Rechtsextremismus in den USA Was in Charlottesville passiert ist

Wer hat demonstriert? Und warum? Und was wissen wir über den Fahrer des Autos, der eine junge Frau getötet haben soll? Antworten auf die wichtigsten Fragen zu den Protesten der Rechtsextremen.

Von Sebastian Gierke

Wenige Stunden nach einem Aufmarsch rechtsextremer Gruppen in den USA ist es zu tödlicher Gewalt gekommen: Ein Autofahrer raste am Samstag in Charlottesville im Bundesstaat Virginia in eine Gruppe von Gegendemonstranten. Eine Frau starb, 19 weitere wurden zum Teil schwer verletzt.

Was ist genau passiert?

In Charlottesville versammelten sich Menschen, um zu feiern, nachdem die Rechtsextremen die Stadt verlassen hatten. Die Stimmung sei ausgelassen gewesen, berichtete ein Augenzeuge dem Magazin The Atlantic.

Dann fuhr ein silbergrauer Dodge die enge Straße entlang, in Richtung der Demonstranten, das Auto beschleunigte. Auf Videos ist zu sehen, wie es mit hohem Tempo in die Gruppe von Gegendemonstranten rast. Menschen wurden durch die Luft geschleudert.

Rassisten-Aufmarsch endet in Chaos und Gewalt

Eine Kundgebung ultrarechter Gruppen in Charlottesville eskaliert. Ein Auto rast in eine Gruppe Gegendemonstranten und tötet eine Frau. Präsident Trump verurteilt die Gewalt von "beiden Seiten" - übt aber keine Kritik an den Rechtsextremen. Von Beate Wild mehr ...

Augenzeugen berichteten, der Fahrer habe gezielt Menschen treffen wollen. "Wir liefen auf der Straße, als ein Auto, eine schwarze oder graue Limousine, mit hohem Tempo auf uns zuraste und gegen all die Leute prallte", sagte ein Mann, der vor Ort war. "Dann fuhr er zurück und hat uns erneut angefahren." Das Auto prallte auf andere Fahrzeuge und schob diese in die Gruppe der Gegendemonstranten. "Ein Mädchen am Boden wurde in Stücke gerissen, das war Absicht", sagte ein anderer Augenzeuge der Nachrichtenagentur AFP.

Was ist über den Verdächtigen bekannt?

Die Polizei nahm kurz nach der mutmaßlichen Attacke einen 20-jährigen Mann in Gewahrsam, James Alex Fields Junior aus Maumee in Ohio. Fields wird verdächtigt, das Auto vorsätzlich in die Gruppe von Menschen gesteuert zu haben und anschließend geflohen zu sein. Ihm wird unter anderem "Second degree murder" (vergleichbar mit Totschlag) vorgeworfen. Die Bundespolizei FBI zog die Ermittlungen an sich.

James Alex Fields Jr. auf einem Bild, das die Polizei nach seiner Verhaftung veröffentlicht hat.

(Foto: REUTERS)

Auf Fotos war Fields in Charlottesville zu sehen, wie er offenbar unter Mitgliedern der Gruppe Vanguard America posierte. Er hielt dabei ein Schild mit dem Logo der Organisation in den Händen. Vanguard America ist eine Gruppe, in der sich weiße Nationalisten organisiert haben. Auf Twitter veröffentlichte die Gruppe ein Statement, in dem sie mitteilte, der Fahrer des Autos sei "in keiner Weise Mitglied von Vanguard Amerika". Die Schilder seien in Charlottesville an jeden verteilt worden, der eines haben wollte.

Fields hatte, nach allem, was man über ihn weiß, bisher kein leichtes Leben. Sein Vater wurde kurz nach seiner Geburt totgefahren, er wuchs im Norden von Kentucky bei seiner gelähmten Mutter auf. Später lebte er in Ohio. Ein Onkel beschrieb Fields in der Washington Post als "nicht wirklich freundlich, eher dumpf". Fields' Mutter sagte der Zeitung Toledo Blade, ihr Sohn habe angekündigt, zu der Rechtsextremen-Demo fahren zu wollen. Sie habe ihn aufgefordert, "vorsichtig zu sein" und "friedlich" zu demonstrieren.

Wie Buzzfeed berichtet, hatte Fields auf seiner Facebookseite in der Vergangenheit Propagandabilder veröffentlicht, wie sie auch von der sogenannten Alt-Right-Bewegung verwendet werden. Außerdem habe er Bilder gepostet, die uniformierte Rechtsradikale zeigen, die neben einer amerikanischen Flagge eine Hakenkreuzfahne präsentieren. Auch ein Bild, das Adolf Hitler als Kleinkind zeigt, war dort zu finden. Und eine Zeichnung die Donald Trump zeigt, wie er mit goldender Krone auf einem Thron sitzt. Auf einem Bild aus dem Jahr 2015 ist Fields außerdem mit einem Auto zu sehen, das in Modell und Farbe dem entspricht, mit dem der mutmaßliche Anschlag ausgeführt wurde.

