Angebliche Attentatspläne Irans Saudi-Arabien kündigt entschiedenes Vorgehen an

Zerstört das angebliche Mordkomplott gegen den saudischen Botschafter in Washington das saudisch-iranische Verhältnis vollends? Riad erwägt ein entschiedenes Vorgehen gegen die Hintermänner der Attentatspläne. Hochrangige Vertreter der US-Regierung äußern derweil öffentlich Zweifel an einer führenden Rolle Teherans: Dafür gebe es keine harten Beweise.

Klingt wie das Drehbuch für einen Hollywoodfilm, das musste sogar der Chef der US-Bundespolizei FBI zugeben: Iranische Verschwörer heuern einen mexikanischen Drogendealer an, um den saudischen Botschafter in einem Washingtoner Restaurant umzubringen - und mit ihm mehr als hundert unbeteiligte Amerikaner. So lautet der Anschlagsplan, der in der Anklageschrift der US-Staatsanwaltschaft steht. Mit den schweren Vorwürfen steuern die angespannten Beziehungen der USA und Saudi-Arabiens zu Iran auf eine weitere Eskalation zu.

Die Regierung in Riad kündigte ein entschiedenes Vorgehen gegen die Hintermänner an. Das Königreich werde weiter eng mit den USA zusammenarbeiten, um Licht in den "abscheulichen und verabscheuungswürdigen" Plan zu bringen, hieß es in einer Erklärung, die über die staatliche Nachrichtenagentur SPA verbreitet wurde. Saudi-Arabien werde entschieden gegen alles vorgehen, was die Stabilität und Sicherheit des Landes bedrohe. Zuvor hatte der saudiarabische Prinz Turki al-Faisal erklärt, die Beweise gegen Iran seien erdrückend.

Riad ist der wichtigste Verbündete Washingtons in der arabischen Welt. Das angespannte Verhältnis zwischen Iran und Saudi-Arabien begann mit der islamischen Revolution des Ajatollah Chomeini. Dabei spielt auch die Feinschaft zwischen Schiiten und Sunniten eine Role: Die iranische Bevölkerung ist mehrheitlich schiitisch, das Schiitentum ist in Iran auch Staatsreligion. Saudi-Arabien hingegen ist mehrheitlich sunnitisch geprägt.

Inzwischen wurde allerdings bekannt, dass hochrangige US-Regierungsvertreter Zweifel an einer führenden Rolle Teherans bei dem angeblichen Mordkomplott äußern: Diesen Beamten zufolge hat die US-Regierung keine harten Beweise für Kenntnisse der obersten iranischen Führung von dem angeblichen Mordkomplott gegen den saudi-arabischen Botschafter in Washington.

Zwar sei es "mehr als wahrscheinlich", dass der geistliche Führer und die militärische Eliteeinheit der Al-Quds-Brigaden von den Plänen gewusst hätten, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters Regierungsvertreter, die namentlich nicht genannt werden wollten. Allerdings gründe sich diese Schlussfolgerung vor allem auf Analysen und dem Wissen über Aufbau und Funktionsweise der Al-Quds-Truppe. Die Aktion sei sicherlich nicht abseits des Systems geplant worden. Andere Teile der zersplitterten iranischen Führung wie Präsident Mahmud Ahmadinedschad müssten aber "nicht zwangsläufig davon gewusst haben", sagten sie weiter.

Derweil berichtet auch die Washington Post von Zweifeln der Ermittler an den abenteuerlichen Attentatsplänen: Die Pläne erschienen so dilettantisch, dass die Beamten anfänglich skeptisch waren, ob tatsächlich die iranische Führung darin involviert sei. Die Regierung in Washington zeigte sich besorgt, dass die drehbuchartigen Pläne Anstoß für Verschwörungstheorien geben könnten. "Jeder war überrascht von den stümperhaften Plänen", zitiert das Blatt einen UN-Diplomaten. Ein hochrangiger Regierungsbeamter, der ebenfalls nicht namentlich genannt werden wollte, sagte, die Pläne entsprächen nicht den "hohen Standards", die man aus der Vergangenheit vom iranischen Geheimdienst gewohnt sei.

Zuvor hatten sich bereits mehrere unabhängige Experten skeptisch geäußert, dass das iranische Regime einen Bombenanschlag auf den saudi-arabischen Botschafter geplant haben könnte. Auch Volker Perthes, Nahost-Experte und Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik, hält einen solchen Anschlag zwar nicht für unmöglich, aber für eher unwahrscheinlich. "Also Propaganda spielt hier auf jeden Fall eine Rolle", so Perthes im Deutschlandfunk. In der New York Times äußerte sich der Nahostexperte Kenneth Katzman kritisch. "Es gibt einfach keinen Präzedenzfall und noch nicht einmal eine angemessene Begründung dafür, dass der Iran einen Komplott plant - ganz egal wo - mit nichtmuslimischen Dritten wie mexikanischen Drogenbanden", sagte er.

