Deradikalisierung Islamismus mit Islam bekämpfen

Um an gefährdete junge Muslime heranzukommen, müssen die Mitarbeiter der hessischen Initiative in die islamistische Szene eintauchen. Die Gefahr, dass ihnen das zum Vorwurf gemacht wird, besteht.

(Foto: Eibner/imago)

Das "Violence Prevention Network" will auch jugendliche Islamisten deradikalisieren. Manchmal geraten die muslimischen Helfer dabei selbst unter Extremismusverdacht.

Von Dunja Ramadan, Frankfurt

Kreshnik B. hatte da eine Frage, die ihn aufwühlte und quälte. Darf man einen Treueeid brechen? Und kommt man in die Hölle, wenn man es tut? Kreshnik B. war im Juli 2013 nach Syrien aufgebrochen, um für den "Islamischen Staat" zu kämpfen. Da war er 19, dem Anführer al-Baghdadi schwor er Treue bis in den Tod. Doch dass die Terrormiliz auch Muslime ermordete, erschütterte seinen Glauben an Miliz und Anführer, er kehrte nach Deutschland zurück, wo ihn das Oberlandesgericht Frankfurt zu drei Jahren und neun Monaten Jugendstrafe verurteilte. Im Prozess verteidigte er seinen Wunsch, als Märtyrer zu sterben.

Im Gefängnis wurde der Heimkehrer ein Fall für Cuma Ülger und Hakan Çelik. Sie sind Islamwissenschaftler und Pädagogen, und Kreshnik B. gab seine Frage an sie weiter: Hat er sich versündigt, indem er den Eid brach? "Er war überzeugt, bei Gott in Ungnade gefallen zu sein, weil er sich vom IS abgewandt hatte", erzählt Ülger, "er war in seinem Denken stark ideologisiert". Ülger, ein Mann mit randloser Brille und akkurat gestutztem Bart, arbeitete den Fall gemeinsam mit dem radikalisierten jungen Mann erst einmal theologisch auf. Çelik und er brachten Bücher über Koranexegese und islamische Rechtssprechung mit ins Gefängnis, erklärten ihm, warum der sogenannte Islamische Staat sich nicht religiös begründen lasse. "Wir wussten, sonst kommt er davon nicht weg und kann nicht neu anfangen", sagt Ülger. Kreshnik B. wurde vorzeitig aus der Haft entlassen, die beiden Männer begleiten ihn bis heute. Er baut sich ein neues Leben auf und macht sich gut, finden sie.

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Ülger und Çelik sind die Projektkoordinatoren des "Violence Prevention Network" (VPN) in Hessen. Sie verfolgen das Ziel, junge Muslime zu entradikalisieren, Jugendliche von falschen Ideologien zu befreien, sei es auf Schulhöfen oder in Gefängnissen. Politiker diverser Parteien betonen immer wieder, dass eine sinnvolle Strategie zur Terrorbekämpfung mehr Prävention und Maßnahmen gegen Radikalisierung beinhalten müsse. Das Land Hessen fördert das Projekt seit Juli 2014 mit jährlich 1,2 Millionen Euro. Gläubige Muslime arbeiten mit den radikalisierten Jugendlichen - das hält der Verein für einen entscheidenden Grund seines Erfolgs. Thomas Mücke ist der Geschäftsführer von VPN, der 58-Jährige hat mit mehr als 900 radikalen Jugendlichen gearbeitet, anfangs vor allem mit Rechtsextremen. "Wenn ich als atheistische Biokartoffel mit denen spreche, erreiche ich diese Jugendlichen doch nicht", sagt Mücke in flapsigem Berlinerisch. "Da müssen Vorbilder mit muslimischen Wurzeln agieren, sonst kommt man an die nicht ran."

