Debatte um Stuttgart 21: Liveticker Der Kombi-Bahnhof - Geißlers letzter Joker

Die Schlichtung zu Stuttgart 21 ist mit einer Überraschung zu Ende gegangen. Als die Verhandlungsrunde im Stuttgarter Rathaus zu scheitern drohte, zog Schlichter Heiner Geißler einen Geheimplan aus der Tasche: eine Kombination aus Kopf- und Tiefbahnhof. "Frieden für Stuttgart" hat er diesen Vorschlag überschrieben. Ob es dazu kommt, ist allerdings fraglich: Befürworter und Gegner reagierten mit Skepsis.

Die Vorstellung der Stresstest-Ergebnisse in der Ticker-Nachlese.

Monatelang haben Gegner und Befürworter von Stuttgart 21 um die Zukunft des Milliardenprojekts gerungen. Mit der Vorstellung der Ergebnisse des Stresstests sollte die Schlichtung unter Heiner Geißler nun zum Ende kommen. Nach stundenlangen Diskussionen und viel Verwirrung dann aber die Überraschung: Schlichter Heiner Geißler schlug einen weitreichenden Kompromiss vor und regte im Stuttgarter Rathaus eine kombinierte Lösung aus dem bestehenden Kopfbahnhof und der geplanten Durchgangsstation an. Der Fernverkehr solle durch den neuen Tiefbahnhof laufen, der Nahverkehr über einen verkleinerten Kopfbahnhof. Aus Stuttgart berichteten Michael König und Roman Deininger.

11:47 Uhr

Was ist hier Stresstest-Präsentation und was Schlichtung? Bislang wird der Unterschied nicht ersichtlich. Sogar Schlichter Heiner Geißler sagt jetzt: "Auch wenn der Kopfbahnhof mehr leistet, gibt es auch andere Argumente, warum S21 kommen soll." Daraufhin Bündnissprecher Hannes Rockenbauch: "Sind Sie jetzt bei der Bahn AG?" Geißler weist diese Unterstellung weit von sich. Und die Zahlen-Debatte geht weiter.

11:51 Uhr

Verkehrsminister Hermann spricht für die Landesregierung: "Wir akzeptieren die 49 Züge, weil sie vereinbart wurden." Am Ende der Schlichtung sei man auf keine bessere Vergleichszahl gekommen. Sein Vorschlag: "Warum untersuchen wir nicht mit einem unabhängigen Gutachter die reale Leistungsfähigkeit des Kopfbahnhofs?" Das wollen auch die Gegner - aber die Bahn hat bislang abgelehnt. Es meldet sich nun erstmals Boris Palmer, grüner Oberbürgermeister von Tübingen und einer der Wortführer des Protests. "Ich räume ein, dass ich verantwortlich bin für die Zahlen 37 und 49", sagt Palmer. Jedoch hätten die Gegner nicht der Aussage zugestimmt, dass 37 Züge die Kapazität des heutigen Kopfbahnhofs darstellen. Der neue Tunnelbahnhof könne gerade mal so viel wie der bestehende. "Wenn wir bei 37 Zügen bleiben, müssen die Realitätsbedingungen gelten. Und nicht Ihre Fiktionen aus der Scheinwelt, die wir heute Nachmittag hören werden."

11:55 Uhr

"Herr Palmer, das was Sie bringen, ist ziemlich viel Theorie. Fakt ist, dass wir uns auf Standards einigen und auf einen neutralen Gutachter. Wir beide!", mahnt Volker Kefer, der die Bahn jetzt verteidigt. "Das Verfahren ist extrem transparent." Laute Schreie und Pfiffe auf dem Marktplatz - die Tonkulisse erinnert entfernt an ein Fußballspiel.

11:58 Uhr

Bündnissprecherin Brigitte Dahlbender hält fest: "Sie sind nicht bereit, K21 und S21 miteinander zu vergleichen. Sie halten daran fest, einen funktionierenden Bahnhof zu zerstören." Müdes Kopfschütteln bei der Bahn. Geißler hält dagegen: Beide Seiten hätten den Stresstest für "notwendig" gehalten, so stehe es im Schlichterspruch. Im Übrigen sei man noch mitten in der Debatte, welche Kapazität der Kopfbahnhof habe. Eine "elende" Debatte sei das - darin sind sich Geißler und Dahlbender einig.

12:10 Uhr

Geißler erteilt noch einmal Boris Palmer das Wort. Der grüne Tübinger Rathauschef soll ein erstes Schlusswort sprechen. Doch Palmer macht ein neues Fass auf - er zieht die Glaubwürdigkeit der SMA-Gutachter in Zweifel. "Die Firma SMA bewirbt sich gerade um ein anderes Projekt der Bahn, und sie möchte auch diesen Auftrag gerne bekommen", sagt Palmer. Die Befürworter-Seite gibt sich empört. Palmer rechtfertigt sich: Das sei für jeden im Internet nachlesbar. Er stelle nur fest. Geißler spricht ein Machtwort: "Ich kann nicht zulassen, dass Sie den Gutachter unter Verdacht stellen." Die Beweislast dürfe nicht umgekehrt werden.

