Vor Mursis Amtsjubiläum Landesweit kommt es in Ägypten zu Unruhen

Kario: Aktivisten protestieren gegen Präsident Mursi, dessen Amtsantritt sich am Sonntag jährt.

(Foto: dpa)

Tausende Gegner und Anhänger von Präsident Mursi gehen in Ägypten auf die Straße. Bei Ausschreitungen sind seit Freitag mindestens vier Menschen getötet worden, darunter ein amerikanischer Student. Zahlreiche Ausländer verlassen das Land, für Sonntag sind weitere Massenkundgebungen geplant.

Vor den für Sonntag angekündigten Massenprotesten in Ägypten ist es landesweit zu schweren Ausschreitungen gekommen. Seit Freitag wurden bei Zusammenstößen zwischen Gegnern und Anhängern von Präsident Mohammed Mursi mindestens vier Menschen getötet und rund 130 weitere verletzt, wie die Behörden mitteilten. US-Präsident Barack Obama äußerte sich besorgt zur Lage in dem Land.

Unter den Toten war ein US-Bürger, wie das Außenministerium in Washington bestätigte. "Wir können bestätigen, dass in Alexandria in Ägypten ein US-Bürger getötet wurde", sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Washington. Nach Angaben der Sicherheitskräfte wurde er von einem zunächst nicht identifizierten Mann mit einem großen Messer in die Brust gestochen, als er Demonstranten fotografierte. Die New York Times berichtete online, der 21 Jahre alte Student aus Ohio habe als Praktikant bei der Organisation Amideast in Ägypten Kindern Englisch beigebracht und zugleich sein Arabisch verbessert.

Außerdem wurde in Alexandria ein Ägypter getötet und ein bei früheren Protesten verwundeter Mann erlag am Samstag seinen Verletzungen. In der Hafenstadt Port Said am Suez-Kanal wurde zudem ein ägyptischer Journalist getötet, als Unbekannte einen Sprengsatz warfen, wie ein Vertreter der Sicherheitskräfte und mehrere Augenzeugen berichteten.

In Alexandria und in der Provinz al-Dakahlija wurden außerdem Büros der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, dem politischen Arm der Muslimbrüder, in Brand gesteckt, ein weiteres in Beheira wurde gestürmt. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo harrten am Samstag weiterhin Hunderte Gegner Mursis aus. Seine Anhänger hielten sich zu Tausenden weiterhin vor der Moschee Rabaa al-Adawija im Kairoer Vorort Nasr City auf.

Die Kampagne Tamarod (arabisch für Rebellion) sammelte nach eigenen Angaben mittlerweile mehr als 22 Millionen Unterschriften für einen Rücktritt Mursis sowie eine vorgezogene Präsidentschaftswahl. Mursis Unterstützer halten die Petition für ungültig. Seine Amtszeit endet offiziell erst 2016. Am Samstag traten mehrere Parlamentarier von ihrem Posten zurück, um die Opposition zu unterstützen. Mindestens acht Abgeordnete der Schura, dem Oberhaus des Parlaments, legten ihre Mandate nieder und mehrere weitere reichten nach Angaben der Volksvertretung ein entsprechendes Gesuch ein.

Sonntag jährt sich Mursis Amtsantritt, Opposition plant Großdemonstrationen

Die bisherigen Proteste waren erst ein Vorgeschmack auf die für Sonntag geplanten Großkundgebungen der Opposition. Das US-Außenministerium warnte Amerikaner vor nicht unbedingt nötigen Reisen in das Land. Alle US-Bürger wurden dringend aufgefordert, Demonstrationen in Ägypten zu meiden, weil selbst friedliche Versammlungen schnell gewalttätig werden könnten.

US-Präsident Barack Obama forderte beide Seiten des Konflikts zum Gewaltverzicht auf. Anhänger und Gegner von Staatschef Mohammed Mursi sollten konstruktiv über die Zukunft des Landes sprechen, sagte Obama am Samstag bei seinem Besuch in Südafrika. Der US-Präsident warnte vor einem Flächenbrand in Nordafrika, der durch die zunehmende Gewalt in Ägypten entstehen könne. Er verfolge die Entwicklung mit Sorge, sagte Obama weiter. Ägypten sei das größte Land der arabischen Welt, so dass der Konflikt weitreichende Folgen haben könne.

Auch das Auswärtige Amt empfiehlt deutschen Staatsbürgern "nachdrücklich", während und nach den angekündigten Großdemonstrationen "besondere Vorsicht walten zu lassen und den jeweiligen Einzugsbereich der Demonstrationen (für Kairo insbesondere die Innenstadt und Heliopolis) weiträumig zu meiden". In Berlin erklärte ein Sprecher: "Wir beobachten die Lage in Kairo und anderen Städten Ägyptens sehr aufmerksam". Die Vorkehrungen würden laufend angepasst.

Nach dem jüngsten Gewaltausbruch in Ägypten flüchten viele Ausländer. Sämtliche Flüge vom internationalen Flughafen Kairo in die USA, nach Europa und in die Golfstaaten waren nach Angaben aus Sicherheitskreisen am Samstag ausgebucht. Auch Mitarbeiter und Familienangehörige der US-Botschaft - insgesamt 45 Personen - verließen demnach per Flugzeug das Land. Angesichts der Unruhen ließen die USA einen Teil ihres Botschaftspersonals ausreisen.

"Wir sind nicht Mubarak"

Der Tahrir-Platz in Kairo in der Nacht von Freitag auf Samstag

(Foto: REUTERS)

Am Sonntag jährt sich Mursis Amtsantritt zum ersten Mal. Seine Gegner planen für den Tag Massenkundgebungen, bei denen sie seinen Rücktritt und eine vorgezogene Präsidentschaftswahl fordern wollen. Mursis Kritiker werfen ihm vor allem vor, die Gesetzgebung nach den Prinzipien des Islams verändern zu wollen.

Am Freitag mobilisierten beide Seiten bereits Zehntausende Anhänger zu Kundgebungen. Die Unterstützer Mursis folgten einem Aufruf der islamistischen Bewegungen und kamen zur Moschee Rabaa al-Adawija im Vorort Nasr City. "Wir werden einen Staatsstreich gegen den Präsidenten nicht zulassen", rief Mohammed al-Beltagui von den Muslimbrüdern der Menge zu. "Ihr seid nicht die zweite Revolution und wir sind nicht Mubarak", sagte er mit Bezug auf den 2011 gestürzten früheren Staatschef.

Auf dem Tahrir-Platz, dem Ausgangspunkt der Revolution von 2011, versammelten sich die Gegner des Präsidenten. Auch im Nildelta und in Port-Said gab es Proteste. Am Abend gab es gewaltsame Auseinandersetzungen in den Provinzen Dakahlija und Beheira im Nildelta. Nach Angaben von Behördenvertretern wurden im ganzen Land 130 Menschen verletzt.

Neue Proteste in Ägypten "Verschwinde, du Verlierer!"

Zwei Jahre nach dem Ende der Mubarak-Herrschaft stehen auf dem Tahrir-Platz in Kairo wieder Zelte. Die Demonstranten wollen Präsident Mohammed Mursi stürzen, aber auch die Muslimbruderschaft mobilisiert ihre Anhänger. Der politische Machtkampf wird auf der Straße ausgetragen - jetzt richten sich alle Augen auf die Armee.