es ja,die Rolle die Russland spielt wird erst noch kommen,noch ist das Land geschwaecht und vieles laeutft quer und will nicht so richtig. Aber auch das wird vorueber gehen,dass ist nur eine Frage der Zeit. Auch wird sich Europa West wie Ost auf seine Rolle in der Welt vorbereiten,zusammen kann es was bewegen,alleine wird es scheitern. Die neuen Riesen beginnen zu erwachen,dass ist China und Indien aber auch die USA sind noch eine groesse und sie werden es auch bleiben, vielen Unkenrufen zum Trotz. Siehe naher Osten und seine Probleme,auch hier kann nur ein Europa Druck auf die Beteiligten ausueben,sonnt allein wird es ausgelacht.
Deauville stellt Weichen für ein "neues Europa", trotz aller Widrigkeiten im eigenen Land (Frankreich und seine Rentenreform, Roma, Burka und co Politik), wir mit Multikulti und Russland mit Korrpution, Überflutungen und Bränden heimgesucht.
Das ist wohl das Erwachen aus einem Traum, der in Lissabon beginnen sollte und die EU weiter zur Einheit werden lassen wollte.
Russland sucht die Tür zum Westen, wir sollten das mit großem Interesse und Aufmerksamkeit verfolgen, denn dieses Land bringt Mittel und Möglichkeiten, die für alle (Wirtschaft, Militär und co) interessant wären.
Sarkozy und Merkel, ein Paar mit Prinzipien, nun solche Treffen können nützlich sein um neue Blickwinkel und eine Art Brainstroming zu machen, ich glaube, wenn wir Mäuschen spielen könnten, uns Bürger würden auch die Ohren klingen.
Deauville, der mondäne Badeort sollte doch ein angemessener Rahmen sein.
Geopolitisch ist doch nichts naheliegender, als dass die Vorreiter der Europäischen Union, Deutschland und Frankreich, die aktuell das Gewicht und die Handlungslinien der EU bestimmen, sich mit Russland, dem Grenzland zwischen Europa und Asien, superreich an Bodenschätzen, kooperativ zusammentun.
Auf Dauer wäre ein Europa ohne Russland global unbedeutend. Ein Russland ohne Europa könnte gar gefährlich werden für den Weltfrieden, wenn es nicht in die Friedenspolitik der EU eingebunden würde.
So gesehen beschreiten Merkel und Sarkozy einen längst überfälligen Weg, den allerdings schon Bundeskanzler Willy Brandt eröffnet hatte und den sein Nachfolger Kohl viel zu lange ignorierte. Erst als ihm die überreife Frucht der deutschen Einheit in den Schoß fiel, bequemte sich Kohl zur Annäherung an Moskau und schmückt sich heute unzulässigerweise mit seiner Freundschaft zu dem Perestrojka- und Glasnost-Kommunisten Girbatschow, den er zuvor noch mit Goebbels verglichen hatte.
Deutschland hat hier also eine Bringschuld einzulösen, indem es Russland so eng wie möglich an sich bindet.
Ohne Russland (und dessen Rohstoffe) wird Europa nicht "überleben".
Es ist ein Gebot der Stunde die Russen ins Boot zu holen, anstatt sie ganz in den aisatischen Block abdriften zu lassen.
Ob aber die Russen mit der Hegemoniemacht Europas (USA) können, wage ich zu bezweifeln. Dahingehend haben sie ganz schnell, ganz schlechte Erfahrungen nach dem Zusammenbruch der UDSSR gemacht.
Wenn Merkel französisch sprechen würde und Sarko Deutsch, dass könnten die tatsächlich miteinander reden...
Sonst ist's lediglich der zweier Politiker, deren Länder sich am Abgrund befinden, dem Volk vorzumachen, dass alles in Ordnung ist.
Aber es ist halt mal so: Die Ratten merken es als erste, dass das Schiff sinkt, nicht die Kapitäne.