12:16 Uhr

"Wir sollen uns der Sache zuwenden und nicht mehr dem Verfahren", mahnt Geißler und erteilt Kefer das Wort. Der Technik-Vorstand der Bahn steht schon am Rednerpult und beginnt mit seinem Vortrag. Erneut erteilt sich Bündnissprecher Rockenbauch selbst das Wort: "Ich habe eine Frage zum Verfahren." Ob es gestattet sei, Rückfragen zu jedem Punkt in Kefers Vortrag zu stellen. Es bringe ja nichts, wenn Kefer eine halbe Stunde spreche. Der Schlichter insistiert: Es sei jetzt mal nötig, dass die Bahn erkläre, was ein Stresstest sei. Daraufin Rockenbauch: "… was die Bahn darunter versteht!" Geißler: "Das ist wichtig, denn viele Menschen verstehen gar nicht, wovon die Rede ist. So geht es auch meinem Nachbarn, der ist Busfahrer."

12:22 Uhr

Geißler verlässt ohne vorherige Ankündigung den Raum, gefolgt von Bündnissprecherin Dahlbender. Kefer spricht ungerührt weiter und präsentiert die Vorgehensweise des Stresstests. Er betont, die Bahn halte sich an das Allgemeine Eisenbahngesetz und die Absprachen mit dem Land Baden-Württemberg. "Eine Willkür ist auszuschließen", sagt Kefer. Der Stresstest sei durch einen Lenkungskreis begleitet worden. "Wir haben diese Übung nicht im stillen Kämmerlein gemacht, sondern insbesondere den Kontakt zum Auditor gesucht."

12:31 Uhr

Was macht der Schlichter? Geißler betritt den Raum, um Bündnissprecher Rockenbauch einige Worte ins Ohr zu flüstern. Dann geht er wieder hinaus und bittet neben Bündnissprecherin Dahlbender auch Verkehrsminister Hermann zu sich. CDU-Fraktionschef Peter Hauk ist das offenbar nicht geheuer - er folgt dem Trio. Kefer fährt unbeirrt fort. Mit einer Powerpoint-Präsentation zeigt er die einzelnen Schritte der Computersimulation: "Infrastruktur einrichten, Fahrplankonzept entwickeln, Fahrplan konstruieren, Betrieb simulieren, SMA-Gutachten." Der Bahn-Technikvorstand geht auf den Vorwurf ein, die Bahn habe gemauschelt. Ein "Rechenprogramm" habe Verspätungen nach dem Zufallsprinzip eingestreut.

12:34 Uhr

Die Aufmerksamkeit im Raum leidet merklich unter der Abwesenheit des Schlichters, der im Vorraum ein konspiratives Treffen abzuhalten scheint. Fraktionschef Hauk stehe nicht in der Runde, wird berichtet. Geißler verhandelt mit Dahlbender und Hermann.

12:39 Uhr

Auch der Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster verlässt den Raum, während CDU-Fraktionschef Hauk zurückgekehrt. Kefer redet und redet. Bündnissprecher Rockenbauch hätte in Abwesenheit Geißlers freie Bahn, doch der rothaarige Rebell hält sich zurück und stellt nur wenige Detailfragen, die Kefer mühelos beantwortet.

12:40 Uhr

"Kein Zug fährt raus, bis nicht alle Fahrgäste drin sind", sagt Kefer mit einem Lächeln. Der Bahn-Technikvorstand gibt sich Mühe, alle Angriffspunkte der Gegner zu beseitigen. Verkehrsminister Hermann und Oberbürgermeister Schuster nehmen wieder Platz, auch Dahlbender kehrt zurück. Es fehlt nur noch Geißler.

12:45 Uhr

Es sind jetzt grüne Haken in Kefers Präsentation zu sehen. Sie bedeuten: S21 hat den Stresstest bestanden. Der Auftrag sei gemäß des Schlichterspruchs ausgeführt worden, sagt Kefer. Der Stresstest sei durch den Lenkungskreis begleitet worden. Der Nachweis sei auf Basis anerkannter Standards erbracht worden. Das Vorstandsmitglied der Bahn räumt jedoch ein, die Gegner hätten stärker beteiligt werden können - und erntet Pfiffe auf dem Marktplatz. In Abwesenheit von Geißler will Verkehrsminister Hermann die Runde in die Mittagspause entlassen. Doch CDU-Fraktionschef Hauk hat noch eine Nachfrage.

12:46 Uhr

Verkehrsminister Winfried Hermann würgt die Diskussion ab und verkündet eine 30-minütige Pause. Geißler bleibt vorerst verschollen. Um 13.15 Uhr soll es weitergehen.

13:08 Uhr

Pause in Stuttgart. Hoch her ging es bisher bei der Diskussion des Stresstests für Stuttgart 21. Leicht gereizt sind Gegner, Befürworter und auch Schlichter Heiner Geißler miteinander umgegangen. Mauschelei wirft das Bündnis gegen Stuttgart 21 der Bahn vor, während Tübingens grüner Bürgermeister Boris Palmer sogar die Glaubwürdigkeit der Gutachter selbst in Zweifel zieht. Schlichter Geißler immerhin rügt die Bahn dafür, dass die Gegner unzureichend in den Test eingezogen wurden. Der Technik-Vorstand der Deutschen Bahn AG, Volker Kefer, verteidigte das Unternehmen gegen alle Vorwürfe. Aussage steht gegen Aussage. Am Nachmittag wird nun das eigentliche Ergebnis des Stresstests vorgestellt.

