Bundespräsident im SZ-Gespräch Wulff dankt Türken für Beitrag zum Wohlstand

Lobende Worte für türkische Migranten: Sie hätten in "den vergangenen 50 Jahren das deutsche Wirtschaftswunder mit ermöglicht", sagt Bundespräsident Christian Wulff im SZ-Gespräch. Vor dem Besuch des türkischen Präsidenten Abdullah Gül in Deutschland wünscht sich Wulff bessere Beziehungen zwischen der Türkei und Israel - lehnt aber eine explizite deutsche Vermittlerrolle ab.

Von Stefan Braun und Christiane Schlötzer

Bundespräsident Christian Wulff hat den Türken in Deutschland für ihren Beitrag zum deutschen Wohlstand gedankt. "Einwanderer aus der Türkei haben Deutschland vielfältiger, offener und der Welt zugewandter gemacht", sagte Wulff in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Wulff sagte, er sehe in einem weiteren Ausbau der deutsch-türkischen Beziehungen "ein großes Potential" für beide Länder.

Wulff würdigte auch die Rolle der Türkei als Vorbild für die Umbruchstaaten in der arabischen Welt. Die Türkei sei "ein Beispiel dafür, dass Islam und Demokratie, Islam und Rechtsstaat, Islam und Pluralismus kein Widerspruch sein müssen". Dies sei von "überragender Bedeutung für den Frieden in der Welt".

Am Sonntag wird Wulff in Berlin den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül empfangen. Wulff will während des dreitägigen Staatsbesuchs seinem Gast auch seine Geburtsstadt Osnabrück zeigen, wo ein Platz nach einer türkischen Zuwandererfamilie benannt wurde.

"Große Aufgabe für die deutsche Diplomatie"

Zu dem Konflikt der Türkei mit Israel sagte Wulff, weil Deutschland "hervorragende Beziehungen" zu beiden Staaten habe, "liegt uns so daran, dass beide wieder zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit" zurückfänden. Eine explizite Vermittlerrolle könne Deutschland dabei aber nicht spielen. Den Weg zu wieder besseren Beziehungen müssten beide Länder schon miteinander finden. An Deutschland gebe es aber generell hohe Erwartungen bei Israelis, bei Palästinensern und auch in den Ländern Nordafrikas. "Das ist eine große Aufgabe für die deutsche Diplomatie", sagte Wulff.

Zur Euro-Debatte und zur Diskussion um die Zukunft der EU meinte Wulff, es sei wichtig, "dass nicht mehr so stark bilaterial hektisch verhandelt wird". Europa müsse gemeinschaftlich und entschlossen vorgehen.

Wulff betonte zudem: "Deutschland muss solidarisch bleiben." Die Deutschen sollten nicht vergessen, dass die deutsche Einheit ohne die Hilfe der anderen Europäer nicht möglich gewesen wäre. "Daran sollten wir uns erinnern, wenn jetzt Europa die Hilfe der Deutschen braucht", sagte der Bundespräsident und fügte hinzu: "Es wird auch wieder einmal andersherum gehen."

"Ich habe den Schlagbaum symbolisch zerlegt"

Die europäische Einigung sei für ihn ein wichtiger Antrieb gewesen, sich politisch zu engagieren. "Ich habe einst mit der Europa-Union den Schlagbaum an der holländischen Grenze symbolisch zerlegt." Heute nutzten europafeindliche Populisten Ängste der Bürger aus. "Ängste bekämpft man durch Erklärung, Führung, klaren Kompass und Mut", sagte Wulff.

Zu den Chancen der Türkei auf eine Mitgliedschaft in der EU sagte Wulff in dem SZ-Interview, es bleibe dabei, dass die Beitrittsverhandlungen "fair und ergebnisoffen geführt werden müssen". Die Türkei habe in der jüngeren Vergangenheit große Fortschritte gemacht, in Wirtschaft und Gesellschaft.

Ausdrücklich würdigte Wulff die Ankündigung von Premier Tayyip Erdogan, der türkische Staat werde die konfiszierten Besitztümer christlicher Stiftungen in der Türkei zurückgeben, und wo dies nicht mehr möglich sei, Entschädigung leisten. Dies müsse nun auch noch umgesetzt werden, meinte Wulff.

Das gesamte Interview mit Christian Wulff lesen Sie in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung.