Angriff auf syrische Militärbasis Schlag in der Nacht

Syrische Soldaten in Duma: Die Reaktion auf den mutmaßlichen Giftgas-Angriff könnte noch folgen.

(Foto: AFP)

Vieles spricht dafür, dass erneut Israel den größten syrischen Militärflugplatz beschossen hat. Der Angriff ist dabei nicht die Reaktion auf die Chemie-Attacke in Duma - er galt offenbar iranischen Revolutionsgarden und der Hisbollah.

Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Wenige Stunden erst war die kryptische Twitter-Drohung von US-Präsident Donald Trump alt, der "sinnlose CHEMISCHE Angriff" auf Duma bei Damaskus werde einen "hohen Preis" nach sich ziehen, da waren schwere Explosionen auf dem syrischen Luftwaffenstützpunkt T 4 zu hören. Zwischen 3.25 Uhr und 3.53 Uhr schlugen in der Nacht zum Montag Raketen auf dem größten Militärflugplatz des Landes ein, der etwa auf halbem Weg zwischen den Städten Homs und Tadmur liegt, dem modernen Palmyra. Es sei davon auszugehen, dass es sich um einen US-Angriff gehandelt habe, tickerte die amtliche Nachrichtenagentur Sana.

Die Propaganda in Damaskus ging offenbar davon aus, Trump habe nicht lange gefackelt mit der Vergeltung für die mutmaßliche Chemiewaffen-Attacke in der Ost-Ghouta, die er anders als sein Außenministerium ohne Vorbehalte Präsident Baschar al-Assad anlastete und dessen Unterstützern - wobei Trump Iran nannte und erstmals namentlich Russlands Staatschef Wladimir Putin. Doch das Dementi aus dem Pentagon war deutlich: "Derzeit werden keine Luftschläge in Syrien ausgeführt." Eine ähnliche Erklärung verbreitete Frankreich, dessen Präsident Emmanuel Macron wie die USA mit einer militärischen Reaktion auf jeden weiteren Einsatz von Chemiewaffen in Syrien gedroht hatte.

Israel will verhindern, dass sich Irans Revolutionsgarden im Nachbarland festsetzen

Am Vormittag dann machte das russische Verteidigungsministerium Israel für den Angriff verantwortlich: Zwei F-15-Kampfjets hätten aus dem libanesischen Luftraum heraus acht Raketen abgefeuert. Fünf davon habe die syrische Luftabwehr abgefangen, drei weitere seien auf dem westlichen Teil des Stützpunkts bei Tiyas eingeschlagen. Russische Soldaten seien nicht zu Schaden gekommen. Die Streitkräfte hätten Satellitendaten analysiert, um den Urheber zu finden, sagte der Vizechef des Auswärtigen Ausschusses im russischen Föderationsrat, Wladimir Dschabarow. Allerdings dürfte das Radar der in Syrien stationierten S-400-Luftabwehrsysteme zuvor schon den russischen Kommandeuren verraten haben, was vor sich ging.

Die syrischen Staatsmedien änderten ihre Berichte entsprechend, hielten aber weiter daran fest, es seien alle acht anfliegenden Geschosse zerstört worden. Jedoch hat es laut Sana "eine Anzahl Märtyrer und Verletzte gegeben". Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete, es habe mindestens 14 Tote gegeben, unter ihnen Iraner. Das israelische Militär lehnte eine Stellungnahme zu den Berichten wie üblich ab. Die Luftwaffe verfügt über Waffen, die den etwa 100 Kilometer von der libanesischen Grenze entfernten Flugplatz T 4 erreichen können.

Israel hatte erst jüngst die Militärzensur über die Details eines Angriffs auf einen Atomreaktor 2007 in Syrien aufgehoben. Der Reaktor war damals im Bau. Das war allgemein als Drohung in Richtung Iran interpretiert worden, zumal sich das halbe Kabinett, von Premier Benjamin Netanjahu angefangen, entsprechend äußerte. Israel hat zweierlei immer wieder klargemacht: Es werde nicht zulassen, dass Irans Revolutionsgarden in Syrien Stützpunkte aufbauen. Und es werde verhindern, dass die verbündete Schiitenmiliz Hisbollah dort Fähigkeiten entwickelt, die das strategische Kräfteverhältnis im Nahen Osten verändern, etwa zielgenaue Raketen längerer Reichweiten oder Drohnen.

Israel hatte den Flugplatz bereits im Februar bombardiert

Acht israelische Kampfjets hatten denselben Militärflugplatz bereits am 10. Februar bombardiert. Zuvor hatten dort die Revolutionsgarden nach Angaben Israels eine Tarnkappen-Drohne gestartet. Sie hatte ein israelischer Kampfhubschrauber nahe der Grenze zu Jordanien abgeschossen. Danach kam es zur schwersten Eskalation zwischen den verfeindeten Nachbarstaaten seit Ende des Libanon-Kriegs 1985: Die syrische Luftabwehr beschädigte mit einer alten S-200-Rakete eine hoch fliegende israelische F-16 so schwer, dass die Maschine über Israel abstürzte; die Besatzung rettete sich mit dem Schleudersitz. Israel reagierte mit einer weiteren, noch heftigeren Angriffswelle auf zwölf iranische und syrische Ziele in verschiedenen Teilen Syriens. Dabei wurde die syrische Luftabwehr nach israelischen Angaben schwer beschädigt.

Es bleibt Spekulation, was den neuen Angriff ausgelöst hat. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass er eine Reaktion auf die Geschehnisse in Duma war. Der Stützpunkt steht in keiner erkennbaren Verbindung dazu. Eher plausibel ist, dass die Raketen iranischen Revolutionsgardisten galten oder Hisbollah-Kämpfern, die mit Billigung des Regimes in Damaskus dort offenbar stationiert sind.

Das heißt nicht, dass es keine Reaktion auf die mutmaßliche Chemie-Attacke in Duma geben wird. Trump und Macron vereinbarten laut dem Weißen Haus, "Informationen über die Natur der Angriffe" auszutauschen und eine gemeinsame starke Antwort zu koordinieren. Der Élysée ging sogar noch weiter und erklärte, die beiden Präsidenten hätten "Informationen und Analysen ausgetauscht, die den Einsatz von Chemiewaffen bestätigen". Für Montagabend wurde eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates anberaumt; Macron und Trump verabredeten, binnen 48 Stunden erneut miteinander zu telefonieren.

Das russische Außenministerium warnte vor "schwersten Konsequenzen", sollte es "unter erfundenen und fabrizierten Vorwänden zu einer Militärintervention in Syrien kommen, wo sich russische Soldaten auf Bitten der rechtmäßigen Regierung aufhalten". Moskau bestreitet ebenso wie das syrische Regime, dass dieses Chemiewaffen in Duma eingesetzt habe.