13:29 Uhr

Die Rundenteilnehmer versorgen sich in der Pause mit Kaffee oder führen Gespräche. Geißler soll mit Verkehrsminister Hermann zum Zwiegespräch in einem Büro verschwunden sein. Womöglich arbeiten beide an einer Lösung des Konflikts. Nur durch die Präsentation des Ergebnisses wird sich der Streit nicht schlichten lassen - so viel ist schon jetzt klar. Die Gegner im Raum haben großen Redebedarf. Unten auf dem Marktplatz winken viele der etwa 500 S21-Gegner schon ab: "Die Bahn zieht ihre Show ab und Geißler ist parteiisch", sagt eine Frau im Rollstuhl, die den Tiefbahnhof wegen seiner angeblichen Behindertenfeindlichkeit ablehnt. Eine Freundin sekundiert: "Die Bahn tut so, als würde sie mit einer Märklin-Eisenbahn spielen. Menschen kommen bei ihrer Berechnung gar nicht vor." Nach der Sitzung werde sich der Konflikt nicht gebessert haben, vermutet sie: "Uns bleibt dann nur die Hoffnung, dass S21 vor Gericht scheitert. Aber wir geben nicht auf."

13:38 Uhr

Mit 20-minütiger Verspätung nimmt Schlichter Heiner Geißler wieder Platz. Die Türen schließen sich, es kann weitergehen.

13:43 Uhr

Heiner Geißler verliert kein Wort darüber, weshalb er mitten in der Verhandlung verschwunden war. Stattdessen erteilt der Schlichter dem SMA-Firmenchef Werner Stohler das Wort. Der Gutachter steht nach Palmers Verdächtigungen unter dem Druck, die Unabhängigkeit seiner Experten nachzuweisen. Zunächst kämpft Stohler jedoch mit der Technik. S21-Gegner Rockenbauch, offensichtlich gut erholt nach der Pause, wirft ein: "Sollen wir eine Geschichte erzählen, Herr Geißler?" Als der Schlichter nicht darauf eingeht, erklärt Rockenbauch: "Wir könnten uns den ganzen Stress sparen, wenn wir K21 machen würden." Äußerst unzufrieden hatte sich auch Bündnis-Sprecherin Brigitte Dahlbender geäußert: "Das ist kein Stresstest, das ist ein Schönwetterbetrieb mit leichten Störungen.“

13:53 Uhr

Nach anfänglichen Problemen funktioniert endlich die Technik, die SMA-Chef Stohler für die Präsentation der Stresstestergebnisse benötigt. Er betont zunächst, es tue ihm leid, in den vergangenen Wochen keine Interviewanfragen beantwortet zu haben. "Am Ende des Stresstests waren wir auch im Stress", sagt der Gutachter mit deutlichem schweizerdeutschen Akzent. Er habe die Kräfte seiner Mitarbeiter bündeln müssen, um das Testat rechtzeitig abgeben zu können. Stohler betont die Neutralität seiner Firma: Sie sei seit ihrer Gründung unabhängig und niemandem verpflichtet.

14:03 Uhr

Werner Stohler, dessen Firma SMA den Stresstest unternommen hat, verteidigt sich gegen die Andeutungen des Tübinger Bürgermeisters Palmer, sein Unternehmen wäre nicht unabhängig: "Wir sind der Objektivität und der Neutralität verpflichtet“, sagte der Präsident des Verwaltungsrates von SMA. Seine Firma sei unabhängig und gehöre den Menschen, die in ihr arbeiten. Dass das Unternehmen der Deutschen Bahn gerne Dienstleistungen verkaufe, "versteht sich von selbst“, sagte Stohler. Seinen Vortrag gestaltet er humorvoll - ein krasser Gegensatz zu seinen Vorrednern. "Warum nimmt man eine Computersimulation? Weil man selbst bei einer sehr kleinen Modelleisenbahn eine Scheune bräuchte, die einen Kilometer lang ist", sagt der Schweizer. Anhand eines Beispielzuges zeigt er auf, wie Verspätungen nach dem Zufallsprinzip in die Simulation eingearbeitet werden: "Dieser Zug hier, das ist ein ganz übler Bursche. Der hat aus Tübingen kommend schon fünf Minuten Verspätung." Bahnkunden dürften fünf Minuten Verspätung allerdings nicht als außergewöhnlich oder gar übel erscheinen.

14:14 Uhr

Gutachter Stohler berichtet, der zugrundeliegende Fahrplan - ein Hauptangriffspunkt der Gegner - sei gemeinsam mit der Bahn und dem Land entwickelt worden. Nach dem Machtwechsel in Baden-Württemberg habe die grün-rote Landesregierung der SMA weitere Kriterien diktiert, "als wir quasi schon auf der Zielgeraden waren". Stohler geht die Punkte einzeln durch und stellt fest, dass S21 die Kriterien - mit leichten Abweichungen - erfülle. Einzige Ausnahme: die Anbindung Tübingens über die Wendlinger Kurve. Hier sieht der Gutachter eine Schwachstelle. Auf dem Marktplatz ist daraufhin wieder ein Pfeifkonzert zu hören.

