Debatte um den Zölibat Revolutionäres Trio

Papst Benedikt XVI. sieht tatenlos zu, wie seine Kirche schrumpft. 1970 zweifelte Joseph Ratzinger noch am Pflichtzölibat. Zwei weitere deutsche Kardinäle gaben sich damals nicht minder revolutionär.

Von Rudolf Neumaier

Aus heutiger Sicht war der Theologe Joseph Ratzinger ein Revolutionär. Diese Zeitung veröffentlichte vergangenen Freitag ein an die deutschen Bischöfe adressiertes Memorandum, das Ratzinger im Februar 1970 mit acht anderen namhaften Theologen unterzeichnete. Darin regte er eine Überprüfung der Frage an, "ob die bisherige Weise, in der die priesterliche Existenz realisiert wird, in der lateinischen Kirche die einzige Lebensform sein könne und bleiben müsse".

Anders formuliert: Ratzinger zweifelte am Pflichtzölibat. In einem Radio-Interview, auf das der emeritierte Bamberger Dogmatik-Professor Georg Kraus in einem Aufsatz für die Zeitschrift Stimmen der Zeit (Heft 9, 2010) verweist, wagte Ratzinger sogar eine handfeste Prognose: Die Kirche werde "gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen".

Ähnlich deutlich äußerten sich noch in den Jahren 1978 und 1979 Karl Lehmann und Walter Kasper, die später zu Kardinälen ernannt wurden. Kasper fragte sich in einem Essay, weshalb man "Laien, die sich bewährt haben, die also viri probati sind, nicht auch de iure zu Priestern macht". Und Lehmann stellte für den "Ernstfall das geistliche Wohl der Gemeinden vor bestimmte geschichtliche Ausformungen des kirchlichen Amtes". Genau das fordern heute viele katholische Laien. Kleriker hingegen wagen aus Angst vor Maßregelung solche Gedanken allenfalls anzudeuten.

Wie kamen derlei - aus heutiger Sicht - revolutionäre Vorstöße wie die Joseph Ratzingers und Karl Lehmanns zustande? Die katholische Kirche befand sich tatsächlich in einer Phase des Wandels. Mit Paul VI. agierte ein vorsichtiger, manchmal zögerlicher Papst, der liberale Strömungen zuließ. Zudem schöpften progressive Theologen Mut und Kraft aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das der Kirche einen Offenheitsschub verpasst hatte.

Davon einmal abgesehen, befand sich nach 1968 auch die Gesellschaften der meisten Länder in Aufbruchstimmung. Gestandene Kleriker wie der Münchner Kardinal Julius Döpfner ließen sich auf ernsthafte Diskussionen mit Zölibatskritikern ein, es herrschte ein Klima gegenseitiger Wertschätzung.

Im Pontifikat Johannes Pauls II. verstummten die Erneuerer. Ratzinger, Lehmann und Kasper fügten sich ihrem polnischen Papst, dem der Zölibat heilig war. Dafür führte er unter Verweis auf seine Abstammung aus einem totalitär regierten osteuropäischen Staat ein starkes Argument ins Feld: Waren nicht in einem totalitären System ehelose Priester in der Tat weniger bestechlich als Männer, die sich um das Wohl von Ehefrauen und Kindern zu sorgen hatten?

Spätestens der Fall der Mauer machte diese Frage hinfällig. Und wenn von viri probati die Rede ist, denkt ohnehin niemand an 25-Jährige, die noch den Sinn des Lebens suchen, sondern an reifere Persönlichkeiten. Der Geist aus dem Pontifikat des Polen Karol Wojtyla aber lebt fort in der Kirche, und zur Verteidigung seines Nachfolgers Benedikt XVI. lässt sich allenfalls anführen, dass er sich schwer über die Entscheidungen früherer Päpste hinwegsetzen kann. Schließlich würde er ihre auf ein Dogma basierende Unfehlbarkeit angreifen. Seiner eigenen Unfehlbarkeit sind also enge Grenzen gesetzt.

Das Heil der Seelen als oberstes Gesetz

Doch wenn er dem Schrumpfen seiner Priesterschaft in Europa tatenlos zusieht, werden ihm die Historiker später eine ähnliche Ängstlichkeit wie Paul VI. attestieren und ihn als Papst in Erinnerung behalten, der die Kirche eher in die graue Vergangenheit führte als in eine chancenreiche Zukunft. Wenn man auf seinen Reformeifer von einst blickt, der sich in dem Brandbrief an die Bischöfe im Jahr 1970 manifestierte, vermittelt Benedikt schon heute den Eindruck von Ratlosigkeit und Schwäche.

Die pragmatische Notwendigkeit, auf die er sich damals bezog, als er das Zölibatgesetz kritisierte, ist heute zweifellos gravierender als 1970. Der Priestermangel nimmt eklatante Ausmaße an. Im Bistum Augsburg zum Beispiel werden in zehn Jahren mehr als die Hälfte der Priester älter als 70 Jahre sein. Doch anstatt geistig gefestigte und geistlich kompetente Laien zu weihen, legen die Bischöfe Pfarreien zusammen. Die deutschen Seelsorger sollen sonntags von Kirche zu Kirche, von Gottesdienst zu Gottesdienst hetzen. In Lateinamerika dulden es Bischöfe, dass ihre Priester offen in eheähnlichen Beziehungen leben - hierzulande werden Geistliche geschasst, wenn sie ihre Liebe zu einer Frau nicht mehr verbergen wollen.

Der Bamberger Theologe Georg Kraus verweist in seinem Plädoyer für die Abschaffung des Pflichtzölibats auf den Codex des Kirchenrechts. Dort heißt es: "Das Heil der Seelen muss in der Kirche immer das oberste Gesetz sein." Darüber diskutieren die Bischöfe jedoch allenfalls untereinander. Vergangene Woche trafen sich 27 von ihnen in Würzburg. Als sich vor dem Tagungsort Vertreter der "Kirchenvolksbewegung" zu einer Mahnwache postierten, donnerten die Hirten in ihren Limousinen daran vorbei, und die getönten Scheiben wirkten wie Scheuklappen.