Zwei unscheinbare Narben könnten dem mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk zum Verhängnis werden.
Zwei unscheinbare Narben könnten dem mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk zum Verhängnis werden. Im Prozess gegen den 90 Jahre alten gebürtigen Ukrainer standen die Wundmale am Dienstag im Schwurgericht München II im Mittelpunkt der Verhandlung.
Bild vergrößern
Der mutmaßliche NS-Verbrecher John Demjanjuk vor dem Münchner Landgericht. (© Foto: ddp)
Anzeige
Demjanjuk ist angeklagt wegen Beihilfe zum Mord. Er soll 1943 als Wachmann im NS-Vernichtungslager Sobibor an der Ermordung von 27.900 vornehmlich aus den Niederlanden deportierten Juden beteiligt gewesen sein. Ein zentrales Beweisstück der Ankläger ist ein Dienstausweis von 1942 mit dem Foto Demjanjuks. Auf dem Dokument ist unter anderem als "besonderes Merkmal" eine "Narbe am Rücken" vermerkt.
Der Rechtsmediziner Wolfgang Eisenmenger, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2009 Leiter des Instituts für Rechtsmedizin in München, hatte den Angeklagten im Mai vorigen Jahres körperlich untersucht. Dabei hatte er am Rücken eine "rundliche Narbe" entdeckt. Demjanjuk selbst hatte früher einmal ausgesagt, er sei im Krieg durch ein Schrapnell verletzt worden. Eisenmenger fand noch eine zweite Narbe an der Unterseite des linken Oberarms.
"Es könnte die Entfernung einer Tätowierung sein", sagte der als Gutachter geladene Medizinprofessor. Üblicherweise hatten SS-Männer an dieser Stelle ihre Blutgruppe tätowiert. Angeblich sollen auch "nichtdeutsche" Wachmänner wie Demjanjuk eine solche Gravur bekommen haben.
Die Münchner Staatsanwaltschaft hatte Eisenmenger auch noch beauftragt, ein Gutachten über die Wirkung von Autoabgasen zu erstellen. In Sobibor wurden die Juden nach Zeugenaussagen mit Hilfe eines 200 PS Panzermotors sowjetischer Bauart ermordet. Dessen Abgase wurden in vier mal vier Meter großen Todeskammern geleitet, in denen bis zu 80 Menschen eingepfercht wurden. Von diesen Kammern gab es in Sobibor sechs.
Eisenmenger zufolge sorgte das Kohlenmonoxid der Abgase zu einer völligen Blockierung des Sauerstofftransports im menschlichen Körper. Die Menschen in den Gaskammern seien langsam erstickt, wobei die seelischen Qualen die körperlichen überlagert hätten. Da der "Vorgang" der Vergasung im Durchschnitt 20 bis 30 Minuten gedauert habe, müssen die seelischen Qualen der Opfer "unmenschlich" gewesen sein.
Für die Juristen ist diese Differenzierung notwendig. Für eine Anklage wegen Mordes müssen bestimmte Mordmerkmale erfüllt sein. Im Fall Demjanjuk sieht die Staatsanwaltschaft das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt. Grausam handelt nach der einschlägigen Kommentierung, wer das Opfer körperlichen oder seelischen Qualen aussetzt, die nach Intensität und Dauer über das "normale Maß" einer Tötung hinausgehen.
Der Prozess gegen Demjanjuk soll an diesem Mittwoch mit der Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt werden.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Demjanjuk-Prozess RSS
- Prozess gegen John Demjanjuk Zoff um den Ausweis 14.04.2010
- Demjanjuk-Prozess Mathematik des Todes 13.02.2010
- Demjanjuk-Prozess "Wir hörten die Schreie aus den Gaskammern" 19.01.2010
- Prozess gegen John Demjanjuk Täter und Helfer 14.01.2010
- Demjanjuk-Prozess "Zuverlässiges Personal" 13.01.2010
- Demjanjuk: Verteidiger streiten "Kommen Sie auf unsere Seite!" 21.12.2009
- Demjanjuk-Prozess Die Last der Überlebenden 21.12.2009
(SZ vom 21.04.2010/aho)
Bilder des Tages
Das dieser grausame Mörder oder Mordhelfer vor Gericht steht, ist nicht das Verdienst der deutschen Justiz, sondern der amerikanischen Ermittler. Das er erst mit 90 Jahren sich verantworten muß, ist ein Trauerspiel und der Tatsache geschuldet, daß mit Beginn des Kalten Krieges bundesdeutsche und amerikanische Behörden "brauchbaren" Naziverbrechern geholfen haben. Demjanjuk war Helfer und Gehilfe der deutschen Nazimordmaschinerie und hat sich wahrscheinlich besonders Liebkind machen wollen durch eigenes brutales Handeln. Warum stehen eigentlich nicht seine deutschen Vorgesetzten der SS vor Gericht? Warum nicht die Schreibtischtäter, die die KZ und Massenmorde planten? Ach ja, einer dieser Täter war ja sogar Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland und hieß Lübke.