Erste Untersuchungsergebnisse zur Katastrophe von Duisburg belasten beinahe ausschließlich den Veranstalter. Der Darstellung zufolge gelang es diesem nicht, die gewaltigen Besuchermassen auf dem Partygelände sicher zu steuern.
Der Samstag der Loveparade hatte schon nicht gut begonnen. Morgens um elf Uhr wollte der Veranstalter eigentlich das Gelände öffnen, bei großem Andrang sogar schon eine Stunde früher. Tatsächlich öffnete er die Zugänge vollständig erst um 12.04 Uhr, weil er vorher noch Planierarbeiten auf der Partymeile erledigen wollte. Um kurz nach zwölf hatten sich wegen der Verspätung bereits große Rückstaus an den Eingangsschleusen gebildet - es geschah also genau das, was eine frühere Öffnung eigentlich verhindern sollte.
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SZ-Graphik: Hanna Eiden. Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild.
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Mit dieser Szene einer wachsenden Menschenmenge am falschen Ort beginnt die Chronologie der tödlichen Loveparade am vergangenen Samstag, wie sie das Innenministerium Nordrhein-Westfalens schildert. Am Mittwoch wurden diese ersten Untersuchungsergebnisse veröffentlicht. Es ist eine Chronik des Versagens, die beinahe ausschließlich den Veranstalter belastet. Der Darstellung zufolge war die zentrale Ursache der Katastrophe, dass es nicht gelang, die gewaltigen Besuchermassen auf dem Partygelände ordentlich zu steuern. Diese Aufgabe oblag allein dem Veranstalter - so steht es seinem Sicherheitskonzept und so ist es bei Veranstaltungen dieser Art auch üblich.
Die Polizei musste nach eigenen Angaben immer wieder Druck auf den Veranstalter ausüben, damit wie geplant 30.000 Menschen pro Stunde die Zugangsschleusen passieren konnten. Die Besucher kamen also zunächst nur schleppend auf das Partygelände. Sie erreichten dieses nach den Schleusen zunächst durch zwei Tunnel, von denen aus eine Rampe auf die Partymeile führte. Am oberen Ende dieser Rampe bildete sich am Nachmittag allerdings ein Rückstau. Statt nämlich einfach weiterzugehen und sich auf dem Gelände zu verteilen, blieben viele ankommende Gäste erstmal am oberen Ende der Rampe stehen, um die Float-Parade zu verfolgen, also eine Reihe von Lastwagen mit Bühnen, Tänzern und Discjockeys. Die Polizei erklärt, sie habe vor der Veranstaltung auf dieses Staurisiko hingewiesen. Der Veranstalter hatte entgegnet, die Floats würden sich gegen den Uhrzeigersinn bewegen und damit eine Art Sog entfachen, der die ankommenden Besucher gleich mitziehen würde.
Außerdem sollten Ordnungskräfte der Loveparade, sogenannte Pusher, die Ankommenden am oberen Ende der Rampe entlang der Strecke weiterleiten, was aber nach den Beobachtungen der Polizei nicht geschah. Weil sich der Rückstau an dieser Stelle nicht auflösen ließ, bat der Veranstalter gegen 15.30 Uhr um Hilfe bei der Polizei. Ziel war es, den Zustrom von Menschen zu unterbrechen, damit sich der Rückstau am oberen Ende der Rampe auflösen konnte. Die spontane Absprache zwischen Veranstalter und Polizei sah zweierlei vor: Ordner und Polizei sollten auf der Rampe eine Art Sperre errichten, und zweitens wollten sie verhindern, dass noch mehr Menschen nachkamen. Deshalb sollten die Zugangsschleusen vor den Eingängen der Tunnel geschlossen werden. Um 15.46 Uhr wies der Veranstalter seine Ordner an, diese Schleusen zu schließen, was aber nicht geschah. Die Polizei erklärt, sie wisse nicht, warum die Ordner der Loveparade nicht reagierten. In der "Veranstaltungsbeschreibung" der Event-Gesellschaft Lopavent heißt es, trotz aller Kontrolle solle der Eindruck eines freien Zuganges bleiben, denn diese Freiheit sei "bestimmendes und sinnstiftendes Merkmal der Loveparade".
