Afghanistan: Vorläufiger Nato-Bericht Deutscher Oberst durfte Angriff nicht befehlen

Der Befehl zur Bombardierung war offenbar eine Fehleinschätzung. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung steht dies in einem vorläufigen Nato-Bericht zu den Vorfällen in Afghanistan. Der deutsche Oberst Georg Klein hätte seine Kompetenz überschritten.

Von Peter Blechschmidt und Tobias Matern

Der Befehl zur Bombardierung von zwei durch die Taliban entführten Tanklastern in Afghanistan war laut Nato offenbar eine Fehlentscheidung. Der deutsche Oberst Georg Klein habe seine Kompetenz überschritten und die Lage falsch eingeschätzt. Dies ergebe sich aus einem vorläufigen Bericht der Internationalen Schutztruppe Isaf zu dem Angriff bei Kundus, hieß es am Mittwoch in hochrangigen Kreisen der Nato.

Nur wenige Stunden nach dem von Klein am vergangenen Freitag angeordneten Bombenabwurf, bei dem mindestens 56 Menschen getötet wurden, hatte Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal ein Untersuchungsteam nach Kundus geschickt. Dessen Bericht veranlasste McChrystal am Dienstag, eine offizielle Untersuchung anzuordnen. Sie soll klären, warum Klein, der Kommandeur des Provinz-Aufbauteams (PRT) in Kundus ist, die Bombardierung angeordnet hat.

Es sei "sonnenklar", dass Klein den vorgeschriebenen Befehlsweg nicht eingehalten habe, erklärte ein führender Nato-Offizier. Zu einer Entscheidung von solcher Tragweite sei er ohne Rücksprache mit dem Isaf-Hauptquartier nicht befugt gewesen. Es habe keine unmittelbare Bedrohung für Isaf-Truppen gegeben.

Die beiden Tanklaster, die nach Darstellung der Bundeswehr als rollende Bomben hätten eingesetzt werden können, hätten auf einer Sandbank im Fluss Kundus festgesteckt. Die Lage sei über Stunden hinweg beobachtet worden, eine schnelle Entscheidung sei nicht erforderlich gewesen. Man hätte bis Tagesanbruch warten können, um zu versuchen, die mutmaßlichen Taliban zu fassen oder zu vertreiben.

Auch die Anforderung von Luftunterstützung durch zwei US-Kampfjets, die schließlich die beiden Bomben auf die Tanker abwarfen, sei nicht zu erklären. Der sogenannte "Close Air Support" dürfe nur angefordert werden, wenn Soldaten am Boden in Gefechte verwickelt seien.

Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums nannte das Papier einen "Reisebericht", der unbestätigte Spekulationen enthalte. Aus der Führung des Ministeriums verlautete, der Bericht sei einseitig formuliert und enthalte keine entlastenden Elemente. Man müsse die offizielle Untersuchung abwarten.

Den Nato-Kreisen zufolge haben die Isaf-Ermittler Klein ihre Bedenken vorgehalten. Aus dem Zwischenbericht gehe jedoch nicht hervor, dass sie eine überzeugende Antwort erhalten hätten. Klein ist weiter auf seinem Posten als PRT-Kommandeur.

Zur Frage, warum anstelle des Luftschlags keine Bodentruppen eingesetzt wurden, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, wegen der Beteiligung der Bundeswehr an einer anderen Operation hätten unter anderem keine Schützenpanzer zur Verfügung gestanden. Dies habe Klein bei der Beurteilung der Gesamtlage berücksichtigen müssen. Ein Bodeneinsatz sei jedoch theoretisch möglich gewesen.

Der afghanische Außenminister Rangin Spanta verteidigte den Einsatz der Bundeswehr. Zwar müsse bei militärischen Aktionen der Schutz von Zivilisten im Vordergrund stehen, "aber das ist ein Krieg, und bedauerlicherweise kann so etwas passieren", sagte er der Süddeutschen Zeitung.

Die Bundeswehr leiste in Afghanistan seit Jahren gute Aufbauarbeit, zudem seien die afghanische Polizei und das Militär noch nicht allein in der Lage, das Land zu verteidigen. Die Taliban bemühten sich mit Macht, vor der Bundestagswahl "solche Aktionen zu unternehmen, um die deutsche Öffentlichkeit zu beeinflussen".