Unfreiwillig nach Lampedusa geflohen "Auch ich hätte sterben können"

Nicht alle Flüchtlinge kommen aus eigenem Antrieb nach Europa: Nach dem Schiffsunglück vor Lampedusa erzählt ein Togolese von seiner unfreiwilligen Flucht nach Italien, wie er bei der Überfahrt andere Menschen ertrinken sah - und schließlich von der italienischen Regierung weiter nach Deutschland abgeschoben wurde.

Von Caro Lobig

Wenn Affo Tchassei über das Schiffsunglück vor Lampedusa spricht, sagt er: "Auch ich hätte sterben können." Mindestens 194 Menschen sind am vergangenen Donnerstag vor der italienischen Küste ertrunken, als ihr aus Libyen kommendes Boot Feuer fing und sank. Von den 500 Flüchtlingen werden noch 151 vermisst. Tchassei weinte, als er von der Tragödie hörte. Auch er ist in einem überfüllten Boot von Libyen nach Lampedusa gekommen - und das, so sagt er, obwohl er nie nach Europa wollte. Das war im Jahr 2011.

Seine Reise begann in Libyen im April 2011 nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs. "Ich hatte sechs gute Jahre in dem Land", betont der gebürtige Togolese. Er habe dort in einer afrikanischen Botschaft gearbeitet und genug Geld verdient, um seine Eltern und Geschwister in Togo zu ernähren.

Heute lebt der 37-Jährige in Hamburg auf der Straße. Weil er keinen geregelten Aufenthaltsstatus hat, hat Tchassei dort kein Recht auf Unterbringung, Arbeit oder Sozialleistungen. Seine Verwandten in Togo kann er somit auch nicht mehr unterstützen.

Er gehört zu den dreihundert Männern, die sich seit Mai 2013 in der Flüchtlingsbewegung "Lampedusa in Hamburg" organisiert haben und gegen die Asylpolitik in Europa protestieren.

Von Libyen nach Europa geschickt

Tchasseis Weg nach Europa führte über das Mittelmeer und war riskant - er selbst habe sich das nicht ausgesucht. "Ich hatte nie die Absicht, nach Europa zu kommen, weil ich wusste, dass ich dort keine Chancen habe, keinen Job, kein Geld", sagt Tchassei. Der Bürgerkrieg in Libyen sei der Anlass für die Opposition gewesen, ihn und andere Schwarze aus Libyen wegzuschicken. Man habe ihn für einen Söldner der Regierung gehalten. "Wir wurden von libyschen Oppositionellen in überfüllte Boote gesetzt und nach Europa geschickt", erinnert sich der Togolese.

Eine Geschichte, die Karl Kopp, Europareferent der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl, bestätigt. Tatsächlich seien damals Afrikaner in Libyen zur Flucht nach Europa gezwungen worden. Zwar lasse sich nicht jedes einzelne Schicksal verifizieren, aber Tchasseis Bericht klinge plausibel, sagt Kopp und fügt hinzu: "Leider."

"Es gab kein Zurück", sagt Tchassei von der Überfahrt. Doch damals habe er noch Hoffnung in Europa gesetzt und versucht, nach vorne zu schauen. "Wir dachten, die Länder, in denen wir ankommen, würden uns Schutz bieten", so der Togolese.

Tchassei erzählt von seinem Weg nach Lampedusa:

"Wir waren 750 Menschen auf einem 25 Meter langen und zehn Meter breiten Boot", sagt er. Zwei Tage hat die Überfahrt gedauert. Auf dem Boot gab es nur wenig Wasser. "Ich konnte in zwei Tagen nur einmal etwas trinken, deshalb war ich müde und sehr schwach", erzählt er. Gegessen hat niemand etwas, die meisten Passagiere wurden seekrank und erbrachen.

Die wenigsten Flüchtlinge können schwimmen

Tchassei musste mit ansehen, wie auf der Fahrt drei Flüchtlinge im Meer ertranken. "Wir haben geschrieen und ein Seil nach unten geworfen, um die Menschen zu retten, aber sie konnten nicht schwimmen." Auch Tchassei hat nie schwimmen gelernt. "Ich könnte jetzt genauso tot sein."

Manche Flüchtlingsboote sind bis zu fünf Tage oder länger unterwegs - Tchassei war froh, die Küste bereits nach zwei Tagen erreicht zu haben. In einer Freitagnacht im April 2011 erreichte er Lampedusa. Schon einige Kilometer vor der Küste retteten italienische Beamte ihn und die anderen Flüchtlinge.

"In unser Boot kam immer mehr Wasser und es wäre fast gesunken, weil wir zu viele waren. Außerdem wurde es schon dunkel", erinnert er sich. Italiener kamen den Flüchtlingen dann mit drei großen Schiffen zur Hilfe, um sie sicher an Land zu bringen. Ein Helikopter lokalisierte das Flüchtlingsboot und hielt Ausschau nach Ertrinkenden.