Chancen des Wandels Produktivität schlägt Demografie

Ächzen unter den Alten: Was heißt es, wenn Deutschlands Bevölkerung immer älter wird?

(Foto: dpa)

Die deutsche Bevölkerung wird immer älter. Wird unser Sozialsystem an der Überalterung der Gesellschaft zerbrechen? Keineswegs. Denn die Politik kann die negativen Auswirkungen abfedern, sagen Experten. Und zwar ohne dafür nur die Schwächeren zu belasten.

Von Barbara Galaktionow

Die immer älter werdende Bevölkerung belastet die Sozialsysteme. Immer weniger Junge müssen immer mehr Rentner aushalten, der Wirtschaft fehlt qualifiziertes Personal, denn in Deutschland werden immer weniger Kinder geboren. Das ist das demografische Schreckensszenario, das in Deutschland häufig gezeichnet wird.

Einer Allensbach-Studie zufolge, die Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) auf dem Demografiegipfel in Berlin präsentierte, betrachten zwei Drittel der 20- bis 34-Jährigen den demografischen Wandel als ernsthaftes Problem (69 Prozent). Mehr als die Hälfte macht sich sogar richtig Sorgen deswegen (56 Prozent).

Viele junge Erwachsenen rechnen mit Einschränkungen bei der staatlichen Vorsorge und mehr Zwang zur Eigenvorsorge sowie mit zusätzlichen Belastungen durch höhere Steuern und Abgaben (60 Prozent). Positive Entwicklungen erwarten hingegen nur wenige. Gerade einmal etwas mehr als ein Fünftel (23 Prozent) verspricht sich beispielsweise durch die demografischen Veränderungen mehr Chancen am Arbeitsmarkt.

Doch was passiert eigentlich konkret mit den Deutschen? "Nahezu sicher ist die Alterung der Bevölkerung, insbesondere dass sich der Altenquotient von 2000 bis 2040 mehr als verdoppelt", sagt Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). 2012 kamen nach Angaben der Wiesbadener Forschungseinrichtung knapp 34 Menschen im Rentenalter (also 65 Jahre und älter) auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter (also zwischen 20 und 64 Jahren). 2040 werden es Prognosen zufolge fast doppelt so viele Rentner sein (gut zu sehen in dieser Grafik des BiB).

Doch sind die Auswirkungen dieser "drohenden Überalterung" (Ex-SPD-Chef Franz Müntefering) wirklich so dramatisch? Oder nicht doch einfach eine vorhersehbare gesellschaftliche Entwicklung, auf die eben reagiert werden kann und muss?

Immer mehr Alte, immer mehr Wohlstand

Die sozialen Sicherungssysteme stehen seit dem Aufkommen der Demografiedebatte um die Jahrtausendwende im Fokus. Hartz IV, Rente mit 67 und die Stärkung privater Alterssicherungen - all diese Maßnahmen wurden mit Blick auf die demografischen Verschiebungen durchgedrückt, oft gegen massiven Widerstand. Die jeweilige Regierung und die Wirtschaft sprachen von unabwendbaren Maßnahmen, Gewerkschaften, Linkspartei und andere Kritiker von einer gigantischen Umverteilung zu Lasten der Arbeitnehmer.

Einer der Kritiker ist der Statistik-Professor Gerd Bosbach. "Die Gesellschaft könnte spielend aus dem wachsenden Wohlstand die wachsende Altenzahl finanzieren", sagt der empirische Sozialforscher von der Fachhochschule in Remagen. Bedingung sei allerdings, dass die Steigerung der Arbeitsproduktivität pro Stunde und damit des Wohlstands nicht nur in die Taschen der Betriebe und Konzerne wandere, sondern auch an die Beschäftigten weitergegeben werde. Dann könnten die Arbeitnehmer sogar noch einen deutlich höheren Rentenversicherungsbeitrag zahlen als jetzt - und hätten trotzdem mehr Geld in der Tasche, sagt Bosbach (die Modellrechnung dazu findet sich unter anderem hier). Oder ganz knapp formuliert: "Produktivität schlägt Demografie."

Auch Anette Fasang sieht in der Altersstruktur der Bevölkerung nicht das zentrale Kriterium für ein funktionierendes Sozialsystem. "Ein Rentensystem braucht nicht unbedingt mehr Kinder, ein Rentensystem braucht Beitragszahler", sagt die Juniorprofessorin. Sie leitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung die Projektgruppe "Demografie und Ungleichheit". Potenzial sieht Fasang noch bei einem höheren Renteneinstiegsalter - allerdings nicht pauschal, sondern abgestimmt "auf Branchen und Belastungen".

