Bundespräsident So stark, so schwach

Christian Wulff hat mühsam gesiegt, aber Joachim Gauck hat gewonnen: Die Autorität, die der Kanzlerin fehlt, die Zuneigung der Menschen, die sie verloren hat. Angela Merkel ist nach der Präsidentenwahl so gefährdet wie nie zuvor.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Wulff hat mühsam gesiegt, aber Gauck hat gewonnen. Er gewann die Autorität, die der Kanzlerin fehlt. Er gewann die Zuneigung der Menschen, die Angela Merkel verloren hat. Und gewonnen hat das Gemeinwesen: In den Wochen des Präsidentschaftswahlkampfes ist ein Ruck durch das Land gegangen.

Es stimmt nicht, dass Deutschland in "wutgetränkter Apathie" versinkt, wie Soziologen behaupten. Es ist zwar wahr, dass es in Deutschland ungeheuer viel Unzufriedenheit gibt - mit der Politik, der Wirtschaft und den Kirchen, mit Arbeit und Lohn, mit Bildung und Lebensperspektiven. Aber es stimmt nicht, dass diese Unzufriedenheit apolitisch ist und sich mit Brot und Spielen, mit Fußball und Public Viewing zufrieden gibt; es stimmt nicht, dass die Gesellschaft sich mit ihrer Verärgerung abgefunden hat, es stimmt nicht, dass die Zivilgesellschaft verkümmert und die Demokratie einschläft. Der öffentliche Präsidentschaftswahlkampf und das begeisterte Engagement für Joachim Gauck waren Gegenbeweis. Und die Ergebnisse der ersten Wahlgänge sind ein politisches Fanal: Der Wille der Bürger hat Einfluss auf das Stimmverhalten der Mitglieder genommen.

Der Volkssouverän hat nicht abgedankt, sondern hat sich aufgeregt und wochenlang Position bezogen: Die öffentliche Halb-Vergöttlichung des nun unterlegenen Kandidaten Gauck war ein Akt des Widerstands gegen die Parteipolitik. Dieser Protest hatte sich zwar das falsche Objekt ausgesucht, weil er vom höchsten politischen Posten der Republik die Erlösung von einer als unerträglich empfundenen Politik erwartete. Das war und ist naiv. Aber diese Naivität hatte ihren Zauber. Die Zivilgesellschaft hat vier Wochen lang gebaggert wie wild. Nun steht sie vor einem großen Loch - und in diesem Loch steht, ziemlich zerzaust, der neue Bundespräsident Christian Wulff und eine abgestrafte Kanzlerin. Für sie war der Wahltag ein Zahltag, an dem innerhalb ihrer Koalition alte Rechnungen beglichen wurden; die Bundesversammlung wurde zum Scherbengericht über die Kanzlerin und ihre Spielchen mit dem höchsten Staatsamt.

"Er ist ein Brückenbauer"

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