Von Wolfgang Görl

Beim Anstich im Schottenhamel trifft traditionell der Münchner Oberbürgermeister auf den bayerischen Ministerpräsidenten - den Politikern geht es um die Frage: Wer ist wichtig?

Nimmt man das Tamtam in den Medien als Gradmesser, dann sind die Salvatorprobe auf dem Nockherberg und der Anstich des ersten Wiesnbierfasses die wichtigsten politischen Termine in Bayern. Hier wie dort kloppen sich die Fotografen um die besten Plätze, Zeitungen und Agenturen entsenden Sonderreporter, und das Fernsehen berichtet live.

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O'zapft is: Auf der Wiesn hat der Oberbürgermeister das Sagen, der Ministerpräsident wird zur Randfigur - vor allem seitdem er nicht mehr Edmund Stoiber heißt. Ein Machtspiel im Blitzlichtgewitter. (© ddp)

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Wenn der Salvatorprediger, wie in diesem Jahr, zu frech ist, gerät der Fall zur Staatsaffäre, bei der sich sogar der Außenminister zum Eingreifen bemüßigt fühlt; und die Frage, wie viele Schläge der Münchner Oberbürgermeister beim Anzapfen im Schottenhamel-Zelt benötigt, wird vor und nach dem Ereignis mit einer Hingabe diskutiert, als stünde das Wohl des Landes auf dem Spiel. Atomkraft und Hartz IV mögen wichtige Themen sein, aber richtig ernst wird es in Bayern erst, wenn's ums Bier geht.

Zwischen Salvatorprobe und Oktoberfest gibt es aber auch Unterschiede, die dem ausgeprägten Gespür der Münchner für die Balance of Power zu verdanken sind. Auf dem Nockherberg gebührt dem Ministerpräsidenten der erste Schluck, während der Oberbürgermeister zum Zuschauen und Warten verurteilt ist - auf der Wiesn ist es umgekehrt. Trotzdem hat es sich seit Franz Josef Strauß - der 1988 allerdings dem Korbmarkt in Lichtenfels den Vorzug gab - eingebürgert, dass der Ministerpräsident wenigstens als Statist dem Anzapfen beim Schottenhamel beiwohnt.

Solange in München die SPD am Ruder ist, wird sich der Chef der Staatsregierung mit dieser Nebenrolle begnügen müssen - es sei denn, ein Sozialdemokrat würde Ministerpräsident. Aber das ist so wahrscheinlich wie eine Verlegung des Oktoberfests nach Lichtenfels.

Wie genau die Stadt darauf achtet, den Landesherrn auf der Wiesn klein zu halten, zeigte sich mal wieder im vergangenen Mai. Damals machte die unerhörte Nachricht die Runde, Ministerpräsident Horst Seehofer beabsichtige auf Wunsch der Festwirte, das Jubiläums-Standkonzert der Wiesnkapellen zu dirigieren.

Im Rathaus klingelten sofort die Alarmglocken, und als mutigster Verteidiger der städtischen Hoheitsrechte profilierte sich Wiesn-Stadtrat Helmut Schmid (natürlich SPD), der dem Ministerpräsidenten ins Stammbuch schrieb: "Das Oktoberfest ist eine Münchner Veranstaltung und nicht eine des Landes." Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis man der Staatsregierung das Königszelt zur Verfügung stellt, in dem einst die Wittelsbacher auf der Theresienwiese Hof hielten.

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