Asylbewerber in Schwäbisch Gmünd "Uns wurde eine große Chance geraubt"

54 steile Stufen: Asylbewerber Lamin Gibba hilft Zugreisenden beim Koffertragen. Nun wurde die Aktion beendet

(Foto: dpa)

Viel mehr als schlafen oder essen kann man nicht. Der Alltag eines Asylbewerbers ist eintönig. Deshalb hatte der Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd eine Idee: Freiwillige sollten Zugreisenden beim Koffertragen helfen. Als sich Wohlmeinende darüber aufregten, beendete die Deutsche Bahn die Aktion - zum Ärger der Asylsuchenden.

Von Roman Deininger, Schwäbisch Gmünd

Am Freitagvormittag steht Gharoon Khan in einem roten T-Shirt am Bahnhof von Schwäbisch Gmünd, nur so viel ist klar: Er wartet nicht auf den Zug.

Man würde ihn gern fragen, was er dort tut, aber man findet einfach keine gemeinsame Sprache. Bei den Service-Mitarbeitern der Bahn, die neben Gharoon Khan an Gleis eins ihrer Kundschaft harren, würde es daran nicht scheitern. Die beiden dürfen bloß nicht reden, nur einen Zettel übergeben mit der Nummer eines Bahn-Sprechers. Der Bahn-Sprecher darf allerdings auch nicht viel sagen, außer, dass die Pressemitteilung von Mittwoch gelte. Da heißt es: "Die Deutsche Bahn zieht sich aus der Initiative der Stadt Schwäbisch Gmünd zurück, Asylbewerber zum Transportieren von Gepäckstücken einzusetzen."

Es ist wahrscheinlich so, dass Gharoon Khan das nicht mitgekriegt hat. Oder dass er es schlicht nicht glauben kann.

"Ich finde die Aktion durchweg positiv"

Am Montag, zum Start des Projekts, hatte der Vorsitzende des örtlichen Bürgervereins gegen Fremdenfeindlichkeit gesagt: "Ich finde die Aktion durchweg positiv. Wir haben schon lange überlegt, wie wir den Flüchtlingen helfen können, sich ins soziale Leben in Gmünd zu integrieren." Die Leiterin des Asylbewerberheims sagte, die Bewohner seien dankbar, sich endlich mal "einbringen zu dürfen" in die Gesellschaft. Der Landrat sprach von einer "super Idee", die "gewiss auch Ausstrahlung haben wird". Hatte sie dann auch. Nur ganz anders, als die Gmünder das erwartet hatten.

Die Idee stammte vom Oberbürgermeister persönlich, von Richard Arnold, einem schwulen Christdemokraten in einer erzkatholischen Stadt. Am Bahnhof von Schwäbisch Gmünd, der Staufergründung 50 Kilometer östlich von Stuttgart, wird zurzeit gebaut, der Tunnel zu den Bahnsteigen ist gesperrt. Nur ein Steg aus Metallrohren führt zu den Zügen, 54 Stufen steil hinauf, 54 Stufen steil hinunter. Für Rollstuhlfahrer oder Mütter mit Kinderwagen: ein unüberwindliches Hindernis. OB Arnold fragte also im Asylbewerberheim nach, ob es Freiwillige gebe, die den Reisenden zur Hand gehen wollten. Es gab neun.

1,05 Euro pro Stunde, so will es das Gesetz

Sie bekamen rote T-Shirts mit dem Schriftzug "Service", hinten groß, vorne klein, dazu Schildchen mit ihrem Namen und dem Gmünder Wappentier darauf, dem Einhorn. Sie bekamen auch Lohn, 1,05 Euro pro Stunde, mehr lässt das Gesetz nicht zu für Asylsuchende. Der OB forderte die Bahnpassagiere deshalb auf, beim Trinkgeld großzügig zu sein.

Am Montag fühlten sich alle Beteiligten als Gewinner. Und jetzt, nur fünf Tage später, haben sie in gewisser Weise alle verloren. OB Arnold sitzt in seinem Büro, er blickt auf den Marktplatz seiner Stadt und sagt: "Als das über uns hereinbrach, habe ich die Welt nicht mehr verstanden."