14:20 Uhr

Die Resultate des Testats seien in 27 Steckbriefen dokumentiert, gruppiert in die Bereiche Infrastruktur, Fahrplan und Simulation, erläutert SMA-Chef Stohler. Auf Nachfrage von Hannes Rockenbauch räumt er ein, er habe Unstimmigkeiten bei der Simulation festgestellt. Jedoch habe man letztlich bei jedem Schritt nachvollziehen können, wie die Bahn zu ihren Annahmen gekommen sei.

14:30 Uhr

Es wird jetzt sehr grundsätzlich. SMA-Experte Stohler erläutert viele Fachbegriffe - etwa, was mit "Wendeverknüpfungen" gemeint ist (die Zeit, die der Zugführer braucht, um an der Endhaltestelle von einem Ende des Zuges zum anderen zu kommen). Rockenbauch fragt nach, ob die Gutachter die Simulation auf eigenen Computern durchführen konnten (Stohler: "Nein, wir haben die nicht zu Hause") und ob sie "auch mal selbst ein dem einen oder anderen Hebelchen" der Simulation drehen durften. Stohler: "Wir durften alles, wirklich alles."

14:37 Uhr

Wieder Pfiffe und Buhrufe beim Publikum vor dem Rathaus. Was ist passiert? Die Gutachter, so erklärt SMA-Chef Stohler, hätten in der Simulation der Bahn "Elemente identifiziert, die eine Bewertung des Gesamtergebnisses nicht zuließen". Die Bahn habe dann nachgebessert und neue Simulationsläufe durchgeführt, die Abweichungen im Sekundenbereich ergeben hätten. Diese hätten jedoch an der "Grundstruktur des Resultats" nichts verändert. Insgesamt entspreche die zu erwartende Betriebsqualität dem Kriterium "wirtschaftlich optimal". Das reicht den Gegnern nicht. Sie fordern "Premiumqualität" ein.

14:49 Uhr

Chef-Gutachter Stohler empfiehlt der Bahn, das Simulationsmodell als "Monitoring-Instrument" beizubehalten und einige Details zu prüfen. Dann tritt der Schweizer ab. Geißler dankt ihm für seine Arbeit. "Sie sind längst kein Fremder mehr für uns", sagt der Schlichter. Das Wort erhält Boris Palmer. "Das wird jetzt anstrengend", sagt der Grüne. Er wolle vortragen, dass der Stresstest eigentlich nicht bestanden sei. "Das Wort 'bestanden' kommt in dem Gutachten auch nicht vor", stellt Palmer fest. Aus den Reihen der Bahn schallt es zurück: "Durchgefallen aber auch nicht." Gelächter bei der Befürworter-Seite. Vorm Fenster schweben Luftballons mit einer Botschaft der S21-Aktivisten auf dem Marktplatz: "S21 - jede Reise ein Stresstest."

15:01 Uhr

Thema des Tübinger Bürgermeisters Boris Palmer ist jetzt der Streit um die Bewertung im Stresstest. "Gute Betriebsqualität" hatte Geißler im Schlichterspruch von S21 gefordert. Die Note "gut" gibt es jedoch in der Sprache der Bahn gar nicht mehr. Die entsprechende Richtlinie sei abgeschafft worden, klagt Palmer. "Das heißt jetzt 'Premium', und was früher nur 'zufriedenstellend' war, ist jetzt 'wirtschaftlich optimal'. Das verstehen nur noch Manager." Die Bahn solle so sportlich sein und zugeben, dass "wirtschaftlich optimal" nicht "gut" bedeute. "Wenn ich eine Fahrkarte kaufe, dann will ich Premium bekommen", sagt Palmer. Geißler präzisiert: "'Wirtschaftlich optimal' heißt also, Verspätungen werden nicht abgebaut. Das ist nicht befriedigend, für den Kunden ist das unbefriedigend."

15:06 Uhr

Heiner Geißler setzt nach: Man solle mit der Wortklauberei aufhören, mahnt der Schlichter. Wenn Verspätungen nicht abgebaut würden, dann sei das nicht befriedigend, sondern mangelhaft. Kein Mensch könne das als gut empfinden. "Damit gehen Sie noch weiter als ich", sagt Palmer mit einiger Verblüffung.

15:20 Uhr

Jubel auf dem Marktplatz, die S21-Gegner sind nach Geißlers Äußerungen bester Laune. Palmer legt nach: Die SMA habe zahlreiche Probleme erkannt, die zwar zu beheben seien - jedoch zu Lasten der Betriebsqualität. Geißler unterbricht den Redner und fordert verständlichere Ausführungen. "Das versteht kein Mensch", ruft der Schlichter. "Das steht so im Testat", rechtfertigt sich Palmer.

