Bürgerkrieg in Syrien Flüchtlinge als Wirtschaftsfaktor

Syrian refugees use a donkey carriage for transportation after recent stormy weather and snowfalls at Zaatari Syrian refugee camp in Mafraq, Jordan, Saturday, Feb. 21, 2015. (AP Photo/Raad Adayleh)

(Foto: AP)
  • Flüchtlinge aus Syrien beleben im Nachbarland Jordanien bisher dünn besiedelte Landstriche. Dank internationaler Hilfsgelder bewirken sie dort einen Wirtschaftsaufschwung.
  • Die großen UN-Organisationen geben täglich zwei Millionen Euro in Jordanien aus. Dadurch entstehen Jobs für Flüchtlinge und Einheimische.
  • Auch die palästinensischen Flüchtlinge aus dem Israel-Palästina-Konflikt brachten Jordanien einen Aufschwung. Sie stellen inzwischen die Bevölkerungsmehrheit des Landes.
Von Ronen Steinke, Saatari

Der 24-jährige Hadi al-Hariri steht vor einem Regal voller Düfte, jeder in einem handbeschriebenen Flacon. Darauf stehen Namen wie Geheimnis, Fantasie, Vanille, Blume des Liebhabers, Paris und CK One.

Jeder Parfumeur an den Champs-Élysées mischt seine eigenen Rezepturen zusammen, und es ist schon einige Kunst gefragt, um sich unter den gut 20 Konkurrenten in dieser Nachbarschaft zu behaupten, sagt Hadi al-Hariri.

Er benutzt eine große Pipette, verschiedene Essenzen, eine dicke Flasche mit Hochprozentigem. Für die richtige Optik gibt er Farbstoffe hinzu, in Pink, Apfelgrün oder Goldgelb. Die Fläschchen dafür stehen kopfüber in einem Gestell, wie Likör in einer Bar.

80 000 Syrer haben in Saatari Zuflucht gefunden

Champs-Élysées: So nennen sie hier die kilometerlange Marktstraße, um die sich das ganze Leben dreht, in einem der größten Flüchtlingslager der Welt. In Saatari, an der jordanisch-syrischen Grenze.

Vor zwei Jahren, als der 24-Jährige aus der syrischen Stadt Bosra ankam, gab es nur das Nötigste: "Die Lebensmittel, die man kaufen konnte, waren von sehr schlechter Qualität." Inzwischen reiht sich ein improvisiertes Ladengeschäft an das nächste, 80 000 Syrer haben hier Zuflucht gefunden, und in der Trostlosigkeit des Grenzlands blüht der Handel.

Umsatz machen mit der blauen Karte und mit sehr teuren Kartoffeln

Wer in diesen Zeiten die Anrainer des Bürgerkriegslands Syrien besucht, der bekommt viel davon zu hören, wie die Syrer ihren Gastgebern angeblich auf der Tasche liegen. Wie sie die Städte überfüllen, in den Armenvierteln die Preise hochtreiben und auf dem Arbeitsmarkt die Einheimischen bedrohen. Vor allem in Libanon, Jordanien und der Türkei.

Die Regierung in Amman klagt, man ächze unter der Last von 1,3 Millionen Syrern - wobei das Flüchtlingshilfswerk UNHCR nur 600 000 zählt. Schnell folgt meist die Bitte um mehr internationale Unterstützung.

Vor vier Jahren war Saatari ein unterentwickeltes Dorf

Über die andere Seite der volkswirtschaftlichen Gleichung - Vorteile, die die Flüchtlinge bringen - reden Staatsvertreter nur ungern. Aber man sieht sie, in Saatari zum Beispiel. Vor vier Jahren war es ein Dorf in der Einöde, wirtschaftlich unterentwickelt.

Heute ist hier die viertgrößte Stadt des Landes entstanden. Geschäftig, laut - und betrieben auf Rechnung internationaler Spender: Wasser- und Stromnetz bezahlen die UN, die Feldkrankenhäuser sind Schenkungen aus Italien, Frankreich, Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Schulen betreiben Saudi-Arabien und Bahrain.

Jeden Monat teilen die UN zwei Millionen Euro aus

Jeden Monat geben die UN frisches Geld in dieses System: Sie teilen kein Essen aus, sondern Karten mit Geldguthaben, blaue Rechtecke mit Magnetstreifen. Jeder Flüchtling erhält umgerechnet 25 Euro. Zusammen macht das zwei Millionen Euro. Zum Vorteil der Flüchtlinge, die nicht im Elend verharren, sondern erfindungsreich wirtschaften können. Aber auch zum Vorteil von Jordaniens Wirtschaft.

Die zwei Millionen Euro teilen sich in Saatari zwei jordanische Supermarktfilialen als Monatsumsatz - nur bei ihnen können Geldkarten verwendet werden. Einer der Läden gehört der britischen Kette Safeway, der andere der jordanischen Kette Saleh.

Ein Kilo Kartoffeln kostet dort doppelt so viel wie draußen. "Sie bestimmen die Preise, wie sie möchten", sagt Yusuf Hamad, 31, der im syrischen Daraa Computerhändler war und vor zwei Jahren nach Saatari kam.

Zu kaufen gibt es fast alles

Bargeld kommt ins Lager, weil Hilfswerke den Flüchtlingen Jobs anbieten. Auch Yusuf Hamad, der sich jetzt als Lehrer verdingt, ernährt so seine Familie. Er spart auf eine Klimaanlage, damit das Leben im Container erträglicher wird. Scheine und Münzen wechseln tagsüber vielfach die Besitzer, der Handel auf den Champs-Élysées ist rege.

In Hunderten Verschlägen verkaufen Syrer fast alles, Waschmaschinen, Süßigkeiten, Solaranlagen, Shishas. Manche haben Linoleum auf dem Betonboden ihres Wellblech-Ladens verlegt, andere sitzen auf Campingstühlen im Matsch.

Wo das Geld das Lager verlässt, sieht man frühmorgens vor den Toren von Saatari: Alles, was man kaufen kann, rollt von außen heran, in Wagen jordanischer Händler aus den nahen Städten. Sie bringen Obst, Reis, Zigaretten, Kanister mit Parfum-Essenz.

Viele Flüchtlinge stehen Schlange, Geld in der Hand, genauso vor den beiden Großhandels-Hallen, die ein findiger jordanischer Unternehmer an die Südspitze des Lagers gestellt hat, mit Holzpaletten voller Reissäcke, Orangenkisten oder Öl. 80 000 Flüchtlinge in diesem entlegenen Teil Jordaniens sind 80 000 neue Konsumenten.

Elf Millionen Dollar geben die Flüchtlinge jeden Monat in jordanischen Läden aus, schätzt das Welternährungsprogramm. Das ist eine kleine Summe im Vergleich zu täglich zwei Millionen Dollar, welche die großen UN-Organisationen selbst in Jordanien ausgeben, für Mieten, Autos, Einkäufe.