China vs. Japan Ein Kapitän, ein paar Inseln und die nationale Ehre

China sucht die Machtprobe und lässt den Streit mit Japan über einen verhafteten chinesischen Bootsführer eskalieren. Die Nachbarn in der Region sind besorgt.

Von Henrik Bork, Peking

China und Japan verbeißen sich immer weiter in einen Streit um eine kleine Gruppe unbewohnter Inseln. Eine Schiffskollision in umstrittenen Gewässern ist innerhalb von zwei Wochen zu einem ernsten diplomatischen Schlagabtausch eskaliert.

Der chinesische Kapitän des Fischerboots, das am 7. September vor den von Japan Senkaku und von China Diaoyutai genannten Inseln ein Schiff der japanischen Küstenwache gerammt hatte, werde bis zum 29. September festgehalten, berichteten japanische Medien unter Berufung auf ein örtliches Gericht. Chinas Außenministerium hatte wiederholt dessen sofortige Freilassung gefordert. Peking hat Japan am Sonntag beschuldigt, "die bilateralen Beziehungen ernsthaft beschädigt" zu haben.

Während noch immer keine von beiden Regierungen einlenken wollte, mischen sich in China wie in Japan zunehmend nationalistische Töne in eine immer erregtere öffentliche Debatte. In der chinesischen Hafenstadt Tianjin bewarfen Chinesen eine japanische Schule mit Steinen, und vor mehreren japanischen Botschaften und Konsulaten in China musste die Polizei gegen wütende Demonstranten vorgehen. Auch die politische Rechte in Japan hat bereits begonnen, sich auf den Fall einzuschießen. "Sollte China denken, dass Japan einfach umfällt, wenn China eine starke Position bezieht, dann hat es sich getäuscht", kommentierte die Zeitung Yomiuri Shimbun in Tokio.

Vor allem Chinas Regierung hatte die Affäre von Anfang an mit ungewöhnlich scharfen Äußerungen begleitet. Als "absurd, illegal und ungültig" hatte eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums schon Tage nach Beginn der Krise die japanische Absicht bezeichnet, den chinesischen Kapitän in Japan für das Rammen seines Küstenwachschiffs vor Gericht zu stellen.

Japans Küstenwache hatte das chinesische Fischerboot aus den Gewässern vor der umstrittenen Inselgruppe vertreiben wollen, die zwischen Taiwan und der japanischen Insel Okinawa liegt. Nachdem der Chinese das japanische Schiff zweimal gerammt hatte, war er festgenommen und nach Japan gebracht worden. Seine 14-köpfige Crew war jüngst wieder freigelassen worden.

China hat nun alle bilateralen Kontakte zu Japan auf Zentral- und Provinzregierungsebene eingestellt. Eine Japanreise des chinesischen Nationalen Volkskongresses wurde ebenso abgesagt wie ursprünglich geplante Gespräche über den zivilen Luftverkehr und ein Kohleabkommen. Am Sonntag kündigte ein Sprecher des Außenministeriums in Peking weitere "starke Gegenmaßnahmen" an, sollte Japan nicht nachgeben, ohne diese näher zu benennen. Etwa 10000 Chinesen sollen bereits gebuchte Japanreisen kurzfristig wieder abgesagt haben, berichteten chinesische Medien.

Manche politische Beobachter glauben einen Versuch Chinas zu erkennen, die neue und unerfahrene japanische Regierung von Ministerpräsident Naoto Kan auf die Probe zu stellen. Peking "testet, wie viel es sich leisten kann", kommentierte der ehemalige US-Vizeaußenminister Richard Armitage. Dieser Lesart zufolge wäre Chinas Vorgehen vergleichbar den regelmäßig aufflammenden Streits mit Washington um Rüstungslieferungen an Taiwan, sobald ein neuer US-Präsident vereidigt worden ist.

Mehr als ein Konflikt

Für die japanische Öffentlichkeit und besorgte Zuschauer in asiatischen Nachbarländern reiht sich dieser Vorfall jedoch auch in eine Kette von ähnlichen Fällen ein, die zunehmend Angst vor einem immer aggressiveren Auftreten Chinas in regionalen Territorialdisputen schüren.

So ist parallel zum Fall mit dem Kapitän auch ein Streit um die Förderrechte eines Erdgasfeldes unterhalb des Meeresbodens zwischen China und Japan eskaliert. Peking hat kürzlich unilateral mit der Förderung des Erdgases begonnen, und zwar ganz in der Nähe umstrittener Meeresgebiete, obwohl es sich vor zwei Jahren mit Tokio prinzipiell auf eine gemeinsame Förderung des Gases verständigt hatte. Am Sonntag berichtete die japanische Zeitung Nikkei Keizai Shimbun, dass Japan als Reaktion darauf eigene Bohrungen in den umstrittenen Gewässern erwägt.

Die beiden parallel eskalierenden Konflikte haben die Beziehungen zwischen Tokio und Peking wieder auf den tiefsten Stand rutschen lassen, seit Japans china-skeptischer Premierminister Junichiro Koizumi abgetreten war. Seine Amtsnachfolger hatten sich aktiv für eine Verbesserung des Verhältnisses zu ihrem wichtigen Nachbarn eingesetzt. Japan rief Peking am Montag zu einem "ruhigen" Vorgehen auf.

Der Streit ist auch ein kniffliger Test für den gerade erst ernannten japanischen Außenminister Seiji Maehara, den das chinesische Staatsfernsehen als einen China-"Falken" bezeichnet hat. Maehara hatte China vor vielen Jahren einmal öffentlich eine "realistische Bedrohung" genannt. Chinas Kommunistische Partei ist bekannt dafür, dass sie akribisch über solche Bemerkungen Buch führt.