15:32 Uhr

Die Stimmung im Saal wird hitziger. Kefer verweist die Schilderungen Palmers "ins Reich der Fabel", die S21-Gegner auf dem Markplatz flankieren seinen Beitrag mit "Lügenpack, Lügenpack"-Sprechchören. Geißler ermahnt Palmer erneut, seine Ausführungen verständlich zu halten. Daraufhin beschwert sich Brigitte Dahlbender, Sprecherin des Aktionsbündnisses, beim Schlichter: SMA-Chef Stohler sei bei seinen komplexen Ausführungen auch nicht unterbrochen werden. "So geht es nicht", sagt Dahlbender.

15:56 Uhr

Palmer gibt sich Mühe, die komplexen Formulierungen des Testats in verständliches Deutsch zu übersetzen. Es gelingt ihm leidlich. Geißler lässt ihn gewähren, mahnt jedoch zur Eile. Palmer präsentiert eine lange Liste kritischer Punkte und kommt zu dem Schluss, SMA habe nicht untersucht, wie sich die Beseitung all dieser Probleme zusammen auf die Betriebsqualität auswirke. Stohler hält dagegen: "Es gibt nichts Schlimmeres als Expertenstreit. Wenn wir jetzt Punkt für Punkt durchgehen wollen, dann sei es so. Aber ich glaube nicht, dass es etwas ändert."

16:02 Uhr

Erneut kommt es zum Wortgefecht zwischen Geißler und dem Projektgegner Rockenbauch, der den SMA-Chef frontal angeht. "Sie haben nicht das Wort", ermahnt Geißler den jungen Stuttgarter Stadtrat. "Ich habe es mir genommen", antwortet Rockenbauch. "Bringen Sie das nicht zu einem schlechten Ende", murmelt daraufhin der Schlichter. Auch der ansonsten so ruhige Verkehrsexperte Stohler erhebt die Stimme, weil er sich von Rockenbach angegriffen fühlt.

16:08 Uhr

Bahn-Technikvorstand Volker Kefer ist in Erklärungsnot: Er wirft dem Grünen Boris Palmer vor, dem Konzern zu Unrecht unterstellt zu haben, in der Simulation IC-Züge außer Acht gelassen zu haben. "Die sind im Fahrplan enthalten, sie heißen nur anders", sagt Kefer. "Die sind als RE-Züge vermerkt." Empörung bei den Gegnern, doch Geißler hakt nicht nach. Der Schlichter wirkt zunehmend ermüdet durch die hitzige Diskussion. Er duzt versehentlich den neben ihm sitzenden Verkehrsminister Winfried Hermann.

16:21 Uhr

Die Diskussion nimmt zunehmend kuriose Züge an. CDU-Fraktionschef Peter Hauk wirft Palmer nun vor, das Projekt "in die Unwirtschaftlichkeit" treiben zu wollen. "Premium-Betriebsqualität" sei nur mit wirtschaftlichen Verlusten zu haben. Palmer lächelt - als Gegner des Projekts wäre es ihm tatsächlich recht, wenn die Bahn S21 mangels Wirtschaftlichkeit abblasen würde. Geißler fordert Palmer auf, endlich zum Ende zu kommen, doch der Tübinger OB pocht auf sein Recht, den kompletten Vortrag zu präsentieren. Die Bahn-Vertreter sehen aus, als würde ihnen jede Folie des Grünen-Politikers körperliche Schmerzen bereiten.

16:33 Uhr

Palmer kommt zu einem schon bekannten Ergebnis: S21 sei im Stresstest durchgefallen. Ein Zuwachs im Schienenverkehr sei nicht möglich, der neue Bahnhof nicht zukunftsfähig. "Deshalb meinen wir: Oben bleiben!" Auf dem Marktplatz stimmen die S21-Gegner den entsprechenden Sprechchor an.

17:00 Uhr

Geißler verlangt eine Diskussion zu Palmers Vortrag, doch die Bahn gibt sich zögerlich. Technik-Vorstand Volker Kefer klagt schließlich, der Grünen-Politiker habe Zitate aus dem SMA-Zitat verkürzt und Falschbehauptungen aufgestellt. Fahrpläne seien angezweifelt worden, die gemeinsam mit dem Land vereinbart worden seien. "Es wird der Eindruck erweckt, dass Kleinigkeiten einen Einfluss auf das Ergebnis des Stresstests haben. Das weisen wir zurück." Nicht zuletzt sei der Gutachter, den Palmer nun angegriffen habe, von ihm, Palmer, vorgeschlagen worden "und von uns akzeptiert".

17:05 Uhr

Die Bahn macht geringe Zugeständnisse. Auf Nachfrage von Geißler legt sich Kefer darauf fest, die von den SMA-Gutachtern empfohlenen "kleinen Nachbesserungen" zu berücksichtigen und die Ergebnisse im Internet zu veröffentlichen. Auch der Anregung der Verkehrsexperten, die Stresstest-Simulation zur "Bestätigung des Gesamtresultates" ein weiteres Mal durchzuführen und zu veröffentlichen, will die Bahn nachkommen. "Wir haben das Programm vorliegen und können das machen", sagte Kefer. Dabei gehe es allerdings nur um "15 Prozent", die seiner Meinung nach ohnehin keinen Einfluss auf das Ergebnis hätten.

