Minderheiten auf dem Balkan Arm, vertrieben, ausgegrenzt

Eine aus Deutschland ins Kosovo abgeschobene Familie (Archivbild)

(Foto: dpa)
  • Die meisten Menschen, die aus Bosnien-Herzegowina und Serbien nach Deutschland fliehen, sind Roma.
  • Ihre Chancen auf Asyl sind gering, da diese Staaten als sichere Herkunftsländer eingestuft sind.
  • Im Alltag werden sie oft wie Staatenlose behandelt, aus ihren Siedlungen vertrieben und vom Arbeitsleben ausgeschlossen.
Von Nadia Pantel

Angenommen ein Angehöriger der Volksgruppe der Roma möchte in Bosnien-Herzegowina Staatspräsident werden. Angenommen dieser Mensch ist in Bosnien-Herzegowina geboren, ist dort Staatsbürger und hat das Charisma und die Ideen, die es für das Amt braucht. Könnte ein Roma dann Präsident in Sarajevo werden?

Die Antwort lautet Nein und zeigt, wie sich die alltägliche Diskriminierung der Roma in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien auch in der großen Politik spiegelt. Als Präsident darf sich in Bosnien-Herzegowina nur aufstellen, wer Kroate, Serbe oder Bosniake ist. Die 100 000 Roma, die im Land leben, müssten sich einer dieser drei großen Ethnien zuordnen, um politisch wirklich Einfluss zu gewinnen.

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Hinter dem Sammelbegriff "Flüchtlinge vom Balkan" verbergen sich mehrheitlich Roma. Dies zeigen die Zahlen des Bundesamtes für Migration: Im März diese Jahres beantragten 690 Menschen aus Bosnien-Herzegowina in Deutschland Asyl, 407 von ihnen waren Roma. Von Serben kamen 2833 Anträge, darunter 2525 Roma. Von den 1186 Mazedoniern, die im März Asyl beantragten, waren 644 Roma. Diese drei von der Bundesregierung als "sichere Herkunftsländer" eingestuften Länder haben außer ihrer gemeinsamen Vergangenheit als Jugoslawien vor allen Dingen eines gemeinsam: Sie sind arm. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Bosnien-Herzegowina bei 60 Prozent. In Serbien bei 20 Prozent. Die Gesundheitsversorgung laviert am Rande des Zusammenbruchs.

Roma sind die größten Verlierer

Wo schon der Mehrheit das Nötigste fehlt, bleibt für eine Minderheit wie die Roma umso weniger Spielraum, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Roma-Siedlungen werden regelmäßig mit Bulldozern geräumt, ohne dass Wohnungen zur Verfügung gestellt werden. Wenn die Siedlungen toleriert werden, existieren sie ohne Strom- und Wasseranschluss. Die Mehrheit der Roma findet keine Arbeit und ist als Folge nicht krankenversichert und oft nicht in der Lage, die Kosten für den Schulbesuch der Kinder aufzubringen. Als im Sommer 2014 in Bosnien-Herzegowina und Serbien Tausende Menschen durch schwere Überschwemmungen ihre Häuser verloren, wurde vielen betroffenen Roma der Zugang zu Aufnahmelagern verweigert. In den Gesellschaften des westlichen Balkans, die mit Armut und Perspektivlosigkeit kämpfen, sind die Roma die größten Verlierer. Viele sehen in einem Asylantrag im westlichen Europa ihre einzige Chance auf ein besseres Leben.

Auch wenn Roma formal die serbische, bosnische oder mazedonische Staatsbürgerschaft haben, werden sie im Alltag oft wie Staatenlose behandelt. In den 700 Jahren, die die Sinti und Roma in Europa leben, wurden sie immer wieder Opfer von Ausgrenzung und Verfolgung. Die deutschen Nationalsozialisten erklärten Sinti und Roma 1935 zu "Volks- und Reichsfeinden". 24 000 Sinti und Roma wurden allein in Deutschland registriert und deportiert. Mehr als eine halbe Million Sinti und Roma wurden insgesamt in den Arbeits- und Vernichtungslagern der Nazis umgebracht.

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