Am östlichen Zugang kam es offenbar nur zu kurzen Sperrungen. Am westlichen Zugang wurden die Absperrungen gegen 16.30 Uhr geöffnet, um einen Rettungswagen durchzulassen. Der Zaun aber wurde nicht gleich wieder geschlossen, und es wurde sogar ein weiteres Zaunteil entfernt. So drangen noch einmal etliche Besucher in den Tunnel zum Partygelände ein. Erst um 16.40 Uhr wurden die Zäune von den Ordnungsleuten des Loveparade-Veranstalters wieder geschlossen, erst dann nämlich, als die Polizei dies nach eigenen Angaben ausdrücklich angemahnt hatte.
Während die Besuchermasse weiter anschwoll, versuchten die Polizisten, den Zustrom zu bremsen. Auf der Rampe und in den beiden Tunneln bildeten die Beamten Polizeiketten. Sie mussten aber bald vor dem Besucheransturm kapitulieren. Weil der Veranstalter entgegen seiner Zusage die Schleusen nicht geschlossen habe, "mussten die polizeilichen Maßnahmen aufgrund der nachdrängenden Menschenmenge und des sich ständig erhöhenden Drucks aufgegeben werden", heißt es in der Darstellung des Innenministeriums. Zeugen sollen bestätigt haben, dass die Beamten im Tunnel förmlich überrannt worden und dann zur Seite gewichen seien. Der Stau am Ende der Rampe löste sich derweil auch weiterhin nicht auf, die Lage wurde sogar noch schlimmer, weil sich dort offenbar auch noch Besucher ballten, die schon wieder gehen wollten.
Das Innenministerium hat am Mittwoch bei der Düsseldorfer Pressekonferenz mehrmals darauf hingewiesen, dass die Steuerung der Besucherströme ureigene Aufgabe des Loveparade-Veranstalters gewesen sei. In dessen Sicherheitskonzept vom 28. Juni hieß es etwa: "Zur Publikumssteuerung (crowd handling) sind im gesamten Eingangs-Tunnelbereich etwa 100 Sicherheitskräfte des Veranstalters im Einsatz. (...) Sollten sich Rückstauungen vom Veranstaltungsgelände bis zum Tunnel abzeichnen, wird hier umgehend die temporäre Sperrung der Einlassschleusen veranlasst". Offenbar hat der Veranstalter am Tag der Katastrophe keine seiner Zusagen einhalten können. Fraglich ist allerdings, warum die Polizei nicht entschiedener die Schließung der Schleusen durchsetzte.
Von ersten Opfern an der Rampe erfuhr die Polizei um 17.02 Uhr. Da wurde die Menschenmenge im unteren Drittel der Zugangsrampe bereits extrem zusammengedrängt. An der westlichen Seite der Rampe wurde der Absperrzaun, der eine Treppe sicherte, umgerissen. Plötzlich war damit der Zugang zu der schmalen Treppe frei, die nach oben auf die Partyfläche führte. Etliche Besucher drängten nun in Richtung der Treppe, um über die Abkürzung ins Freie zu kommen. Damit stieg der Druck nochmals erheblich.
Die Polizei glaubt, dass die "inzwischen am Boden liegenden Zaunelemente zur Stolperfalle wurden". Nur in diesem schmalen Bereich, der unmittelbar am Fuß der Treppe lag, war das Drängen der Masse am Ende so stark, dass Menschen starben. Dort fand man die 14 unmittelbar Getöteten. Die Polizei vermutet unter den Menschen in diesem Bereich "unterschiedliche Motivlagen". Viele hätten offenbar versucht, dem ungeheuren Druck zu entkommen. Andere hätten wohl schlicht schneller auf das Partygelände gelangen wollen.
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(SZ vom 29.07.2010)
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Selber bin ich in der 2. Hälfte der 50er und Hotelier, meine Begleiterin um 10 Jahre jünger und Studienrätin. Die Besucher setzten sich aus allen Altersgruppen zusammen. Wir sahen fassungslos auch 2 Rollstuhlfahrer. Einer davon nicht weit vom Getümmel der Treppe entfernt.