Im Mittelpunkt der von den US-Behörden geschilderten mutmaßlichen Anschlagspläne steht ein in den USA eingebürgerter Iraner, der am 29. September auf dem New Yorker Flughafen John F. Kennedy aus Mexiko kommend festgenommen wurde. Auf den Aussagen dieses 56-Jährigen basieren die Vorwürfe der USA, dass das Mordkomplott in Teherans höchsten Rängen geschmiedet wurde - und zwar in den Revolutionsgarden und deren Eliteeinheit der Al-Quds-Brigaden, die als die wichtigsten Stützen des schiitischen Systems gelten. Daher sei es auch wahrscheinlich, dass Ayatollah Ali Chamenei, geistlicher Führer des Iran und Oberbefehlshaber der Quds, von den Plänen gewusst habe, sagte ein Vertreter der US-Regierung. Bindeglied in die USA ist demnach ein den Quds angehöriger Iraner, der die Anschlagspläne über abgehörte Telefonate vorangetrieben haben soll. Es wird vermutet, dass er sich in Iran aufhält.

Die Frau des 56-jährigen Tatverdächtigen beteuerte in Interviews seine Unschuld: Auch wenn sie inzwischen getrennt von ihm lebe, könne sie sich beim besten Willen nicht vorstellen, "dass er zu so etwas fähig wäre", sagte sie dem TV-Sender KVUE im texanischen Austin. Laut der Anklageschrift bekleidet ein Cousin des Verdächtigen einen hochrangigen Posten bei der Al-Quds-Truppe.

Den Behörden zufolge hatte der Angeklagte nach seiner Festnahme die Pläne unter Beisein von Ermittlungsbeamten mit dem Quds-Verbindungsmann am Telefon diskutiert. Mehrere hochrangige Regierungsvertreter räumten ein, dass das angebliche Komplott ungewöhnlich schlecht organisiert worden sei. "Wir hätten erwartet, dass die Quds-Truppe ihre Spuren effektiver verwischt", sagte einer von ihnen. Ein anderer meinte, der Plan für einen gewaltsamen Angriff in den USA liege "sehr außerhalb des Musters" jüngster Al-Quds-Aktionen.

Ein Iran-Experte des Kongresses äußerte Zweifel an den angeblichen Plänen. "Ein Autoverkäufer aus Texas, der nicht wirklich selbst ein Quds-Mitglied ist und seit vielen Jahren in den USA lebt - das passt nicht zusammen", sagte Kenneth Katzman. "Es kann dazu einen gewissen Kontakt mit der Quds gegeben haben, aber die Idee eines gezielten, voll durchdachten Plans, genehmigt von hohen Stellen der iranischen Führung, strapaziert die Gutgläubigkeit."

Obama telefoniert mit König Abdullah

US-Vizepräsident Joe Biden erklärte, die USA bemühten sich wegen des Vorfalls um weitere Sanktionen gegen Iran. Dabei würden keine Optionen ausgeschlossen. US-Außenministerin Hillary Clinton drang auf scharfe Antwort der internationalen Gemeinschaft. Sie hoffe, dass der Vorfall bislang noch zögerliche Staaten dazu bewege, diesen Schritt nun zu tun, sagte sie.

US-Präsident Barack Obama telefonierte derweil mit dem saudischen König Abdullah. Dabei hätten er und das Staatsoberhaupt des Golfstaats eine "starke und vereinte Antwort" vereinbart, mit der die Verantwortlichen für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen würden, teilte das Weiße Haus mit. Die Attentatspläne stellten eine "ungeheuerliche Verletzung" internationalen Rechts dar. Beide Seiten hätten zudem ihre Partnerschaft bekräftigt.

Irans Botschafter bei den Vereinten Nationen, Mohammad Chasai, brachte seine Entrüstung in einem Beschwerdebrief an UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zum Ausdruck. Die Vorwürfe würden aufs Schärfste zurückgewiesen, sie seien reine Kriegstreiberei seitens der USA. "Die Anschuldigungen sind ganz offensichtlich politisch motiviert und werfen ein Schlaglicht auf die seit langem bestehende Feindseligkeit der USA gegenüber dem iranischen Volk" schrieb Chasai.