Dieser Ansatz ist nicht neu: Zu Beginn der Neunzigerjahre begründete Franz Josef Krafeld an der Hochschule Bremen die "akzeptierende Jugendarbeit" für die rechte Szene. Der Ansatz postuliert ein positives Menschenbild: Wenn die Sozialarbeiter sich für ihre Klienten interessieren, sie ernst nehmen und respektieren, statt von vornherein ihre negative Seite zu betonen - dann sind diese Jugendliche auch bereit, sich zu ändern. Konfrontation gehört zwar zur Arbeit dazu, ist aber nicht ihr Ausgangspunkt. Die akzeptierende Jugendarbeit wollte rechte Gewalttaten verhindern, Jugendliche zum Ausstieg aus ihrer Szene bewegen. Ende der Neunziger geriet das Konzept jedoch in Verruf. Es verschaffe der Szene Freiräume und fördere sie sogar, lautete der Vorwurf.

Zwangsläufig in der extremistischen Szene tätig

Auch die Arbeit des Präventionsnetzwerks VPN ist umstritten. Im Frühjahr wurden zwei Mitarbeiter vorübergehend suspendiert - wegen möglicher Kontakte zur extremistischen Szene. Dort seien sie zwangsläufig zwar tätig, so das hessische Innenministerium, gerade deshalb sei ihre Aufgabe aber so verantwortungsvoll: Sie müssten ohne jegliche Einschränkung die freiheitliche demokratische Grundordnung akzeptieren. Eine der beiden Mitarbeiter ist Halima Faissal, 26, Pädagogin. Ihren richtigen Namen möchte sie in der Zeitung nicht lesen, sie halte sich auch von Facebook fern, sagt sie. Die in Frankfurt aufgewachsene Islam- und Erziehungswissenschaftlerin arbeitet vor allem mit radikalisierten jungen Frauen. Ihre muslimische Identität sah Faissal als berufliches Plus, heute ist sie sich da nicht mehr sicher. Ihr wurde vorgeworfen, außerhalb ihrer Arbeit mit einem Verein kooperiert zu haben, der den Muslimbrüdern nahe stehe und der islamistischen Szene als Anlaufstelle diene, lässt das Landesamt für Verfassungsschutz Hessen wissen.

Dass ihre demokratische Grundhaltung bezweifelt wird, kann die 26-Jährige nicht glauben. Immer wieder schüttelt sie den Kopf und zieht ihre dichten Augenbrauen hoch. "Was für 'ne Frage. Natürlich bekenne ich mich zum Grundgesetz", sagt sie, "glaubt irgendjemand wirklich, ich habe Interesse daran, ein islamisches Kalifat aufzubauen?" Sie muss lachen, weil sie diese Vorstellung offenbar für absurd hält. Nach ihrer Suspendierung musste Faissal den Kontakt zu den gefährdeten Frauen abbrechen, sie nennt sie "meine Klientinnen". Ihr fällt es schwer, über konkrete Fälle zu sprechen, sie möchte nicht, dass sich jemand wiedererkennt. Sie will aber auch zeigen, wie wichtig ihre Arbeit ist. Sie erzählt von einer 17-jährigen Schülerin aus Hessen, die ihren Mann bei der Eheschließung zum ersten Mal sah. Das sei kein Einzelfall, in der radikalen Szene sei es regelrecht ein Trend, mit 14 Jahren einen völlig unbekannten "Bruder" islamisch zu heiraten, sagt Faissal. Die meisten Mädchen kämen aus zerrütteten Familien, in denen Religion eher zweitrangig sei, sagt Faissal. Oft hätten sie Angst, dass ihr Doppelleben zuhause auffliegt, viele erlitten Fehlgeburten. Nach deutschem Recht sind diese Ehen nicht gültig. "Sie wollen sich trotzdem nicht von der Szene trennen, weil sie zuhause keine Geborgenheit finden." Doch auch in der Ehe suchten die meisten danach vergeblich: Die simple Gleichung, ein guter Muslim sei auch ein guter Ehemann, die gehe nicht auf. Abends würden viele Männer auf der Playstation zocken oder Pokémons suchen statt zu beten und für sie da zu sein, erzählen ihr die Mädchen. "Den ganzen Tag strammer Extremist zu sein ist offenbar ganz schön anstrengend", sagt Faissal und lacht.

