Antisemitismus-Vorwurf gegen Nobelpreisträger Grass-Gedicht ruft wütende Reaktionen hervor

"Schmierentheater", "Hasspamphlet", "Verirrung": Vertreter jüdischer Organisationen und deutsche Politiker reagieren empört auf das Gedicht von Günter Grass zum Konflikt Israels mit Iran. Sie werfen dem Literaturnobelpreisträger vor, antisemitisch zu sein und keine Kenntnis über die politische Situation in Nahost zu haben.

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat in einem neuen Gedicht zum Atomkonflikt mit Iran den Staat Israel attackiert. Schon kurz nach der Veröffentlichung entfachte das lyrische Werk eine heftige Antisemitismus-Debatte.

In dem in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Gedicht "Was gesagt werden muss" hält Grass Israel vor, dass dieses durch einen Erstschlag das gesamte iranische Volk auslöschen könnte, nur weil vermutet werde, dass Teheran eine Atombombe baue. Dabei habe Israel selbst ein wachsendes nukleares Potential, das keiner Prüfung zugänglich sei. Zudem kritisierte Grass die deutsche Außenpolitik, die Israel mit U-Boot-Lieferungen unterstütze. Er schweige nicht mehr, weil er der "Heuchelei des Westens" überdrüssig sei.

"Ich bin schockiert", sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann in Frankfurt am Main der Nachrichtenagentur dapd. Er könne in dem Beitrag des Nobelpreisträgers kein literarisches Gedicht, sondern "mehr ein Hasspamphlet" erkennen. Wenn es wirklich als Vermächtnis gemeint sei, so handele es sich um ein "Vermächtnis von Verdrehungen und Verirrungen", fügte Graumann hinzu. Grass schiebe Israel die Verantwortung für eine Gefährdung des Weltfriedens zu. Das zeige, "dass ein herausragender Autor noch längst kein herausragender politischer Experte ist", fuhr der oberste Repräsentant der rund 108.000 Juden in Deutschland hinzu. Dies habe Grass "diesmal auf miserable Weise unter Beweis gestellt". In Anspielung auf den Roman des Schriftstellers "Die Blechtrommel" sagte Graumann wörtlich: "Grass redet Blech und trommelt in die falsche Richtung."

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, warf dem Schriftsteller ein "durchschaubares Schmierentheater" vor. Knobloch kritisierte, Grass suggeriere, "moralisch mit sich selbst zu hadern" und nun sein "Herrschaftswissen" scheinbar unter Schmerzen "aus sich herauszupressen". Dabei verschweige er, dass er "nie einen Hehl aus seiner Sicht auf Israel gemacht" habe.

Die israelische Botschaft in Berlin wies die Anwürfe des Literaturnobelpreisträgers gegen Israel zurück: Es gehöre zur europäischen Tradition, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen, heißt es in einer Erklärung des Gesandten Emmanuel Nahshon. Israel sei der einzige Staat auf der Welt, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt werde. Die Israelis wollten jedoch in Frieden mit den Nachbarn in der Region leben. Sein Land sei "nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist", betonte Nahshon.

"Prototyp des gebildeten Antisemiten"

Auch aus Sicht der Deutsch-Israelischen Gesellschaft hat sich Grass mit seinem Gedicht als Intellektueller und Künstler selbst diskreditiert. Der Präsident der Gesellschaft, Reinhold Robbe, warf Grass ein erschreckendes Unwissen über die komplexen politischen Verhältnisse im Nahen Osten vor. Die Einlassungen von Grass seien "so pauschal und dürftig, dass es sich geradezu verbietet, im Detail darauf einzugehen". Den Text bezeichnete der SPD-Politiker als "mager, selbstbezogen, überflüssig und eitel". Was gesagt werden muss, dürfe sehr wohl gesagt werden. "Wir wollen es aber den Klugen überlassen", heißt es abschließend in der Erklärung von Robbe.

Der Publizist Henryk M. Broder nannte den Schriftsteller in einem Beitrag für Welt einen "Prototypen des gebildeten Antisemiten". "Damit im Nahen Osten endlich Frieden einkehrt und auch Günter Grass seinen Seelenfrieden findet, soll Israel 'Geschichte werden'. So sagt es der iranische Präsident, und davon träumt auch der Dichter beim Häuten der Zwiebel", schrieb Broder. Grass habe schon immer ein "Problem" mit Juden gehabt, "aber so deutlich wie in diesem 'Gedicht' hat er es noch nie artikuliert".

Die Debatte erreichte auch das politische Berlin. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz (CDU), distanzierte sich klar von dem jüngsten Werk des Schriftstellers. "Das Gedicht gefällt mir nicht", sagte er der Mitteldeutschen Zeitung. Günter Grass sei zwar ein großer Schriftsteller. "Aber immer wenn er sich zur Politik äußert, hat er Schwierigkeiten und liegt meist daneben", sagte Polenz. Der CDU-Politiker kritisierte, dass nicht Israel, sondern Iran der internationalen Gemeinschaft Sorgen bereite. Grass verwechsele Ursache und Wirkung. "Er stellt die Dinge auf den Kopf", sagte Polenz.

Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion Philipp Mißfelder sagte dem Kölner Stadt-Anzeiger: "Das Gedicht ist geschmacklos, unhistorisch und zeugt von Unkenntnis der Situation im Nahen Osten."

"Es gilt die Freiheit der Kunst"

Die Bundesregierung reagierte hingegen demonstrativ gelassen auf das umstrittene Gedicht. "Es gilt in Deutschland die Freiheit der Kunst und es gilt glücklicherweise auch die Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder künstlerischen Hervorbringung äußern zu müssen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Kanzlerin Angela Merkel hatte 2006, nachdem Grass seine stark kritisierte Biographie vorgestellt hatte, deutlich gemacht, dass der Schriftsteller und sie "sehr unterschiedliche Einschätzungen der deutschen Geschichte" hätten. In diesem Zusammenhang sagte Seibert am Mittwoch: "Ich kann ihnen nichts Neues zum Verhältnis der Bundeskanzlerin zu Person und Werk von Günter Grass mitteilen."

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte, ihm seien von israelischer Seite noch keine offiziellen Reaktionen auf den Beitrag des Schriftstellers bekannt.

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zieht es vor, zu dem Gedicht Grass' zu schweigen. Er sagte auf dapd-Anfrage: "Ich werde mich nicht über Grass äußern." Reich-Ranicki und Grass hatten früher einige Jahre lang ein gespanntes Verhältnis zueinander, nachdem der Kritiker 1995 den Grass-Roman "Ein weites Feld" als "ganz und gar missraten" bezeichnet hatte. Seit einigen Jahren herrscht Frieden zwischen ihnen.

Grass selbst scheint derzeit nicht auf die massiven Vorwürfe reagieren zu wollen."Herr Grass hat in seinem Gedicht gesagt, was er zu sagen hat und wird sich wegen gesundheitlicher Probleme bis auf Weiteres nicht weiter dazu äußern", sagte seine persönliche Sekretärin Hilke Ohsoling.