Auma Obama im Interview "Integration muss vorangetrieben werden - aber nicht durch Abgrenzung"

Was haben Sie von Ihren 16 Jahren Deutschland für sich mitgenommen?

Deutsche Soldaten mit Migrationshintergrund beim Marschieren in der Falckenstein-Kaserne in Koblenz. Die Aufnahme ist bereits 2001 entstanden.

(Foto: DPA)

Ich bin hier erwachsen geworden. Als ich ankam, war ich 20. Mit 36 Jahren bin ich wieder gegangen. Viele meiner Ideen, das, was ich für wichtig halte, meine persönliche Charta, all das wurde in Deutschland geformt.

Wie kam die junge Afrikanerin Auma mit der deutschen Mentalität zurecht?

Sehr gut. Ich bin ein Mensch, der direkt und wissbegierig ist und hinterfragt. Das passt sehr gut zur deutschen Kultur. Außerdem kam ich in einer Zeit, in der noch die Gleichberechtigung der Frauen erkämpft wurde.

Sie stammen aus einer Kultur, in der es mit Frauenrechten nicht so weit her ist. Haben Sie sich erst durch Ihre Zeit in Deutschland emanzipiert?

Vom Charakter her war ich schon lange emanzipiert. Ich habe in meiner Kindheit alles hinterfragt. Zum Beispiel, warum mein Bruder alles durfte, was mir nicht erlaubt war. Ich war mir schon vor meiner Reise nach Deutschland darüber im Klaren, dass ich mich nicht zwangsverheiraten lasse. An Deutschland war neu, dass man dort wirklich diese Freiheit leben konnte. Ich konnte mich als Frau entwickeln, ohne Barrieren, ohne Blockaden.

Wie gingen die Deutschen mit Ihnen um? Gab es Probleme?

Am Anfang bin ich angestarrt worden. Das war ungewohnt und unangenehm, weil es in Kenia unhöflich ist, jemanden dauernd anzuschauen. Und es gab natürlich auch Situationen, in denen ich als Exotin gesehen und nicht ernst genommen wurde als Mensch.

Haben Sie Erfahrungen mit Rassismus gemacht?

Auch das, ja. Ich habe sehr früh erkannt, dass ich mich am besten mit der deutschen Sprache wehren kann. Dadurch konnte ich kontern, dadurch wurde ich ernst genommen. Außerdem brachte mich diese Kommunikationsfähigkeit in Kontakt mit vielen Leuten, ich habe Freunde gefunden, die mir nahe und wichtig waren. Sie sind bis heute Teil meiner Welt.

Die Sprache ist in der schwelenden Integrationsdebatte auch unter den deutschen Streitenden ein Problem. Meist ist sie polemisch, zweideutig, undifferenziert. Haben Sie einen Rat, wie man die Kontroverse versachlichen kann?

Ich habe einige Talkshows im Fernsehen verfolgt und dachte mir: "Was ist denn hier los?" Das ist total chaotisch, alle reden gleichzeitig. Irgendwer muss dieses Gespräch doch organisieren. Keiner hört dem anderen richtig zu. Das ist sehr schade, das ist traurig, denn so wird es keine Lösung geben. Man muss die Emotionen wegräumen und die Fakten ansehen.

Wie lauten die Fakten Ihrer Meinung nach?

Die deutsche Gesellschaft ist bereits eine gemischte Gesellschaft. Die Deutschen essen Curry, Pizza und Döner - alles wirklich keine urdeutschen Gerichte. Aber all das ist ein Teil, was Deutschland heute ausmacht. Manche Leute reden so, als ob es einerseits eine pure, deutsche Identität gäbe und auf der anderen Seite alles Fremde, zu dem man keinerlei Assoziation hat. Das ist einfach nicht wahr. Integration hat schon lange stattgefunden und sie muss vorangetrieben werden. Aber nicht durch Abgrenzung. Wenn es Konflikte gibt, muss man sachlich und nicht emotional an sie herangehen.

Die Debatte ist allerdings hochemotional - ein Ende ist nicht in Sicht.

Wissen Sie was: In den TV-Gesprächsrunden sitzen die Streitenden, nicht alle deutscher Herkunft, manche sehen anders aus, eine andere Hautfarbe, die Haare bedeckt. Und sie denken alle, dass sie deswegen von ganz unterschiedlichen Polen kommen und dass die Integration nicht möglich ist. Sie merken nicht mal, dass ihre Runde doch schon die gelebte Intergration darstellt. Alle verständigen sich auf Deutsch, befassen sich gekonnt mit der Problematik aus deutscher Sicht und aus dem Verständnis der deutschen Kultur, mit der sie alle vertraut sind. Sie merken es aber nicht. Vor lauter Emotion wird das aber leider übersehen. Alle Seiten müssen sich mal umgucken und sich die Realität anschauen. Sie werden sehen, dass es nicht so schlecht aussieht.