Cyber-Sicherheit "Die Netzwerke der Nato werden ständig angegriffen"

Katharina Ziolkowski wird künftig die Nato-Staaten beim Thema Cybersicherheit beraten. Ein Gespräch über die Zukunft des Krieges und Gefahren aus dem Netz.

Interview: C. Jiménez und R. Steinke

Die Völkerrechtlerin Katharina Ziolkowski wird vom 1. April an in Tallinn als Rechtsexpertin im Cooperative Cyber Defense Center of Excellence (CCDCOE) arbeiten, dem renommierten Cyber-Sicherheit-Think-Tank der Nato-Staaten. Ziolkowski lehrt derzeit an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. 2010 beriet sie die US-Armee beim Centre for Law and Military Operations in Charlottesville. Ihr Buch Praktische Probleme und Rechtsfragen bei Operationen im virtuellen Raum erscheint voraussichtlich 2011.

sueddeutsche.de: Wenn Sie an Krieg denken, welche Bilder kommen Ihnen in den Sinn?

Katharina Ziolkowski: Wenn ich mich an Medienberichten orientieren würde, dann erschiene mir der Krieg heute fast als Alltagsphänomen: Informationskrieg, Zickenkrieg, Wirtschaftskrieg, Meinungskrieg, nun eben auch Cyber-Krieg. Dabei beschreibt der Begriff "Krieg" etwas Schreckliches.

sueddeutsche.de: Was verstehen Sie unter Krieg?

Ziolkowski: Im Völkerrecht ist der Begriff so eng definiert, dass er heute nahezu irrelevant ist: Krieg liegt nur dann vor, wenn ein Staat einem anderen den Krieg erklärt hat. Meines Wissens ist dies zum letzten Mal kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges geschehen. Im völkerrechtlichen Sinne gibt es daher keine Kriege mehr. Stattdessen sprechen wir heute von "bewaffneten Konflikten".

sueddeutsche.de: Also kein Cyber-Krieg, sondern "bewaffnete Konflikte" im Netz?

Ziolkowski: Unter Cyber-Krieg werden derzeit drei Phänomene diskutiert, die mit Krieg oder bewaffnetem Konflikt allesamt nichts zu tun haben: Cyber-Kriminalität, Cyber-Spionage und der denkbare, künftige Missbrauch des Internets durch Terroristen.

sueddeutsche.de: Warum sprechen Militärs und Juristen trotzdem von einem Krieg im Netz?

Ziolkowski: Die Beispiele, die ich vorhin genannt habe, zeigen eher, wie die Medien versuchen, mit dem inflationären Gebrauch dieses Begriffs ihre Leser anzusprechen. Politiker sind im Umgang mit dem Begriff zurückhaltend.

sueddeutsche.de: Aber mächtige Staaten wie die USA und China investieren derzeit Millionen in ihre Verteidigung im Netz. Und eine mögliche militärische Auseinandersetzung im Cyberspace wird auch unter Völkerrechtlern diskutiert.

Ziolkowski: In einer fernen Zukunft könnten wir Vorgänge haben, die sich zwar nur im Netz abspielen, aber in der nicht virtuellen Welt so schwerwiegende Folgen auslösen, dass wir von einem bewaffneten Konflikt sprechen könnten. Ich glaube aber, dass wir in den nächsten hundert Jahren davor gefeit sind.

sueddeutsche.de: Was müsste geschehen, damit es soweit wäre?

Ziolkowski: Es müsste eine Situation vorliegen, die vergleichbar ist mit der Situation, die ein Staat durch die Anwendung von konventionellen Waffen herbeiführen könnte. Die Wirkungen der Waffen müssten vergleichbar sein.

sueddeutsche.de: Wenn etwa die Wall Street lahmgelegt wird?

Ziolkowski: Die Börse ist sicherlich eine der kritischen Infrastrukturen der USA - wie Strom- und Wassernetzwerke. Aber wo genau die Schwelle liegen wird, ab der wir von einem bewaffneten Konflikt sprechen, lässt sich kaum bestimmen. Bevor man von einem bewaffneten Konflikt sprechen kann, käme es entscheidend auf die Frage an: Wie viele Bestandteile kritischer Infrastrukturen müssten für wie lange und mit welchen Folgen ausgeschaltet werden?

sueddeutsche.de: Was sagen Sie dazu?

Ziolkowski: Eine Antwort hierauf hat im Moment niemand. Das wird die zukünftige Staatenpraxis zeigen.