Der Verein will jungen Muslimen helfen, den Weg zurück in die deutsche Gesellschaft zu finden.

(Foto: Soufeina Hamed)

Bislang galt der Verein als Musterbeispiel für gelungene Prävention: Im Juni 2016 wurde er von der Bundesregierung als "Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen" gewürdigt, Kategorie: Gesellschaft, Thema: Nachbarschaft. Auch Hessens Innenminister Peter Beuth lobte Anfang 2016, die Mitarbeiter hätten durch ihren Glauben einen besseren Zugang zu gefährdeten Jugendlichen. Bis Ende 2015 reisten laut Innenministerium rund 140 Islamisten aus Hessen aus, seitdem waren es lediglich zehn Islamisten.

Öffentlich wurden die Vorwürfe gegen Faissal und ihren Kollegen vor allem durch den Blog von Sigrid Herrmann-Marschall, die sich auf ihrer Webseite als "unabhängige Sekten- und Islamismus-Expertin" bezeichnet. Sie sammelt und gewichtet aus einer religionsskeptischen Perspektive Informationen, demonstriert gegen Koranverteilungsaktionen von Salafisten, bietet sich als Sprecherin auf Podien oder in Schulen an - die Grenzen zwischen Expertise und Aktivismus sind bei ihr fließend. Herrmann-Marschall besitze "allenfalls Laienwissen über den Islam und verurteilt Menschen pauschal als Anhänger islamistischer Strömungen, ohne nachprüfbare Beweisführung", urteilt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. Ein Vorwurf, den die Bloggerin "undifferenziert" nennt.

Der Direktor der Katholischen Akademie in Frankfurt hält die Anschuldigungen für Unsinn

Aber auch der Osnabrücker Islamwissenschaftler Michael Kiefer kritisiert: "Die Behörden schenken selbsternannten Islamexperten, die keine Ahnung von Islamismus haben, zu viel Glauben." Es könne nicht sein, dass man Menschen nicht anhand ihrer Äußerungen bewerte, sondern ihnen eine Art "Kontaktschuld" anhänge. Joachim Valentin, der Direktor der Katholischen Akademie in Frankfurt, sitzt mit dem zweiten suspendierten Mitarbeiter, einem 27-jährigen Bremer, seit zwei Jahren im Rat der Religionen. Die Vorwürfe hält er für "großen Bullshit - sorry, aber da gibt es kein deutsches Wort dafür". Viele Islamkritiker weiteten den kleinen Kreis der Salafisten auf alle konservativen Muslime aus und erzeugten "Nachrichten im Konjunktiv. Dabei ist oft nur zwanzig Prozent Sensationswahrheit in der Meldung."

Nach einigen Wochen wurden die Vorwürfe gegen die VPN-Mitarbeiter fallen gelassen. Laut Innenministerium liegen "keine extremistischen Bestrebungen" vor. Faissal befürchtet jedoch, dass das Misstrauen bleibt. Auch das Verhältnis zu ihren Klientinnen sei gestört worden. "Drei Wochen Suspendierung bedeuten 10 000 Schritte zurück im Leben einer gefährdeten Person", sagt Faissal. Sie kenne die Ängste vieler Menschen vor dem Islam, doch man müsse differenzieren. "Ist jemand extremistisch, wenn er fünfmal am Tag betet oder ein Kopftuch trägt? Steht jemand den Muslimbrüdern nah, wenn er in einer Moschee betet, die Kontakte zu ihnen hat?" Halima Faissal wirft den Kopf nach hinten. "Wo ist da die Grenze?"

Am Konzept, dass Muslime radikalisierte Muslime wieder gesellschaftsfähig machen, will der Verein festhalten.

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