Krieg in Syrien Wie syrische Frauen gestärkt aus der Krise hervorgehen könnten

Syrische Frauen im Exil: Im jordanischen Flüchtlingscamp Al Zaatari sind oft Frauen die Familienoberhäupter.

(Foto: REUTERS)

Fast jeder dritte syrische Haushalt im Exil wird von Frauen geführt. Während sie früher die soziale und wirtschaftliche Kontrolle an Männer abgeben mussten, stärkt der Krieg ihre Rolle. Wir dürfen sie aber nicht alleinlassen.

Gastbeitrag von Karl-Otto Zentel

Stellen Sie sich vor, Ihr Haus wird von einer Bombe getroffen. Ihr Mann kommt dabei ums Leben. Sie fliehen, mit Ihren vier Kindern. Laufen durch die Wüste, harren aus, verstecken sich vor Vergewaltigern und bewaffneten Milizen. Endlich erreichen Sie die Grenze des Nachbarlandes. Hier herrscht zwar kein Krieg mehr, aber Sie kämpfen um das Überleben Ihrer Familie. Sie leben in einem kleinen, mit Schimmel befallenen Raum, außer Matratzen auf dem kalten Boden haben Sie nichts. Vielleicht wird der Vermieter Ihre Familie bald vor die Tür setzen, weil Sie die Miete nicht mehr zahlen können. Eine verzweifelte Situation, von der Millionen Frauen aus Syrien erzählen könnten.

Seit Beginn des Bürgerkrieges vor fünf Jahren sind beinahe fünf Millionen Menschen aus dem Land geflohen, die meisten von ihnen in Nachbarländer. Jeden Tag müssen die Frauen dort unzumutbare Entscheidungen treffen: Schicke ich unsere Kinder zur Schule oder lasse ich sie arbeiten, damit ich die Miete bezahlen kann? Welche der wenigen Erinnerungsstücke, die wir aus unserer Heimat mitnehmen konnten, verkaufen wir, um etwas zu essen haben? Den Heizofen oder den Ehering?

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Frauen sind an der vordersten Front dieses Krieges. Fast jeder dritte Haushalt syrischer Familien im Exil wird von Frauen geführt. Die Männer sind noch in Syrien oder bereits im Krieg gefallen oder verletzt. Oder sie sind Richtung Europa vorausgegangen, in der Hoffnung, ihre Familien nachholen zu können. Durch den Krieg, so zeigt der aktuelle Bericht "Women. Work. War", haben sich die Rolle und die Stellung der Frau grundlegend verändert. Befragt wurden Frauen und ihre Familien in Syrien sowie in den Nachbarländern Jordanien, Türkei und Libanon.

Inmitten all der Zerstörung haben die Frauen zu neuer Stärke gefunden

Syrische Frauen schultern die Hauptverantwortung, während Männer ihre traditionelle Rolle als Versorger und Entscheider der Familie nicht mehr ausfüllen können. Frauen verdienen das Geld im informellen Sektor und entscheiden nun auch darüber, wofür es ausgegeben wird. Gleichzeitig kümmern sie sich um den Haushalt und die Kinder. Selbst wenn der Ehemann oder andere männliche Familienmitglieder noch da sind, fügen sie sich häufig nur schlecht in die neue Situation ein. Sie fühlen sich entmannt, das sagen viele der befragten Männer. Das führt zu Unsicherheit in der Familie und häufig auch zu großem emotionalen Stress in einem Alltag, der von Flucht und Armut bestimmt ist.

In Kriegssituationen sind Frauen besonderen Risiken ausgesetzt. Auch in Syrien werden Vergewaltigungen als Kriegswaffe eingesetzt. In den Zufluchtsländern, ohne männliche Unterstützung und Schutz, werden Frauen und Mädchen häufig Opfer von Missbrauch und Ausgrenzung. Manche Frauen berichten, dass Vermieter nicht mit ihnen direkt verhandeln wollen. Das sei schließlich Männersache. Inmitten all der Zerstörung haben syrische Frauen und Mädchen so jedoch auch zu neuer Stärke gefunden - gezwungenermaßen. Sie haben Bereiche innerhalb der Familie und ihres sozialen Umfeldes besetzt, die für sie vor dem Krieg verschlossen waren.

Vor dem Konflikt war die wirtschaftliche Beteiligung von Frauen in Syrien sehr niedrig. 2010 waren nur knapp 20 Prozent der syrischen Frauen erwerbstätig, die meisten gaben ihre berufliche Karriere nach der Heirat auf. Wie auch in anderen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrika hatte sich die Zahl von Mädchen, die zur Schule gehen, zwar in den letzten Jahrzehnten erhöht. Eine größere Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben folgte daraus jedoch nicht. Grund dafür sind vor allem soziokulturelle Normen und ein weiterhin von patriarchalischen Strukturen geprägtes Familien- und Gesellschaftsbild. Laut der syrischen Verfassung von 1973 genießen Frauen in Syrien dieselben Rechte wie Männer. Der Notstand, der 1963 ausgerufen wurde, setzte dem aber Grenzen.