Alternative für Deutschland in Hamburg Der ist ja so nett

Der Hamburger Landesvorsitzende und Spitzenkandidat der AfD, Jörn Kruse, auf dem Landesparteitag.

(Foto: dpa)

Jörn Kruse will die AfD in Hamburg zum ersten Mal in ein westdeutsches Länderparlament führen. Unter dem Titel "Einwanderung braucht klare Regeln" diskutiert er mit Sympathisanten - und moderiert schrille Stimmen aus dem Publikum geschickt ab.

Von Hannah Beitzer, Hamburg

Die potenziellen Störenfriede sind auf den ersten Blick zu erkennen. Zwischen lauter grauhaarigen Köpfen sitzen hier, im bürgerlichen Hamburger Stadtteil Niendorf, ein paar mit Dreadlocks, Undercuts. Es sind neben vielen älteren Bürgern ein paar sehr junge Punks gekommen zu dem Vortrag von AfD-Spitzenkandidat Jörn Kruse, der die Partei in Hamburg zum ersten Mal in ein westdeutsches Länderparlament führen will. "Einwanderung braucht klare Regeln" ist der Titel - das verspricht Krawall. Von draußen schauen ein paar Polizisten in den überfüllten Gastraum, die Stimmung ist ein wenig angespannt.

Die AfD steht schon seit ihrer Gründung im Verdacht, am rechten Rand zu fischen. In gesellschaftspolitischen Fragen nimmt sie häufig konservative Positionen ein. Das bringt ihr einerseits viele Sympathien jener Menschen ein, denen die Union unter Angela Merkel zu soft geworden ist. Und die in Deutschland eine linke Meinungsdiktatur am Werk sehen. Auf der anderen Seite wehrt sich die Führung um Parteichef Bernd Lucke mit Händen und Füßen dagegen, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Die AfD versteht sich als liberal-konservativ, außerdem als "Partei der Vernunft". In ihrer Führung finden sich viele Männer mit akademischen Titeln. Lucke ist Ökonom, auch der Hamburger AfD-Chef Jörn Kruse ist pensionierter Professor.

Und nun will er also über Zuwanderung sprechen, eines der Themen im Hamburg-Wahlkampf. Noch steht die Partei in Umfragen hier bei vier Prozent und würde den Einzug in die Bürgerschaft verpassen - allerdings knapp. Parteichef Kruse hatte zuletzt mit Querelen in seinem Landesverband zu kämpfen. Vier von neun Vorstandsmitgliedern waren im Oktober zurückgetreten. Ihnen war der Einfluss ehemaliger Mitglieder der Schill-Partei zu groß. Der Rechtspopulist Ronald Schill konnte 2001 in Hamburg mit seiner Partei Erfolge feiern. Die CDU ging eine Koalition mit den Rechtspopulisten ein, die sich jedoch bald spektakulär verkrachten. Seitdem ist Schills Name in Hamburg keine gute Referenz mehr.

Mit dem Thema Zuwanderung in den Wahlkampf

Inzwischen ist ein neuer Vorstand gewählt, der Wahlkampf kann beginnen. Kruse bedankt sich in Niendorf lächelnd bei ausdrücklich allen für ihr Kommen. "Wir haben kein Problem mit anderen Meinungen", sagt er und schaut in Richtung der Punks. Erst einmal aber ist er dran und holt weit aus. "Was ich Ihnen nicht liefern kann, sind Patentlösungen", sagt er. Um dann erst einmal klarzumachen, dass es in der Zuwanderung zwei Gruppen zu unterscheiden gelte.

Zum einen seien da Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsgebieten, wie etwa Syrien und Irak. "Klar ist, dass wir diese Menschen nicht zurückschicken können. Wir haben eine moralische Verpflichtung, ihnen zu helfen." Zumindestens so lange, bis in ihren Ländern wieder Verhältnisse herrschen, die ihnen die Rückkehr ermöglichen. Das sei allerdings ein kompliziertes Thema.

Der Hamburger Senat kümmere sich nach Kräften um diese Flüchtlinge, findet Kruse. Auch das wird man ja wohl mal sagen dürfen: dass die politische Konkurrenz gute Arbeit macht. Normal ist das nicht in der AfD, sie inszeniert sich gern als Gegenstück zu den "alten Parteien", wie die politische Konkurrenz auch auf der Veranstaltung immer wieder genannt wird. "Ein Problem ist allerdings die Kommunikation mit den Bürgern", sagt Kruse. Wenn Bürger beunruhigt seien, "dann ist das etwas, worum sich der Staat kümmern muss". Selbst dann, wenn sich die Bedenken als unnötig herausstellen. Hier hat er das Publikum ganz bei sich. Denn die Leute, die heute hier gekommen sind, sind die mit den Bedenken. Und sie haben das Gefühl, dass sie diese Bedenken nirgendwo loswerden außer bei der AfD.

Kruse betont die Nöte der Flüchtlinge - und bleibt doch hart

Problematisch seien etwa die 300 Lampedusa-Flüchtlinge, fährt Kruse fort, die "unter größtmöglicher medialer Begleitung" nach Hamburg gekommen seien und sich "rechtsstaatlichen Verfahren entzogen" hätten. Zum Beispiel, indem sie ihre Pässe weggeworfen, verschwiegen haben, wo sie herkommen. Nun seien sie zu Schwarzarbeit gezwungen, einige handelten sicher auch mit Drogen, würden kriminell. Viele im Publikum nicken eifrig. "Der Grund dafür ist, dass wir uns nicht um sie gekümmert haben", sagt Kruse.

Dann kommt er zur zweiten großen Einwanderergruppe: Zuwanderern, die aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kommen. "Ich kann das gut verstehen", sagt Kruse. Als Ökonom wisse er ja, dass Zuwanderung nötig sei. Man brauche vor allem junge, gut ausgebildete Leute. Seine Partei sei für die Einführung des kanadischen Modells. Das bedeutet: Je höher die Qualifikationen und Sprachkenntnisse des Einwanderers, desto mehr Punkte bekommt er gutgeschrieben.

Vor allem Kinder und junge Leute seien aus seiner Sicht "kein Problem". Dann wieder das Aber: "Sofern sie nicht die Integration verweigern. Stichwort: Parallelgesellschaft." Es folgt ein Exkurs über junge Muslime, die sich radikalisieren, sich schlimmstenfalls dem Islamischen Staat anschließen. "Wir akzeptieren keinen Koran und keinen Allah oberhalb des Grundgesetzes", sagt Kruse. Was eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, wird vom Publikum laut beklatscht.