17:08 Uhr

Der Streit um die Betriebsqualität eskaliert. Kann der neue Bahnhof Verspätungen abbauen? Im Testat heißt es, S21 sei "wirtschaftlich optimal" (also nicht verspätungsabbauend). Jedoch ist von einer "leicht abnehmenden Verspätungstendenz" die Rede. Daraufhin legt sich Geißler darauf fest, dass dann doch von Premiumqualität (verspätungsabbauend) die Rede sein könne. "Die Leute von SMA sagen das nur nicht so, weil sie Schweizer sind", sagt der Schlichter augenzwinkernd. Doch die Gegner verstehen in der Frage keinen Spaß. "So geht es nicht", sagt Bündnissprecherin Dahlbender immer wieder. SMA-Chef Stohler versucht zu schlichten: Für Reisende, die durch den Bahnhof hindurch fahren, würde sich die Verspätung tatsächlich abbauen. Für Passagiere mit der Endstation Stuttgart sei das aber nicht der Fall. Auf Nachfrage von Verkehrsminister Winfried Hermann muss Stohler einräumen, dass wahrscheinlich die Mehrheit der Reisenden in Stuttgart aussteige. Für sie besteht folglich keine "Premiumqualität". Geißler konstatiert: "Wir haben eine Spezialistendiskussion, die 80 Prozent der Leute draußen nicht versteht." Was der Schlichter nicht sagt: Er selbst hat Anteil daran.

17:22 Uhr

Die Verwirrung ist komplett. Die Bahn und Heiner Geißler scheinen nun überzeugt, dass S21 eigentlich Premium-Qualität aufweise, obwohl die SMA ausdrücklich von "wirtschaftlich optimaler" - also einer schlechteren - Betriebsqualität spricht. Die Gegner wehren sich nach Kräften: "Wir können jetzt nicht umetikettieren, was die SMA gemacht hat", sagt Gangolf Stocker vom Aktionsbündnis. "Das machen wir nicht mit." Verkehrsminister Winfried Hermann stellt der Bahn eine wichtige Frage, erhält aber keine Antwort: "Was müsste man tun, um Premiumqualität nach dem Maßstab der SMA zu bekommen?"

17:33 Uhr

Dem Schlichter reißt der Geduldsfaden: Heiner Geißler will keine weiteren Redner zulassen. "Das Problem ist ausdiskutiert", sagt er. Technik-Vorstand Kefer hält fest, die Bahn werde keinen weiteren Stresstest durchführen. Der Bahnhof sei verspätungsabbauend. Die Ursache für steigende Verspätungen lägen bei den Zulaufstrecken. Ähnlich hatte sich zuvor auch SMA-Chef Stohler geäußert: "Um Premiumqualität zu erreichen, müsste man sich Strecke für Strecke vornehmen und nach Infrastrukturen Ausschau halten, die der Betriebsqualität förderlich sind. Das wäre eine landesweite Aufgabe."

17:50 Uhr

Die Gegner pochen nun darauf, der Tiefbahnhof dürfe nicht einzeln betrachtet werden, sondern nur im Kontext des gesamten Projekts Stuttgart 21. Tatsächlich hatte Heiner Geißler im Schlichterspruch von einem "Bahnknoten" gesprochen. Das Argument, der Bahnhof sei verpätungsabbauend und die Zulaufstrecken seien das Problem, glauben sie damit entkräftet. Bahn-Technikvorstand Kefer sagt jedoch: "Die Verspätungen werden auf den Zulaufstrecken aufgebaut und nicht im Bahnknoten". Bündnissprecherin Dahlbender spricht daraufhin von einer "unzulässigen Trennung" von Bahnhof und Zulauf- und Ablaufstrecken.

17:52 Uhr

Geißler hat überraschend einen weitreichenden Kompromiss im Streit um den Tiefbahnhof vorgeschlagen. Gerade als die Gegener die Gespärche abbrechen wollte, regt Geißler an, den Fernverkehr über die geplante Durchgangsstation und den Nahverkehr über einen verkleinerten Kopfbahnhof laufen zu lassen. Geißlers Vorschlag trägt den Titel "Frieden für Stuttgart". Der bestehende Kopfbahnhof soll "etwas verkleinert" werden und nur noch zehn bis zwölf Gleise (statt heute 16) aufweisen. Hinzu kommt ein Tiefbahnhof für die Schnellfahrstrecke Mannheim - Stuttgart - Ulm mit vier Gleisen (statt ursprünglich geplanten acht Gleisen).

18:20 Uhr

Statt 4,1 Milliarden Euro soll das neue Konzept mit dem Titel "SK2.2" nur 2,5 bis drei Milliarden Euro kosten. Der Südflügel könne bei dieser Konstruktion möglicherweise bestehen bleiben. Es würden weniger Parkflächen beansprucht und das heutige Bahnhofsgebäude behalte seine Funktionen, heißt es in dem 16-seitigen Konzeptpapier.

