BRD: Roma-Abschiebung Gestrandet in einer schrecklichen Heimat

"Sie landen im Nichts, sie werden hungern": Deutschland schiebt seit dem Frühjahr Tausende geflohene Roma in den Kosovo ab - mitten hinein in Armut und Hoffnungslosigkeit.

Von Enver Robelli

Allein schon das Wort Abschiebung kann Haxhi Zylfi Merxha in Rage versetzen. Auf Deutschland ist er in diesen Tagen nicht gut zu sprechen. Er ist empört, dass mehrere Bundesländer Hunderte Roma zurück in den Kosovo schicken. "Wohin sollen sie kommen? Hier landen sie im Nichts, sie werden hungern, der Winter steht bevor und viele haben kein Dach über dem Kopf. Der Kosovo ist das Armenhaus Europas, die Hälfte der Bevölkerung lebt am Rande der Existenz", sagt Merxha. Der Mann trägt eine Brille, einen sorgfältig gestutzten Bart und einen eleganten Anzug. Haxhi ist ein Ehrentitel für einen Muslim, der die Pilgerfahrt nach Mekka absolviert hat.

Im Alltag hat Zylfi Merxha mehrere Funktionen. Er ist Präsident einer Roma-Partei und Abgeordneter im Parlament des Kosovo. Dort vertritt er die Interessen seiner Volksgruppe. Oft ist er der einzige Politiker, der mit seinen Forderungen den Menschen aller Ethnien aus dem Herzen spricht. Während die kosovo-albanischen Politiker über die Privatisierung der Post- und Telekom-Gesellschaft streiten und hochtrabende Pläne für neue Autobahnen und Kohlekraftwerke verkünden, verlangt Zylfi Merxha mehr Arbeitsplätze, eine bessere Integration der Roma in die Gesellschaft und Ausbildungsmöglichkeiten für die Jugendlichen. Er ist und bleibt ein bodenständiger Politiker. Händeringend bittet Merxha die Regierung in Berlin, die Ausweisung von Roma auszusetzen - bisher ohne Erfolg.

Im April haben die Innenminister der Bundesrepublik und des Kosovo ein sogenanntes Rücknahmeabkommen unterzeichnet. Etwa 13000 Roma, Ashkali und Ägypter sollen in den nächsten Jahren in den Kosovo abgeschoben werden. Die Regierung des fragilen Balkanstaates hat mit mehreren europäischen Ländern solche Abkommen unterzeichnet. Damit verbunden ist die Hoffnung sowohl auf eine Aufhebung der Visumspflicht für kosovarische Bürger als auch auf eine schnellere Integration in die EU. Die Chancen dafür sind jedoch schlecht. Der Kosovo leide unter dem organisierten Verbrechen und sei eine Schmuggelroute für Drogen aus Afghanistan in Richtung Westeuropa, kritisierte Bundesinnenminister Thomas de Maizière, kurz nachdem er seine Unterschrift unter die Vereinbarung gesetzt hatte. Sein Kollege Bajram Rexhepi fühlte sich brüskiert, gelobte aber Besserung.

Seit dem Frühling landen Sondermaschinen aus Düsseldorf und Stuttgart auf dem Flughafen von Pristina. Die Ankunftszeiten sind auf keiner Tafel vermerkt, man will die Roma möglichst diskret in Notunterkünfte bringen. Meistens werden sie in schäbige Motels in der Umgebung der Hauptstadt Pristina einquartiert. Dort können sie etwa zehn Tage lang bleiben und werden von einer dubiosen Nichtregierungsorganisation unterstützt, die "Projekt 03" heißt. Gemäß Recherchen der lokalen Tageszeitung Koha ditore stecken hinter dieser Organisation vor allem Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens RTK. Die Regierung hat ihnen Geld für die Betreuung der Roma zur Verfügung gestellt - als Dank für gefällige Berichterstattung. Während unabhängige Medien die Korruption anprangern, singt das Staatsfernsehen Lobeshymnen auf die Regierung. Nach Ablauf dieser Betreuungsfrist sind die jeweiligen Gemeinden für die Rückkehrer zuständig.