Bundestagswahl 2017 AfD - Partei der Russlanddeutschen?

Eine Demonstration von Russlanddeutschen zum "Fall Lisa".

(Foto: Marc Eich/dpa)

Heimatverbunden, konservativ, rassistisch: Die Russlanddeutschen gelten als begeisterte Unterstützer der AfD. Zwei Forscher legen nun Zahlen vor, die ein anderes Bild zeichnen.

Von Hannah Beitzer

Die Leute vom "Verein zur Integration von russlanddeutschen Aussiedlern" sind wütend. "Wir sind nicht die AfD, nicht die CDU, nicht die fünfte Kolonne Putins! Wir sind genauso individuell wie alle andere Bürgerinnen und Bürger unseres Landes", schreiben sie in einem offenen Brief. Sie fühlen sich kurz vor der Bundestagswahl diffamiert durch Medienberichte, die in etwa folgenden Tenor haben: Die AfD ist die Partei der Russlanddeutschen. Sie tragen Titel wie "Alternative für Russlanddeutschland " oder behaupten: "Unter Russlanddeutschen ist die AfD die beliebteste Partei."

Allein: Bisher fehlten zum Thema belastbare Zahlen. Jannis Panagiotidis von der Universität Osnabrück und Peter Doerschler von der Bloomsburg University in Pennsylvania haben nun erstmals bundesweit Zahlen ermittelt, die Rückschlüsse auf die Wahlabsichten von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion erlauben. Es gibt den Forschern zufolge etwa 1,9 Millionen wahlberechtigte Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die meisten davon sind Russlanddeutsche oder andere Spätaussiedler. Die Forscher verglichen für eine noch laufende Studie Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus) aus den Jahren 2014 und 2016, also der Hochphase der sogenannten Flüchtlingskrise.

2016 gaben 14 Prozent an, eine rechte Partei zu unterstützen

Im Jahr 2014 gaben demnach etwa zehn Prozent der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion an, die AfD oder eine andere rechte Partei zu unterstützen. Im Jahr 2016 waren es 14 Prozent. "Keine Frage: Das ist eine hohe Zahl. Aber die AfD ist trotzdem bei weitem nicht die beliebteste Partei unter den Russlanddeutschen", sagt Panagiotidis. Das sei nach wie vor die Union, wenngleich sie Einbußen hinnehmen musste. 2014 gaben noch 45 Prozent der besagten Gruppe an, sie zu unterstützen, die Russlanddeutschen galten lange als sichere Bank für CDU und CSU. 2016 waren es nicht mehr ganz 35 Prozent. "Dafür wuchs aber nicht nur die Unterstützung für die AfD", sagt Panagiotidis, "es ist zum Beispiel auch der Zuspruch zur Linkspartei sehr hoch."

Interessant findet der Forscher den Vergleich zur deutschen Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Hier gaben 2014 etwa sieben Prozent der Befragten an, rechte Parteien zu unterstützen, 2016 waren es zehn Prozent. Die Russlanddeutschen seien also Teil einer allgemeinen Rechtstendenz innerhalb der Bevölkerung rund um die Ereignisse der Jahre 2015/2016. "Der Wert der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion liegt etwas höher als in der Gesamtbevölkerung. Aber lange nicht in dem Ausmaß, das die Medienberichte zum Thema suggerieren", sagt Panagiotidis.

Woher kommt dann der Eindruck von der AfD als Partei der Russlanddeutschen? Eine große Rolle spielte dabei der "Fall Lisa". Im Januar 2016 hatte ein Mädchen, das die Medien "Lisa" tauften, seinen Eltern erzählt, sie sei auf dem Schulweg von drei Flüchtlingen entführt und stundenlang vergewaltigt worden. Russische Medien griffen den Fall schnell auf, warfen der Bundesregierung Versagen in der Flüchtlingspolitik vor.

"Der Fall Lisa" als Startpunkt

Am darauf folgenden Wochenende gingen deutschlandweit einige Tausend Menschen auf die Straße, viele davon Russlanddeutsche. Sie protestierten teilweise gemeinsam mit rechten Parteien gegen die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel. "Seitdem hat sich dieses Narrativ festgesetzt", sagt Panagiotidis. In der Tat waren die Demonstrationen bemerkenswert. Bis dato war den Russlanddeutschen nicht daran gelegen, politisch als Russlanddeutsche in Erscheinung zu treten. Sie galten gerade deshalb als besonders gut integrierte Migrantengruppe, weil sie in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung traten. Seitdem sei das allerdings nie wieder geschehen, betont Panagiotidis: "Heute hat man eher den Eindruck: Der Fall Lisa ist vielen Russlanddeutschen unangenehm."

Die AfD bedient das Narrativ von der Russlanddeutschen-Partei trotzdem weiterhin gern. Sie stellt bewusst die Russlanddeutschen in ihren Reihen heraus, veranstaltet "Russland-Kongresse", schaltet Wahlwerbung im russischen Fernsehen. Dazu kamen Wahlergebnisse aus einzelnen Gegenden, in denen besonders viele Russlanddeutsche leben und in denen die AfD besonders gut abschnitt wie zum Beispiel Pforzheim-Haidach oder Berlin-Marzahn. "Diese Zahlen aber sind per se noch kein Nachweis, dass es auch wirklich die Russlanddeutschen der jeweiligen Viertel waren, die AfD gewählt haben", sagt Panagiotidis. Und selbst, wenn es so wäre, könne man von diesen Werten nicht auf die Gesamtgruppe der Russlanddeutschen schließen. "Sie sind in ihrer Einkommensstruktur und ihren Lebenslagen genauso differenziert wie die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund", sagt Panagiotidis.

Er hat noch eine andere Erklärung dafür, warum das Narrativ der rechten Russlanddeutschen so beliebt ist in der deutschen Mehrheitsgesellschaft: "Es verfängt auch so sehr, weil das deutsche Bürgertum so das Problem mit der AfD ein stückweit externalisieren kann." Die Rechten sind halt immer die anderen.

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