Angela Merkel Merkel will endlich durchregieren

Für Merkel bieten die Liberalen wohl einfach nur eine schöne Gelegenheit, endlich durchzuregieren - allerdings so, wie sie es will. Die Dame im weißen Jackett deklamiert jetzt schon mal ein klares "Nein" zum Bau neuer Atommeiler.

Jedenfalls macht sie der FDP ziemlich unverhohlen klar, wer was zu sagen haben wird in einer schwarz-gelben Koalition. Sie könne den Menschen versichern, dass die FDP mit ihrer Sozialpolitik nicht durchkommen werde, sagt Angela Merkel, die einstige neoliberale Generalreformerin.

Die FDP setzt mit ihrem Wahlprogramm unter anderem auf eine Lockerung des Kündigungsschutzes und eine breite Privatisierung der Sozialkassen. In allen bisherigen Koalitionen mit der FDP sei "deutlich geworden, wer der große Partner ist", erklärt Merkel - und sie werde dafür sorgen, "dass wir den Weg der Mitte fortsetzen wollen".

Also Merkel als Köchin und FDP-Chef Guido Westerwelle als Kellner? Merkel: "Ich werde auch als Koch auftreten, ansonsten trete ich schon als Merkel auf." Vor allem letzteres darf Westerwelle durchaus als Drohung aufnehmen.

Die SPD kommt da auch nicht schlechter weg. Im Gegenteil: "Das war eine stabile große Koalition", sagt die 55-Jährige noch einmal. Am kommenden Montag schon werde sie sich mit SPD-Finanzminister Peer Steinbrück wieder gemeinsam vor die Presse stellen, um den G20-Gipfel mit der Öffentlichkeit zu besprechen. Dass der heute nicht da ist, sei übrigens ihrer akuten "Mischanwesenheit" zu verdanken. Sie sei auf Einladung der Bundespressekonferenz hier und wolle den Journalisten neben Wahlkampfthemen auch ein paar handfeste Fakten zu Pittsburgh mit auf den Weg geben.

"Mischanwesenheit" - auch so eine schöne Merkel-Wortschöpfung. Sie beschreibt ziemlich gut ihr Verhältnis zur FDP. Mit den Liberalen säße sie nicht nur als CDU-Vorsitzende im Boot, sondern auch als gefühlt erste sozialdemokratische Kanzlerin.

Die Ehre mit Merkel einen gemeinsam Termin zu haben, ist Guido Westerwelle in diesem Wahlkampf nicht zu Teil geworden. Merkel vermied es bisher, sich mit dem FDP-Chef gemeinsam zu präsentieren. Dahinter könnte Strategie stecken: Bloß nicht jene unentschlossenen Wähler verschrecken, die zwischen SPD und CDU wanken, aber Westerwelle partout nicht in der Regierung sehen wollen.

Um die eigene konservative Klientel zu beruhigen, stellt die Ober-Konservative wenigstens eine "Zerrissenheit" der SPD in der Fragefest, wie es weiter geht mit einem Linksbündnis. Das soll reichen um den Eindruck zu erwecken, die SPD werde sich womöglich innerhalb der nächsten vier Jahre in ein rot-rot-grünes Bündnis flüchten, wenn es zunächst doch nur für eine große Koalition reicht.

Das reicht der konservativen Klientel zwar nicht als Abgrenzungsstrategie zur SPD, was an zahlreichen Wortmeldungen des wirtschaftsliberalen Flügels der Union in den vergangenen Tagen abzulesen ist. Aber Merkel kann sicher sein, dass auch ihre innerparteilichen Kritiker zur Wahl gehen werden. Schon allein, um die von ihr nicht völlig ungeliebte große Koalition zu verhindern.

Eine Journalistin fragt, ob ihr etwas gefehlt habe in den vergangenen vier Jahren als Kanzlerin - privat, politisch, wie auch immer. Angela Merkel hätte jetzt sagen können, dass die SPD sie oft nicht hat machen lassen, wie sie wollte, dass es deshalb gut für das Land gewesen wäre, mit der FDP zu regieren. Stattdessen sagt sie, dass mal "ne Stunde länger schlafen" kein Fehler wäre.

Und dass ja fast jeder auf der Straße sie erkennt. Die Folge: Fast jeder will ihr helfen, wenn sie beim Einkaufen mal ratlos vor einem Regal stehe. Das sei nett, könne aber auch anstrengend sein. "Willste ´ne Büchse Artischocken kaufen, kommt sofort die Frage: 'Was? Sie kaufen Artischocken aus der Büchse?'", erzählt die Kanzlerin über ihre Leiden des Alltags.

Artischocken sind also ihr Gemüse. Nicht unwahrscheinlich, dass sie solche Dinge tatsächlich mehr umtreiben, als die Frage, mit wem sie nach dem 27. September am Kabinettstisch sitzen wird. Hauptsache, sie sitzt in der Mitte.