Anstellen und ausbilden

Doch auch anderswo her können künftige Beitragszahler kommen. "Wir haben drei Millionen Arbeitslose, fünf Millionen Stellensuchende und mehr als sechs Millionen Menschen, die angeben, mehr arbeiten zu wollen", sagt Bosbach. Von einem "demografisch bedingten Arbeitskräftemangel" sei die Wirtschaft weit entfernt.

Defizite gebe es an ganz anderen Stellen: "Es mangelt an guten, unbefristeten Stellen und qualifizierten Ausbildungsmöglichkeiten", sagt der Wissenschaftler. Das derzeit beklagte Fehlen von Ärzten oder Pflegern sei keineswegs die Folge mangelnden Interesses an diesen Berufen, sondern schlicht die Folge fehlender Studien- oder Fachschulplätze. Ähnliches hatte Sozialwissenschaftler Stefan Sell auf SZ.de auch im Fall der händeringend gesuchten Erzieher und Erzieherinnen konstatiert.

"Im Bildungsbereich besteht unbedingt Handlungsbedarf", sagt auch Fasang. Als hervorstechende und wachsende Gruppe nennt sie die der alleinerziehenden Mütter. Diese hätten oft nur eine geringe Bildung, hier müsse die Politik gezielt fördern.

Einig sind sich Fasang und Bosbach auch in diesem Punkt: Bevor Politik und Gesellschaft sich darüber Gedanken machen, wie die Geburtenrate zu steigern sei, müssten sie erst einmal für die bestehenden Kinder gute Bedingungen schaffen. "Ob Krippen- oder Kindergartenplätze, gute Schulen oder Hochschulen - wir haben in keinem Bereich annähernd genug Kapazität für die jetzigen Kinder. Was soll das dann, diese Zahl unbedingt noch steigern zu wollen", ärgert sich Bosbach.

Schrumpfende Städte mit Geldsorgen

Handlungsbedarf besteht aber noch in einem ganz anderen Bereich, der in der breiten Öffentlichkeit meist deutlich weniger Aufmerksamkeit findet: der Entwicklung des städtischen und ländlichen Raums. Welche Probleme mit der Schrumpfung oder Alterung der Bevölkerung entstehen können, zeigt sich schon jetzt in vielen Ost-Bundesländern, wobei hier wirtschaftliche und nicht demografische Gründe für die Entsiedelung ausschlaggebend sind: zersiedelte Landstriche, menschenleere Stadtviertel, leer stehende Läden.

Das Problem liegt nicht allein in der öden Anmutung entvölkerter Städte und Regionen, als vielmehr in leeren Kassen: "Städte, die schrumpfen, haben nicht nur ein Bevölkerungsproblem, sondern vor allem ein Geldproblem", sagt Stadtentwicklungs-Expertin Marion Klemme vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Denn an der Zahl der Einwohner hängt die Höhe der Zuweisungen, die sie vom Land und aus dem kommunalen Finanzausgleich bekommt. So waren zum Beispiel viele Kommunen entsetzt über die Ergebnisse des letzten Zensus, nach denen sie weniger Einwohner haben als zuvor angenommen.

Eine Lösung des Problems sieht Klemme in der Entkoppelung der Zuweisungen von der Zahl der Einwohner. Sie plädiert dafür, die Mittelvergabe künftig stärker an den tatsächlichen Aufgaben zu orientieren. Dann müssten die Kommunen auch nicht mehr um Einwohner konkurrieren, um ihre Vorhaben umzusetzen und zum Beispiel ein neues Baugebiet ausweisen, obwohl in der Nachbargemeinde gerade schon ein großes Neubaugebiet entsteht.

Dass sich die Politik dieser Probleme bewusst ist, zeigen die 2012 verabschiedete Demografiestrategie der Bundesregierung und die Tatsache, dass Bevölkerungswissenschaftler, Politiker und Wirtschaftsvertreter sich gerade zum dritten Demografiegipfel innerhalb von drei Jahren treffen. Gedacht und geredet wird also schon viel, nun muss auch gehandelt werden.

Linktipps:

  • In den USA wird noch mit sehr viel härteren Bandagen über die demografische Entwicklung gestritten: Einen Einblick gibt diese Rezension von Joel E. Cohen in der New York Review of Books.
  • Gerade bei demografischen Vorhersagen, aber auch bei anderen Themen ist die Bewertung von Zahlen schwierig. Zusammen mit Jens Jürgen Korff hat Gerd Bosbach ein Buch über das Lügen mit Zahlen geschrieben. Näheres dazu erläutert Korff im Interview mit Telepolis.