18:32 Uhr

Geißlers Kompromiss-Lösung kam völlig unerwartet. Um 17.51 Uhr erklärte Brigitte Dahlbender, das Aktionsbündnis gegen S21 werde die Runde jetzt verlassen und sich zur Beratung zurückziehen. Hannes Rockenbauch, ihr Sitznachbar, griff sein Jackett, stürmte zur Tür, öffnete sie und blickte - im Blitzgewitter der draußen wartenden Fotografen stehend - seine Mitstreiter auffordernd an. Daraufhin kündigte Geißler an, er habe ohnehin einen Kompromissvorschlag zur Güte, den er eigentlich am Ende der Diskussion hatte verbreiten wollen. "Es ist ein Konzept, dass ich mit der SMA erstellt habe. Niemand muss es akzeptieren, aber bitte überlegen Sie sich, ob es nicht vielleicht eine Basis wäre." Verkehrsminister Winfried Hermann schien in den Plan eingeweiht zu sein. Mit einer deutlichen Handbewegung forderte er Rockenbauch auf, die Tür zu schließen - was dieser dann tat. Die Bahn-Vertreter registrierten die Szene ungläubig. Aus dem Nichts erschienen drei Damen mit dicken Papierstapeln, die nur darauf warteten, die Konzepte zu verteilen. Rockenbauch und Dahlbender erbaten sich Bedenkzeit und kündigten an, das Papier studieren zu wollen. Während sich Journalisten um die Papiere stritten, saß Kefer am Tisch, seine Nickelbrille auf der Nase, und blätterte schweigend und aufmerksam. Dann griff er zum Telefon.

18:40 Uhr

Verkehrsminister Winfried Hermanns erste Reaktion: "Der Vorschlag kam überraschend, aber ich habe zuletzt immer wieder von verschiedenen Leuten gehört, dass es einen Kompromiss geben müsse. Der Vorschlag ist allerdings hemdsärmelig, es ist ein nicht näher untersuchtes Konzept. Ich kann nicht sagen, dass wir das jetzt machen. Aber ich möchte das prüfen."

18:44 Uhr

Die Stadt Stuttgart präsentiert sich gut vernetzt und bietet das Konzept "Frieden für Stuttgart" schon zum Download an: http://www.stuttgart.de/item/show/318917/1/3/438682

18:52 Uhr

Nach dem Scoop eröffnet Geißler die Sitzung wieder. Bündnissprecherin Dahlbender kommt zu spät, weil sie "noch ein Interview führt", wie die S21-Gegner erklären. Die Vertreter des Verkehrsministeriums haben das erste Wort: Minister Hermann von den Grünen wiederholt seine Absicht, das Konzept "ernsthaft zu prüfen". Sein Staatssekretär Ingo Rust von der SPD ist weniger euphorisch: "Das ist kein gänzlich neuer Vorschlag, sondern einer, der schon seit vielen Jahren diskutiert wird und der auch in der Schlichtung angesprochen wurde." Für seine Seite könne er "nicht in Aussicht stellen, dass wir dem zustimmen." Die SPD ist weiter für Stuttgart 21 in der Ursprungsversion.

18:54 Uhr

"Wir müssen die Gewissheit vermitteln, dass wir nicht aufeinander einschlagen, sondern miteinander reden", sagt Geißler jetzt. "Die Menschen müssen die Gewissheit haben, dass wir hier nicht in der Stierkampfarena von Pamplona sind, sondern in Stuttgart." Er habe die Bundesregierung informiert, die Landesregierung, den Ministerpräsidenten, das Bundeskanzleramt. "Sie haben nichts gesagt, aber auch nicht Nein".

18:55 Uhr

Die Pfiffe auf dem Marktplatz werden nicht leiser. Im Sitzungssaal spricht Brigitte Dahlbender für das Aktionsbündnis: "Wir stehen nach wie vor für K21 und halten das für ein gutes Konzept." In Geißlers Kombi-Bahnhof sehe man "die Möglichkeit für einen Kompromiss, der viele unserer Fragen aufgreift". Aber eines müsse klar sein: "Es muss einen sofortigen Bau- und Vergabestopp geben." Gelächter bei den S21-Befürwortern, aber Dahlbender lässt nicht locker: "Anders geht es nicht. Es dürfen keine weiteren Fakten geschaffen werden, die nichts mit dem Kompromiss zu tun haben." Dieser Meinung schließt sich Hannes Rockenbauch an: "Es macht nur Sinn, wenn die Bahn keine Aufgabe vergibt und keine Fakten schafft. Sonst war die ganze Mühe völlig umsonst."

19:14 Uhr

Jetzt also doch: Das Aktionsbündnis verlässt die Runde - zumindest teilweise. Hannes Rockenbauch nimmt seine Tasche und geht, ihm folgen Brigitte Dahlbender, Gangolf Stocker und Jochen Stopper. Boris Palmer bleibt sitzen. Geißler hatte zuvor die SMA noch einmal verteidigt und den Gegnern vorgeworfen, sich "nicht gerührt" zu haben, um mehr Beteiligung beim Stresstest einzufordern. Daraufhin unterbricht Rockenbach den Schlichter, wendet sich an Bahn-Technikvorstand Kefer direkt und fragt mehrfach, ob der Konzern nun gedenke, einen Bau- und Vergabestopp zu erlassen. Kefer quittiert das mit einem Lächeln. Geißler nennt den Vorstoß Rockenbauchs "indiskutabel" - darufhin verlässt der junge Stuttgarter Stadtrat seinen Platz.

