Nun ist die SPD natürlich nicht wie früher die SED; Franz ist nicht Erich. Um so alarmierender allerdings sind die Defekte, die sich in der Sozialdemokratie Jahr für Jahr verstärkt haben. Die sozialdemokratische Organisation - einst der ganze Stolz der Partei - wurde in der vergangenen Dekade nahezu ruiniert.

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Und niemals im 20.Jahrhundert hat sich in einer solchen Geschwindigkeit die soziale Ungleichheit, also die Diskrepanz zwischen den Eigentumsverhältnissen oben und unten so forciert wie in den sozialdemokratischen Regierungsjahren seit 1999. Geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, die keine Zukunfts- und Emanzipationsperspektive bieten, Working Poor und Armut haben, explizit durch sozialdemokratische Regierungspolitik begünstigt, in einem atemberaubenden Tempo zugenommen.

Es waren keineswegs Phantomschmerzen, welche die Ursache dafür bildeten, das sich Hunderttausende Mitglieder und Millionen Wählern brutal enttäuscht von ihrer Partei abgewandt haben.

Die sozialdemokratische Parteiführung indessen schaute ungerührt zu. Denn sie hielt ihre Politik dogmatisch für "alternativlos", was im Grunde die Attitüde von verbohrten Ideologen oder engen Apparatschiks, nicht aber von diskursiven Demokraten ist.

Die Bilanz der SPD im Herbst fällt desaströs aus. Doch beharrt ihr Noch-Parteivorsitzender in Interviews dieser Tage schmallippig und rechthaberisch darauf, dass die zurückliegenden elf Jahre gut, ein "stolzes Stück" für die SPD waren.

Eine Art Despotie im Willy-Brandt-Haus?

Wie, um Bebels Willen, hat es zu dieser Honeckerei, der Realitätsverdrängung und Fehlerignoranz in der SPD kommen können?

Aber mehr noch: Kaum war die Bundestagswahl mit dem Katastrophenergebnis für die SPD vorbei, erreichten den Autor zahlreiche Mitteilungen aus dem Willy-Brandt-Haus, dass dort während der Monate zuvor eine Art Despotie geherrscht habe, ein Klima des Duckmäusertums, der Bespitzelung, der Denunziation.

Eine allgegenwärtige Furcht vor den "Oberen" habe alle Kreativität vereitelt. Auf den Parteiversammlungen an der Basis hört man seit Wochen ganz ähnliche Töne, die einen abermals an den Herbst 1989 erinnern.

Redner melden sich in reuiger Selbstbezichtigung zu Wort, dass man fälschlicherweise all die Jahre geschwiegen, nicht gegen den Kurs der Parteispitze aufbegehrt habe, sei es aus falsch verstandener Solidarität oder schlicht aus Angst, politisch sonst kaltgestellt zu werden.

Nochmals: Wie hat es zu solchen Defekten in der einst selbstbewussten, widerspruchsfreudigen und unbedingt demokratischen Sozialdemokratie kommen können?

Der designierte Vorsitzende Sigmar Gabriel hatte immerhin schon früh eine Antenne für die Fehlentwicklungen. Schon 2003 konstatierte er erschreckt: "Die SPD ist organisatorisch fertig. Sie ist müde, ausgelaugt und braucht dringend eine Organisationsreform."

Die Dringlichkeit ist seither um ein Vielfaches noch angewachsen.

Die SPD erscheint als demokratische Organisation gründlich deformiert. Hier kann es für Gabriel nur Bruch und Neuanfang geben, nicht jedoch eine Kontinuität der Ära Schröder-Müntefering.

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(SZ vom 12.11.2009/odg)