Außenpolitik Das Lied von der deutschen Verantwortung

Bundespräsident Gauck auf der Münchner Sicherheitskonferenz: Mentalitätswechsel in der deutschen Außenpolitik nötig

(Foto: dpa)

Die hegemoniale Phase der USA ist vorbei, die weltpolitische Ordnung ändert sich radikal. Bundespräsident Gauck und Regierungsmitglieder fordern nun eine stärkere Einmischung Deutschlands in der Welt. Dahinter steckt keine Tageslaune, sondern eine ernsthafte Sorge.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Im Sommer 1878 reiste der amerikanische Schriftsteller Samuel Langhorne Clemens durch den Südwesten Deutschlands, fuhr mit dem Floß den Neckar hinab, belustigte sich über Baden-Baden und schrieb anschließend ein liebenswert zynisches Buch über die Deutschen. Das war typisch für den Mann, den die Welt als Mark Twain kennt. Ihm wurde später für seine Entdeckungsreise ein Denkmal gesetzt: das Mark-Twain-Village in Heidelberg.

Freilich: Nicht die Deutschen zeigten sich durch den Bau dankbar. Es waren die US-Truppen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Heidelberg ein Hauptquartier aufschlugen und dort die Mark-Twain-Siedlung bauten. Im vergangenen Jahr sind die Soldaten abgezogen. Das Gelände soll nun anders genutzt werden: Öko-Wohnungen, Biotech, Universität - die übliche Mischung des Jahres 2014.

An die Amerikaner wird dann wohl nicht mehr viel erinnern. Die Stadt Heidelberg ist ein bisschen provinziell und mag kein Erinnerungszentrum - der Bürgermeister will wiedergewählt werden, die USA sind schwer verkäuflich. 22 Millionen GIs waren über die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland stationiert, das hat die Forschung gerade herausgefunden. Eine gewaltige Zahl. Was für ein Potenzial nicht nur für die Erinnerung - schmählich vernachlässigt.

Heidelberg gibt ein perfektes Beispiel ab für die spezielle Geschichtsvergessenheit der Deutschen und die Schnelllebigkeit der amerikanischen und damit auch der globalen Sicherheitspolitik. Allein die Jahre nach dem Mauerfall im Zeitraffer: Bush I war der Traditionalist, es ging ihm um alte Bündnisse und Legitimität von Macht; Clinton war der Internationalist, er vertraute auf die ökonomische Kraft der Globalisierung; Bush II war der Interventionist, er kanalisierte die Angst der Amerikaner in einer gewaltigen Kriegsanstrengung; Obama gibt den vorsichtigen Isolationisten, der den Rückzug befiehlt, manchmal Leidenschaft für Geopolitik aufblitzen lässt, aber tatsächlich Amerikas innere Schwäche heilen will.

Seit Barack Obama ist es zur Gewissheit geworden, dass die kurze hegemoniale Phase Amerikas vorüber ist. Das Land hat das Interesse und die Kraft verloren, ist erschöpft von seiner Hybris, die es als Antwort auf den Schock von 9/11 entwickelte. Der Zeitraffer zeigt aber auch: Die USA haben eine gewaltige historische Chance vertan.

Zbigniew Brzeziński, der große, alte Stratege, hat es auf die knappe Formel gebracht: Hätte man die Welt 1991 abstimmen lassen, wer die Geschicke der globalen Sicherheit steuern soll - die Wahl wäre mit überwältigender Mehrheit auf die USA gefallen. Heute sehen nicht nur die Deutschen in den USA eine Bedrohung für den Frieden. Dahinter verbirgt sich zwar eine ebenso absurde Verzerrung wie hinter den Weltenlenker-Phantasien. Aber diese Extreme belegen wenigstens, welche gewaltigen Fliehkräfte an der internationalen Ordnung zerren.

Zweieinhalb Jahre schon schaut die Welt dem Gemetzel in Syrien zu, ohne es stoppen zu können. Seit mehr als zehn Jahren muss die arabische Welt den Boom des militanten Islam hinnehmen, ohne ein probates Mittel dagegen zu finden. Immer lauter wird in Ostasien nach einer politischen Sicherheitsarchitektur gerufen, mit deren Hilfe sich Spannungen und nationalistische Ausbrüche abfedern ließen. Und in Nahost versucht ein US-Außenminister wieder mal das Unmögliche: Zwei Staaten, Israel und Palästina, sollen in Frieden miteinander leben können. Sollte auch John Kerry scheitern, dann wird sich so schnell keiner mehr aufraffen.