Deniz Yücel ein Jahr in Haft Freiheit hinter Gittern

Solidaritätskundgebung für den inhaftierten Journalisten Deniz Yücel am Brandenburger Tor (Archivbild)

(Foto: Regina Schmeken)
  • Seit einem Jahr sitzt der deutsche Journalist Deniz Yücel ohne Anklage in türkischer Haft.
  • Mit Unterstützung durch Freunde und seine Anwälte hat er ein neues Buch veröffentlicht, das am Mittwoch in Berlin vorgestellt wird.
  • Außer Yücel sitzen noch zahlreiche weitere Journalisten in der Türkei im Gefängnis.
Von Christiane Schlötzer

Erst probierte er es mit roter Tomatensoße und einer abgebrochenen Plastikgabel, aber das erlaubte "kein filigranes Schreiben". Dann klaute der Häftling Deniz Yücel von einem Arzt einen Kugelschreiber. Ein Jahr später - zwölf Monate nach seiner Festnahme in Istanbul am 14. Februar 2017 - ist der deutsch-türkische Journalist Yücel, 44, zwar wieder im Besitz von Papier und Stiften, er darf sie sich im Gefängnisladen von Silivri kaufen, aber sein neuestes Buch wird er am Mittwochabend in Berlin nicht selbst vorstellen können. Das werden Herbert Grönemeyer, Hanna Schygulla und andere Unterstützer der Solidaritätsaktion #FreeDeniz für ihn tun. Die lange Haft Yücels - ohne Anklage - belaste das deutsch-türkische Verhältnis, hat die Bundesregierung zum Jahrestag der Inhaftierung des Welt-Korrespondenten erklärt.

Zu den Vorwürfen gegen Yücel ist bislang nur bekannt, was im Haftbefehl steht, die Staatsanwaltschaft wirft ihm "Terrorpropaganda" und "Volksverhetzung" vor, in einer Stellungnahme an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof hat die Türkei dies im November 2017 wiederholt. Das Buch enthält nun auch zwei frühere Texte Yücels, die als "Beweise" für die Vorwürfe gelten sollen: ein Interview mit einem PKK-Vizechef und ein Artikel über den Machtausbau des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Er wolle sich nicht zum Schweigen bringen lassen, schreibt Yücel im Vorwort.

Wie lange die Haft noch dauern wird, ist völlig offen

Doris Akrap, Redakteurin der taz, für die Yücel schrieb, bevor er 2015 als Türkei-Korrespondent zur Welt wechselte, hat berichtet, wie sie in mühsamer Kommunikation über Yücels Anwälte, die ihn regelmäßig im Gefängnis besuchen dürfen, die Arbeit an dem Buch bewerkstelligte. Um jedes Komma hätten sie gerungen, Yücel sei für "seine Pedanterie" bekannt.

Wie lange Yücels Haft noch dauern wird, ist völlig offen. Erdoğan hat schon vor längerer Zeit damit gedroht, Yücel werde so lange nicht nach Deutschland zurückkehren, wie er an der Macht sei, er nannte ihn einen "deutschen Agenten". Erdoğan hat Journalisten, deren Berichte ihm nicht gefallen, auch schon mal als "Gärtner" des Terrorismus bezeichnet.

Etwas konzilianter klang Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu, der jüngst in Antalya vor deutschen Journalisten verkündete, er habe "kein Problem mit Deniz Yücel". Der Fall Yücel vergifte die deutsch-türkischen Beziehungen, sagte Çavuşoğlu. "So schnell wie möglich" sollte daher die Anklageschrift vorgelegt werden, damit ein Prozess beginnen könne. Das ist nun auch schon wieder vier Wochen her.

Die Türkei in der Rangliste der Pressefreiheit derzeit auf Platz 155 von 180

Seitdem hat die Türkei einen neuen Krieg begonnen, gegen die kurdische YPG im benachbarten syrischen Afrîn. Und wieder wurden Regierungskritiker in der Türkei festgenommen, fast 500 Menschen, weil sie in sozialen Medien das Vorgehen der türkischen Armee in Syrien kritisierten. Das Innenministerium in Ankara gab diese Woche die Zahlen bekannt.

Nach Angaben von "Reporter ohne Grenzen" (ROG) steht die Türkei in der Rangliste der Pressefreiheit derzeit auf Platz 155 von 180 Staaten, mit mehr als 100 inhaftierten Journalisten. ROG nennt die "anhaltende Geiselhaft für Deniz Yücel unerträglich". Vor allem nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden die Gefängnisse gefüllt. Yücel schreibt, er habe andere Häftlinge kennengelernt, darunter Richter, Polizisten, echte Gangster und kurdische Aktivisten. Alle hätten ihm gesagt, er müsse das Erlebte notieren, weshalb das Buch heiße: "Wir sind ja nicht zum Spaß hier".

Viele türkische Journalisten sind geflohen

Mehrere Journalistenpreise wurden Yücel zuletzt in Abwesenheit verliehen, fürs "Dummrumsitzen", wie er das selbst nennt. Es säßen noch weit mehr türkische Journalisten in der Türkei in Haft, wäre ihnen nicht die Flucht gelungen, häufig auf abenteuerliche Weise. Eine Journalistin fuhr im Flüchtlingsboot mit Syrern über die Ägäis; wer mit Haftbefehl gesucht wird, dem bleibt kein legaler Weg mehr aus dem Land. Zu den Geflüchteten gehören Chefredakteure, Kolumnisten, Reporter. Sie sind in Frankreich, den USA, Kanada, Deutschland, Schweden, Griechenland.

In Berlin wurde jetzt Yavuz Baydar, 61, der Jahrzehnte in der Türkei für große Zeitungen schrieb und für das Fernsehen arbeitete, mit dem Journalistenpreis der Südosteuropa Gesellschaft ausgezeichnet, unter anderem für das "Türkische Tagebuch", das er nach seiner Flucht ein Jahr lang für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Baydar erinnerte dabei in der Humboldt-Universität an den deutschen Schriftsteller Stefan Zweig, der einst vor den Nationalsozialisten floh und sein erzwungenes Exil als "nervenzerwühlendes Gefühl" und Zustand der "Vaterlandslosigkeit" beschrieb. Baydar bat "europäische Städte", symbolisch je einen der inhaftierten türkischen Journalisten "zu adoptieren", damit sie nicht vergessen würden.

Yücel hat schon ziemlich viele "Adoptiveltern", seine Unterstützer wollen am Mittwoch auch wieder in einem Korso durch Berlin fahren, mit "Autos, Bikes, Traktoren" und allem, "was Räder hat".

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