19:30 Uhr

Von Frieden noch keine Spur: Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster macht minutenlang Werbung für seine Stadt, um sich dann gegen den Kombi-Bahnhof auszusprechen. Der Eingriff in das bestehende Bauwerk sei auch bei dieser Lösung erheblich, es seien etliche Bäume zu fällen. "Und die städtebauliche Chance öffnet sich nur minimal", sagt der CDU-Politiker. Zudem seien die Bürger die Proteste "längst leid" und eine Mehrheit spreche sich für S21 aus. Die Pfiffe der S21-Gegner auf dem Marktplatz sind ihm sicher. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer argwöhnt anschließend, Geißlers Co-Autoren von der SMA hätten den neuen Vorschlag nicht ohne Grund gemacht, sondern weil sie der Überzeugung seien, die Kombi-Version sei besser als S21.

19:35 Uhr

Auch Bahnvorstand Kefer reagiert überrascht auf den Vorschlag Geißlers: "Ich bin völlig verblüfft. Man könnte fast sagen: Ein echter Geißler.“ Zu den Inhalten des Vorschlags äußerte sich Kefer zurückhaltend: "Wir werden wegen eines Vorschlags keinen Baustopp machen.“ Es sei alles vorbereitet und "wir werden ganz normal in unserem Projekt weitermachen“, so Kefer. Ferner könne er aber nichts zu Geißlers Lösung sagen, da man noch nicht genau die Inhalte kenne.

19:50 Uhr

Geißler geißelt zum Schluss das deutsche Baurecht, das so unflexibel sei, "dass wir erstarrt sind in solchen Projekten, die man nicht verändern kann". Man müsse sich künftig bei Großprojekten ein Beispiel an den Schweizern nehmen und auch die Alternativen diskutieren. Dem geforderten Baustopp der Gegner erteilt er noch einmal eine Absage: Es gehe jetzt darum, nachzudenken und miteinander zu reden. Und nicht darum, "die Gräben weiter zu vertiefen und härteste Bedingungen zu stellen". Die Volksabstimmung über S21 werde "fürchterlich" werden und die Bahn zur Zielscheibe der Gegner machen.

20:03 Uhr

Bahnvorstand Kefer will Geißlers Kombi-Bahnhofsvorschlag in der Runde nicht kommentieren. Ein Bau- und Vergabestopp werde aber nicht kommen. "Wir werden mit dem Projekt weitermachen", sagt Kefer - und meint S21. Den Gegnern verspicht er immerhin mehr Transparenz. Und mehr Behinderten-, Familien- und Seniorenfreundlichkeit im neuen Bahnhof. Ähnlich hatte das schon nach dem Schlichterspruch geklungen. An die Landesregierung appelliert Kefer, das Projekt "einer Entscheidung zuzuführen". Der jetzige Zustand sei auf Dauer nicht haltbar. Nach ihm spricht Verkehrsminister Winfried Hermann - der jedoch nicht auf Kefer eingeht, sondern der Stadt Stuttgart, allen Helfern und insbesondere dem Schlichter dankt. "Heiner Geißler wäre ohnehin in die Geschichte eingegangen, aber jetzt hat er einen neuen Maßstab gesetzt", sagt Hermann und erntet Applaus.

20:11 Uhr

Die Schlichtung zum Bahnprojekt Stuttgart 21 ist mit einer Überraschung zu Ende gegangen: Als die Verhandlungsrunde im Stuttgarter Rathaus zu scheitern drohte, weil die Gegner des milliardenschweren Tiefbahnhofs die Sitzung zu verlassen drohten, zog Schlichter Heiner Geißler einen Geheimplan aus der Tasche: SK2.2, einen kombinierten Kopf- und Tiefbahnhof. Angeblich billiger als S21, mit weniger Aufwand zu bewerkstelligen - und mit dem Gütesiegel der Schweizer Verkehrsexperten von SMA, die auch den Stresstest von S21 beguachtet hatten. Das war der eigentliche Anlass der Sitzung gewesen: die Präsentation der Ergebnisse. Die Bahn hatte bestanden, das war vorher klar. Doch die Gegner protestierten gegen die Ausführung der Belastungsprobe, es enspannte sich eine wilde Diskussion über "wirtschaftlich optimale" und "Premium-Betriebsqualität". Auf dem Höhepunkt des Definitionsstreit drohten die Gegner mit Abbruch - und Geißler zog seinen letzten Joker. Der Kombi-Bahnhof - kein gänzlich neuer Vorschlag - bietet in den Augen des Schlichters die Chance auf Ende des Konflikts. Entsprechend ist der Titel gewählt: "Frieden für Stuttgart". Ob es dazu kommt, ist fraglich: Befürworter und Gegner reagierten mit reichlich Skepsis. Die Diskussionen dürften weitergehen - mit oder ohne Geißler, der nun "in die Berge gehen" und ein Buch schreiben will.