Süddeutsche Zeitung

Bürgerkrieg in Syrien:Flüchtlinge als Wirtschaftsfaktor

Lesezeit: 5 min

Von Ronen Steinke, Saatari

Der 24-jährige Hadi al-Hariri steht vor einem Regal voller Düfte, jeder in einem handbeschriebenen Flacon. Darauf stehen Namen wie Geheimnis, Fantasie, Vanille, Blume des Liebhabers, Paris und CK One.

Jeder Parfumeur an den Champs-Élysées mischt seine eigenen Rezepturen zusammen, und es ist schon einige Kunst gefragt, um sich unter den gut 20 Konkurrenten in dieser Nachbarschaft zu behaupten, sagt Hadi al-Hariri.

Er benutzt eine große Pipette, verschiedene Essenzen, eine dicke Flasche mit Hochprozentigem. Für die richtige Optik gibt er Farbstoffe hinzu, in Pink, Apfelgrün oder Goldgelb. Die Fläschchen dafür stehen kopfüber in einem Gestell, wie Likör in einer Bar.

80 000 Syrer haben in Saatari Zuflucht gefunden

Champs-Élysées: So nennen sie hier die kilometerlange Marktstraße, um die sich das ganze Leben dreht, in einem der größten Flüchtlingslager der Welt. In Saatari, an der jordanisch-syrischen Grenze.

Vor zwei Jahren, als der 24-Jährige aus der syrischen Stadt Bosra ankam, gab es nur das Nötigste: "Die Lebensmittel, die man kaufen konnte, waren von sehr schlechter Qualität." Inzwischen reiht sich ein improvisiertes Ladengeschäft an das nächste, 80 000 Syrer haben hier Zuflucht gefunden, und in der Trostlosigkeit des Grenzlands blüht der Handel.

Umsatz machen mit der blauen Karte und mit sehr teuren Kartoffeln

Wer in diesen Zeiten die Anrainer des Bürgerkriegslands Syrien besucht, der bekommt viel davon zu hören, wie die Syrer ihren Gastgebern angeblich auf der Tasche liegen. Wie sie die Städte überfüllen, in den Armenvierteln die Preise hochtreiben und auf dem Arbeitsmarkt die Einheimischen bedrohen. Vor allem in Libanon, Jordanien und der Türkei.

Die Regierung in Amman klagt, man ächze unter der Last von 1,3 Millionen Syrern - wobei das Flüchtlingshilfswerk UNHCR nur 600 000 zählt. Schnell folgt meist die Bitte um mehr internationale Unterstützung.

Vor vier Jahren war Saatari ein unterentwickeltes Dorf

Über die andere Seite der volkswirtschaftlichen Gleichung - Vorteile, die die Flüchtlinge bringen - reden Staatsvertreter nur ungern. Aber man sieht sie, in Saatari zum Beispiel. Vor vier Jahren war es ein Dorf in der Einöde, wirtschaftlich unterentwickelt.

Heute ist hier die viertgrößte Stadt des Landes entstanden. Geschäftig, laut - und betrieben auf Rechnung internationaler Spender: Wasser- und Stromnetz bezahlen die UN, die Feldkrankenhäuser sind Schenkungen aus Italien, Frankreich, Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Schulen betreiben Saudi-Arabien und Bahrain.

Jeden Monat teilen die UN zwei Millionen Euro aus

Jeden Monat geben die UN frisches Geld in dieses System: Sie teilen kein Essen aus, sondern Karten mit Geldguthaben, blaue Rechtecke mit Magnetstreifen. Jeder Flüchtling erhält umgerechnet 25 Euro. Zusammen macht das zwei Millionen Euro. Zum Vorteil der Flüchtlinge, die nicht im Elend verharren, sondern erfindungsreich wirtschaften können. Aber auch zum Vorteil von Jordaniens Wirtschaft.

Die zwei Millionen Euro teilen sich in Saatari zwei jordanische Supermarktfilialen als Monatsumsatz - nur bei ihnen können Geldkarten verwendet werden. Einer der Läden gehört der britischen Kette Safeway, der andere der jordanischen Kette Saleh.

Ein Kilo Kartoffeln kostet dort doppelt so viel wie draußen. "Sie bestimmen die Preise, wie sie möchten", sagt Yusuf Hamad, 31, der im syrischen Daraa Computerhändler war und vor zwei Jahren nach Saatari kam.

Zu kaufen gibt es fast alles

Bargeld kommt ins Lager, weil Hilfswerke den Flüchtlingen Jobs anbieten. Auch Yusuf Hamad, der sich jetzt als Lehrer verdingt, ernährt so seine Familie. Er spart auf eine Klimaanlage, damit das Leben im Container erträglicher wird. Scheine und Münzen wechseln tagsüber vielfach die Besitzer, der Handel auf den Champs-Élysées ist rege.

In Hunderten Verschlägen verkaufen Syrer fast alles, Waschmaschinen, Süßigkeiten, Solaranlagen, Shishas. Manche haben Linoleum auf dem Betonboden ihres Wellblech-Ladens verlegt, andere sitzen auf Campingstühlen im Matsch.

Wo das Geld das Lager verlässt, sieht man frühmorgens vor den Toren von Saatari: Alles, was man kaufen kann, rollt von außen heran, in Wagen jordanischer Händler aus den nahen Städten. Sie bringen Obst, Reis, Zigaretten, Kanister mit Parfum-Essenz.

Viele Flüchtlinge stehen Schlange, Geld in der Hand, genauso vor den beiden Großhandels-Hallen, die ein findiger jordanischer Unternehmer an die Südspitze des Lagers gestellt hat, mit Holzpaletten voller Reissäcke, Orangenkisten oder Öl. 80 000 Flüchtlinge in diesem entlegenen Teil Jordaniens sind 80 000 neue Konsumenten.