Wer hat in Charlottesville demonstriert?

An der Kundgebung unter dem Motto "Vereinigt die Rechte" hatten nach Schätzungen mehrere Tausend Menschen aus verschiedenen ultrarechten Gruppen teilgenommen. Ungefähr genauso viele Gegendemonstranten waren vor Ort. Oren Segal von der Menschenrechtsorganisation Anti-Defamation League, einer Organisation, die in den USA vor allem gegen Antisemitismus kämpft, erklärte, dass sich viele White-Power-Gruppierungen versammelt hätten, darunter Neonazi-Organisationen, Mitglieder der Alt-Right-Bewegung, rassistische Skinheads, Ku-Klux-Klan-Anhänger und Identitäre. Unter ihren war auch der ehemalige Ku-Klux-Klan-Führer David Duke. Duke wurde auf einem vom Indianapolis Star geposteten Video gezeigt wie im Namen der rechten Demonstranten sagte, sie wollten sich ihr "Land zurückholen". Damit wollten sie "die Versprechen von Donald Trump erfüllen".

Rechte Kundgebung eskaliert in Charlottesville

mehr...

Einige der Rechtsextremisten waren bewaffnet angereist, einige erhoben die Hand zum Hitler-Gruß. Viele führten Flaggen der früheren Südstaaten-Konföderation mit sich, die liberale Amerikaner als Symbol des Rassismus betrachten.

Begonnen hatten die Aktionen der Rechtsextremisten in der Nacht vom Freitag mit einem Fackelzug durch die Stadt. Am Samstag lieferten sich die rechten Aktivisten immer wieder schwere Schlägereien mit Gegendemonstranten. So wurde in einem Parkhaus ein dunkelhäutiger Mann von mehreren Neonazis mit Latten attackiert.

Insgesamt wurden bei den Auseinandersetzungen vor der Autoattacke 16 Menschen verletzt. Zwei Polizisten kamen außerdem beim Absturz eines Polizeihubschraubers ums Leben, der die Zusammenstöße aus der Luft beobachtet hatte. Die Ursache war zunächst unklar.

Um was ging es bei den Demonstrationen?

Anlass war ein Stadtratsbeschluss, eine Statue des Konföderierten-Generals Robert E. Lee aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) zu entfernen. Die Konföderierten (Südstaaten) hatten für den Fortbestand der Sklaverei gekämpft. Die zwei Autostunden südwestlich von Washington gelegene Stadt Charlottesville gilt als Hochburg der US-Demokraten, nach Angaben von CNN stimmten dort bei der Präsidentenwahl 80 Prozent für Trumps demokratische Gegnerin Hillary Clinton.

Virginias Gouverneur findet nach Charlottesville klare Worte

Anders als Trump richtete sich Terry McAuliffe eindeutig gegen die rechtsextremen Gewalttäter. mehr ...

Wie reagiert die Politik?

Der demokratische Gouverneur von Virginia, Terry McAuliffe, richtete eine äußerst scharf formulierte Botschaft an die Rechtsextremisten. "Ihr seid hier nicht willkommen", sagte er auf einer Pressekonferenz. "Geht nach Hause. Nehmt euren Hass und eure Vorurteile mit. Es gibt hier keinen Platz für euch, und es gibt keinen Platz für euch in Amerika."

US-Präsident Trump verurteilte zwar die "ungeheuerliche Gewalt", erwähnte dabei die Kundgebung der Rechtsextremen aber nicht direkt. Stattdessen sprach er pauschal von "Gewalt von vielen Seiten". Dafür gab es heftige Kritik. "Mr. President - wir müssen das Böse beim Namen nennen. Dies waren weiße Rassisten und dies war einheimischer Terrorismus", schrieb der republikanische Senator Cory Gardner (Trump spaltet, statt zu heilen, kommentiert SZ-Korrespondent Johannes Kuhn hier). "Es ist sehr wichtig, dass der Präsident die Ereignisse in Charlottesville als das beschreibt, was sie sind, ein Terroranschlag weißer Rassisten", schrieb der republikanische Senator Marco Rubio.

Das Wiesenthal-Zentrum verurteilte die Gewalt als Terror. Es rief US-Spitzenpolitiker, allen voran Präsident Trump, dazu auf, "die extreme Alt-Right-Bewegung und die weißen Nationalisten, die Hass, Misstrauen und Gewalt säen, eindeutig zu verurteilen". Das 1977 gegründete Zentrum mit Hauptsitz in Los Angeles wurde mit der weltweiten Suche nach untergetauchten Nazi-Verbrechern bekannt.

Nach Charlottesville spaltet Trump, statt zu heilen

Der Präsident hat von der extremen Rechten profitiert. Nach der Gewalt in Virginia will er sich nicht von den Neonazis distanzieren. Das ist unwürdig. Kommentar von Johannes Kuhn mehr...

Mit Material der Agenturen.