Belagerte Städte Wie die syrische Bevölkerung ausgehungert wird

Immer mehr Menschen verhungern in abgeschnittenen Ortschaften. Erstmals seit drei Monaten sollen nun Nahrungsmittel geliefert werden.

In Syrien sterben die Menschen nicht nur durch Waffengewalt, sondern in abgeriegelten Städten auch am Hunger. Besonders betroffen ist offenbar die Stadt Madaja, etwa 40 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Damaskus. Der Ort mit etwa 40 000 Menschen - etwa die Hälfte davon Zivilisten - wird seit Juli durch Soldaten der Regierung und die schiitische Hisbollah-Miliz belagert und bombardiert. Madaja liegt nahe der Grenze zum Libanon in einer strategisch wichtigen Gegend.

Dem Lokalen Revolutionsrat zufolge sind dort bislang 39 Menschen verhungert, der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira meldete 32 Opfer. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Die syrische Regierung hat nun angekündigt, humanitäre Hilfe in drei belagerte Orte durchzulassen. Neben Madaja solle auch Hilfe in die Schiitendörfer Fua und Kfarja im Norden des Landes gelangen, die von Rebellen belagert würden, sagte der UN-Koordinator für humanitäre Hilfen in Syrien. Die Lieferungen sollten in den kommenden Tagen starten.

Hunderttausende Menschen sind eingeschlossen

Die deutsche Bundesregierung und die Vereinten Nationen hatten zuvor alle Konfliktparteien aufgerufen, Hilfsorganisationen den Zutritt zu belagerten Gebieten zu gewähren. Rund 400 000 Menschen seien in verschiedenen Teilen des Bürgerkriegslandes eingeschlossen, erklärten die Vereinten Nationen. Die UN hätten glaubwürdige Berichte erhalten, dass Menschen verhungert seien.

Der Menschenrechtsbeauftragter Christoph Strässer (SPD) äußerte "größte Sorge" über die Lage der Zivilbevölkerung. Er warf Damaskus vor, die Menschen in Madaja auszuhungern. Zugleich appellierte er an Länder wie Russland und den Iran, sich bei Machthaber Baschar al-Assad dafür einzusetzen, dass "humanitärer Zugang" gewährleistet werden kann.

Ein Aktivist aus Madaja berichtete über Skype, 25 000 Menschen seien vom Hungertod bedroht. Ihm zufolge töten die Einwohner Hunde und Katzen, um sich zu ernähren. Jeden Tagen würden Menschen an Mangelernährung sterben. Die Lage sei "katastrophal"

Bilder von Aktivisten im Internet zeigten ausgemergelte Menschen, darunter Kinder. Ein Arzt der lokalen Gesundheitsbehörde berichtete der Deutschen Presseagentur, es seien zahlreiche Menschen mit Schwäche- und Ohnmachtsanfällen eingeliefert worden.

Eine Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) erklärte, zuletzt sei es Mitarbeitern im vergangenen Oktober ermöglicht worden, in der Stadt Hilfe zu leisten. "Was wir damals gesehen haben, war bereits schlimm", sagte Dibeh Fakhr. Menschen hätten keine Nahrungsmittel und kein Trinkwasser gehabt. "Wir stehen in Syrien mit Hilfsgütern bereit, aber wir brauchen sicheren Zugang zu Madaja", erklärte sie weiter.

Beide Seiten unterbrechen die Versorgung der Zivilisten

Betroffen vom Hunger sind jedoch nicht nur Städte, die von Aufständischen kontrolliert werden - auch die Rebellen verhindern mancherorts, dass von ihnen belagerte Orte mit Lebensmittel versorgt werden. "Unser Leben in Kfarja und in Fua war katastrophal", berichtete ein 16-Jähriger, der für die Regierung gekämpft hat und verletzt wurde, der Nachrichtenagentur AP in einem Krankenhaus in Beirut. Aus Not würden dort manche Menschen schon Gras essen. Operationen würden ohne Betäubungsmittel durchgeführt.

Dramatische Hungersnot im belagerten syrischen Madaya

Die Menschen aus der von Assads Truppen eingeschlossenen Stadt essen nun sogar Haustiere, Gras und Blätter, um zu überleben. mehr...

Fua und Kfarja liegen in der Provinz Idlib. Seit mehr als einem Jahr werden sie von Aufständischen belagert. Im September spitzte sich die Lage zu, als die Rebellen einen nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkt einnahmen, von dem aus die rund 30 000 Menschen in der überwiegend von Schiiten bewohnten Region bis dahin mit Lebensmitteln aus der Luft versorgt worden waren.

Pawl Krzysiek, Sprecher des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) in Syrien, bezeichnet die Situation in den Orten Fua, Kfarja und Madaja als "extrem furchtbar". Und der Winter mache die Dinge für die Menschen noch schwieriger. "Viel zu lang wurden die Menschen ohne grundlegende Güter wie Lebensmittel und Medizin gelassen", sagt er. "Es hat für das IKRK oberste Priorität, die Menschen in den kommenden Tagen damit zu versorgen."

Zumindest für Madaja dürfte dies in den kommenden Tagen möglich werden: Die syrische Regierung hat einem Hilfstransport in die Stadt zugestimmt, sagte eine UN-Sprecherin am Donerstag in Damaskus. Die Vorbereitungen laufen.