Bundeskriminalamt und NS-Geschichte BKA distanziert sich von seinen braunen Wurzeln

Ehemalige Nazis dominierten lange das Bundeskriminalamt. Exemplarisch: Paul Dickopf, BKA-Chef und einstiger SS-Mann. Ihm ist die Zufahrtsstraße zum Sitz der Abteilung Staatsschutz in Meckenheim gewidmet. Heute soll sie nach Gerhard Boeden umbenannt werden. Doch unumstritten war der auch nicht.

Von Tanjev Schultz

Der Aufbau des Bundeskriminalamts (BKA) lag nach dem Krieg in den Händen alter Nazis. Einer der wichtigsten Strippenzieher war damals Paul Dickopf. Ende der dreißiger Jahre hatte er das SS-Zeichen an der Brust getragen, Anfang der siebziger Jahre saß er als BKA-Präsident an einem Schreibtisch, hinter dem ein Gartenzwerg stand. Wie die deutsche Geschichte so spielt.

In Meckenheim, wo die Abteilung Staatsschutz untergebracht ist, trägt die Zufahrtsstraße zum BKA Paul Dickopfs Namen. Das ändert sich nun. Auf Anregung des derzeitigen BKA-Präsidenten, Jörg Ziercke, wird die Straße an diesem Montag während einer Feierstunde in Gerhard-Boeden-Straße umbenannt. Es ist ein symbolischer Akt, mit dem sich das BKA endgültig von seiner Geschichte unheilvoller Personalpolitik distanzieren will.

Eine Identifikation mit Paul Dickopf sei "nicht mehr vorhanden", teilt das BKA mit. Zu Lebzeiten, aber auch darüber hinaus, wurde Dickopf, der wie ein Patriarch über das BKA herrschte, von Polizisten verehrt und von Politikern gerühmt. Damit soll Schluss sein. Gerhard Boeden, dessen Name fortan auf dem Straßenschild steht, war in den achtziger Jahren BKA-Vizepräsident, später Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz. Er gilt als unbelastet.

Vor fünf Jahren hatten im BKA Ermittlungen in eigener Sache begonnen. Wissenschaftler untersuchten die Vergangenheit einer Behörde, in der ehemalige Nationalsozialisten lange Zeit die Führungsebene dominierten: 1958 waren 33 von 47 Leitungsstellen mit früheren SS-Männern besetzt. Erst in den achtziger Jahren wandelte sich die Zusammensetzung deutlich.

Forscher um den Historiker Patrick Wagner von der Universität Halle-Wittenberg bestätigten, dass Paul Dickopf, der nach dem Krieg zunächst beim Bundesinnenministerium untergeschlüpft war, bereits in der Gründungsphase des BKA großen Einfluss auf die Personalrekrutierung hatte. Polizisten, die an NS-Verbrechen beteiligt waren, mussten sich vor ihm nicht fürchten. Dickopf behinderte zum Beispiel disziplinarische Ermittlungen gegen einen Beamten, der zugegeben hatte, an Massenexekutionen beteiligt gewesen zu sein. Die alten Seilschaften wirkten noch lange nach.

Seine eigene SS-Mitgliedschaft verharmloste Dickopf. Er stellte sich sogar als Gegner, ja geradezu als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime dar. Dickopf sei "eine zwielichtige Persönlichkeit, eine Spielernatur und ein raffinierter Schwindler" gewesen. So schrieb es vor gut zehn Jahren der frühere Kriminaldirektor Dieter Schenk, dessen Buch "Die braunen Wurzeln des BKA" maßgeblich dazu beitrug, dass sich die Polizeibehörde endlich ihrer Geschichte stellte und dafür auch alte Akten freigab.

Paul Dickopf hatte Ende der dreißiger Jahre die Führerschule der Sicherheitspolizei in Berlin-Charlottenburg besucht und war zum SS-Untersturmführer ernannt worden. Im Krieg arbeitete er offenbar als Doppelagent - für die Nazis und die Schweiz. Nach dem Krieg lieferte er dem amerikanischen Geheimdienst Informationen, auch von seinen BKA-Führungspositionen aus. So konnte der Intrigant auch Druck auf seine Vorgesetzten ausüben; 1965 schaffte er es schließlich, selbst Chef des BKA zu werden.