Wir sahen keine betrunkene oder mit Drogen vollgeknallte Besucher. Das, was wir im Bereich der Treppe sahen, waren verzweifelte, total verängstigte und orientierungslose Menschen, die einen Ausweg aus einer tödlichen Falle suchten, die es letztendlich für 21 von ihnen nicht gab.
Endlich kommt der Knackpunkt, das Aufmachen der Schleusen neben dem Altenstift für die Durchfahrt des Rettungsfahrzeuges ins Visier, siehe auch das heutige Protokoll in der Rheinischen Post. Seit Sonntag schreibe ich mir diesbezüglich die Finger wund.
Die Schleusen waren zu schwach mit Sicherheitsleuten besetzt, um nach der Öffnung, für die Durchfahrt des Rettungsfahrzeuges,diese wieder zu schliessen. Polizisten standen hinter der hohen Seitenabsperrung und konnten daher nicht sofort eingreifen. Als wir hinter dem Rettungsfahrzeug den Tunnel erreichten, befanden sich nur ein paar Hundert Besucher im Tunnel, etliche Tausende
jedoch bereits wenige Minuten später. Hätten die Schleusen sofort nach Durchfahrt des Rettungsfahrzeuges wieder geschlossen werden können, hätte es im Tunnel genügend Auslauf für die von der anderen Seite kommenden Besucher gegeben.
Die Polizisten, die hinter der Seitenabsperrung standen, hätten SOFORT eingreifen MÜSSEN als sie sahen, dass es für die wenigen Sicherheitsleute UNMÖGLICH war, sich gegen die Masse von Zigtausenden zu stemmen, um die Schleusen wieder zu schliessen.
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Auch mir als Unbeteiligtem ergab sich dieser Eindruck. Ich habe hier wirklich nicht das Sicherheitskonzept, die behördenwege, Druck und Eitelkeiten eines OB, die Würstchenstände und was weiss ich noch zu beurteilen. Da mag unglaublich viel Mitschuld vorliegen, unglaublich viel Schlmperei usw.
Nur darum geht es nicht.
Wie Sie sagen: eine kleine Zahl an Polizisten mit Megaphon und eine Vorabsperrung mit Öffnung erst NACH einer Ffreigabe aus den gefährlichen Staubereichen hätte genügt. Stattdessen wurde oben zugemacht unnd hinten der Zulauf geöffnet - was wie bei der Bratwurst bekanntlich zum Blähen und dann seitlichem Ausspritzen führt.
Der Wurstvergleich ist von mir bewusst gewählt, nicht aus Pietätlosigkeit - sondern um die alte "Wursttaktik" der Polizei bei Demos anzusprechen. Seit Jahrzehnten bekannt, Teil der Ausbildung.
Nochmals zu den Zahlen - wer auch immer da Schätzungen von sich gibt, möge bechten, dass es bzgl. der Parade drei Orte gab: Leute AUF dem gelände, Leute auf Rmpe und im Tunnel, und leute, die noch auf dem Wege waren, in der Stadt, vor dem Tunnel. da die wenigem, die ds gelände am frühen Nachmittag wieder verlassen wollten, wirklich nur abstrakt, aber nicht faktisch ein Problem darstellten, ist das gelände irrelevaant, egal ob dort millionen oder nur tausende waren.
... belastbare Zahlen zu den anwesenden Teilnehmern? Dass die größte Zahl die ich gehört habe (1,4 Mio Teilnehmer) ein Werbegag war und dass 105.000 Zugfahrer auf der anderen Seite auch keine Aussagekraft haben, dürfte klar sein. Wenn aber wirklich nur max 30.000 Teilnehmer pro Stunde die Rampe passieren konnten, wären von ca. 12.04 Uhr (angeblich Beginn Einlass) bis ca. 17 Uhr max nur 5 x 30.000 = 150.000 Teilnehmer auf das Gelände gelangt.
Richten sich nicht bei Großveranstaltungen z.B. die nötige Polizistenzahl u. die nötige Ordnerzahl nach den Teilnehmerzahlen?
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