Elf Millionen Dollar geben die Flüchtlinge jeden Monat in jordanischen Läden aus, schätzt das Welternährungsprogramm. Das ist eine kleine Summe im Vergleich zu täglich zwei Millionen Dollar, welche die großen UN-Organisationen selbst in Jordanien ausgeben, für Mieten, Autos, Einkäufe.

Die überwältigende Mehrheit der syrischen Flüchtlinge in Jordanien sind nicht auf die Unterbringung in Lagern angewiesen, sondern haben in Städten Anschluss gefunden, als Schwarzarbeiter, Kleinunternehmer, Mieter. 84 Prozent von ihnen leben so, sagen die UN.

Immer wieder scheitern einige und müssen wieder bei Lagern anklopfen. Aber umgekehrt schaffen es Flüchtlinge auch, in den UN-Lagern auf die Beine zu kommen, Geld zu sparen, mit einem Geschäft an den Champs-Élysées und so den Sprung in eine Stadt zu machen.

Saatari besteht vor allem aus Containern und Zelten. Über die asphaltierten Wege rollen aber auch viele Autos und kleine Laster, eine Attraktion für kleine Jungen, die hinten aufspringen und sich johlend ein paar Meter mitnehmen lassen.

Die Fahrer sind ausschließlich Einheimische. Nur sie dürfen Autos ins Lager bringen. Ihre Taxidienste sind unerlässlich für Krankentransporte. Eine Fahrt mit ihnen, egal wie lang, kostet die Flüchtlinge immer zwei Dinar. Das ist lukrativ: In der Hauptstadt bringen kurze Strecken den jordanischen Taxifahrern oft weniger als die Hälfte ein.

Die Flüchtlinge brachten einen Wachstumsschub

Einer Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung zufolge erlebte Jordaniens Volkswirtschaft 2011 ein höheres Realwachstum als im Jahr vor Ausbruch der Syrien-Krise. Auch blieb die Neuverschuldung des Staates dank der Hilfsgelder von umgerechnet 1,5 Milliarden Euro nur halb so hoch wie im Vorjahr. 2012 und 2013, so schreiben die deutschen Forscher, hätten einen Wachstumsschub für die jordanische Volkswirtschaft gebracht, auch wenn zugleich die Arbeitslosigkeit steigt.

Zwar habe Jordanien seither fast sieben Milliarden Euro für die Versorgung der syrischen Flüchtlinge ausgegeben. Aber dem stünden auch Mehreinnahmen von mindestens fünf Milliarden gegenüber. Der jordanische Wirtschaftswissenschaftler Yusuf Mansur meint gar, ohne die Flüchtlinge hätte es 2014 vielleicht nur ein negatives Wirtschaftswachstum gegeben.

Bauboom in der Wüste

In der Gegend von Saatari sind Zeichen des Aufbaus zu sehen. Noch zahlreicher als Militärfahrzeuge, welche die Ruhe sichern sollen, sind Bagger und Planierraupen. Junge Männer, T-Shirts um den Kopf gewickelt, spachteln Mörtel auf Backsteine. Wo Einöde war und jetzt Zehntausende Kriegsflüchtlinge an ihrer Zukunft arbeiten, bauen einige Einheimische jetzt Villen mit verspiegelten Scheiben.

Noch etwas weiter, im unwirtlichen Umland der Städte Mafraq und Irbid, entstehen ganze Fabriken: Die syrische Konservenfirma Durra exportiert seit Jahren nach Jordanien, unter dem Eindruck des Bürgerkriegs ist sie ganz hergezogen, mit Sonder-Arbeitsgenehmigungen für 400 Syrer, die jetzt Erbsen und Oliven in Dosen füllen, dort, wo zuvor nur Wüste war. 120 Millionen Euro sollen syrische Investoren allein im Jahr 2013 in Jordanien investiert haben.

Wiederholen sich die Erfolgsgeschichten vieler Palästinenser?

Geschichtsbewussten Jordaniern fällt es ohnehin schwer, in die Litanei der Flüchtlingslast einzustimmen. Vor 100 Jahren war ihr Land fast menschenleer, ohne Öl und nennenswerte Bodenschätze. Erst arabische Flüchtlinge - vor allem palästinensische - bevölkerten und belebten es nach und nach. Heute sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung Palästinenser, sie dominieren die Privatwirtschaft.

Im palästinensischen Viertel Wahdad in der Hauptstadt Amman, das in den Siebzigerjahren als Flüchtlingslager entstand, ist der Unterschied zu anderen ärmeren Vierteln nicht mehr sichtbar. Fotos und Fernsehbilder aus den Siebzigerjahren zeigen Zelte und Bretterverschläge. Dort sind mehrstöckige Häuser gewachsen. Nur die UN sind noch heute im Viertel und alimentieren weiter die Schulen, was den Staatshaushalt entlastet.

Das Flüchtlingslager funktioniert längst wie eine Stadt

Denselben Prozess in seinen Anfängen sehen viele Beobachter in Saatari, dem Flüchtlingslager in der Wüste, das längst funktioniert wie eine Stadt und auf absehbare Zeit wohl nicht verschwinden wird. An der Pforte kommen täglich nur noch ein oder zwei Flüchtlinge an. Die Regierung hat die Grenze weitgehend geschlossen. Trotzdem wächst die Bevölkerung des Lagers weiter: Die Leute kriegen Kinder.

Das junge syrische Pärchen, das an den Champs-Élysées gerade rosa-, creme- und lilafarbene Tüllkleider mit glitzernden Faux-Edelsteinen auf Schaufensterpuppen zieht, konkurriert bereits mit neun weiteren Brautmodegeschäften im Lager.

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Quelle:
SZ vom 24.02.2015
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