Afghanistan Taliban erobern Kundus

Für mehrere Stunden besetzen Taliban-Kämpfer am Montag in Kundus eine Polizeistation. Die Stadt liegt in der gleichnamigen Provinz nördlich von Kabul.

(Foto: AP)

Die afghanische Provinzhauptstadt fällt den Aufständischen in die Hände, Regierungsgebäude werden gestürmt.

Fast genau zwei Jahre ist es her, dass die Bundeswehr ihren Einsatz in der nordafghanischen Provinz Kundus offiziell beendete. Bald darauf zogen die Soldaten aus dem Feldlager am Rande der Stadt ab, obwohl die Sicherheitslage schon damals bedenklich war - der Abzugstermin war von der Bundesregierung nun einmal so beschlossen worden. Seitdem hat sich die Lage weiter verschlechtert.

Am Montag begannen die Taliban eine Offensive zur Eroberung von Kundus-Stadt - und haben sie eingenommen, als erste Provinzhauptstadt in Afghanistan. Der Sprecher des Innenministeriums in Kabul, Sedik Sedikki, bestätigte am Abend der Nachrichtenagentur AP, Kundus sei in die Hände der radikalislamischen Kämpfer gefallen.

Die Kämpfe dürften andauern

Den ganzen Montag über hatte es Gefechte zwischen den Taliban und den afghanischen Sicherheitskräften gegeben. Die Kämpfe dürften weiterhin andauern, die Regierung in Kabul hat mittlerweile eine Gegenoffensive angekündigt. Auf dem zentralen Platz der strategisch wichtigen Stadt hissten die Taliban ihre Flagge. Ihnen gelang es, Regierungsgebäude, Polizeiquartiere, Gerichtsstandorte und Kliniken zu stürmen. Darunter war auch das Provinz-Krankenhaus mit 200 Betten, das mit deutscher Hilfe saniert wurde.

Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid drohte über Twitter, in dem Krankenhaus suchten die Taliban-Kämpfer nun nach "verwundeten feindlichen Soldaten". Auch ein Gefängnis wurde gestürmt und dort inhaftierte Taliban wurden befreit, sie schlossen sich den Kämpfern an. Über die Zahl der Toten gab es zunächst keine Angaben, Augenzeugen berichteten jedoch, dass Straßen von Leichen übersät waren. Die Eroberung markiert einen enormen Rückschlag für die afghanischen Sicherheitskräfte.

Denn damit gelang den Taliban die größte Einnahme eines Stadtgebiets seit der US-geführten Invasion 2001. Nach dem Abzug der Nato-Schutztruppen Ende 2014 sind die Afghanen im Kampf gegen die Taliban auf sich gestellt. Hunderte der radikalislamischen Kämpfer hätten am frühen Montagmorgen aus mehreren Richtungen gleichzeitig angegriffen, teilte die Polizei mit. "Die Taliban haben inzwischen eine eigene schnelle Eingreiftruppe mit 600 Mann in Kundus und sind sehr gut ausgerüstet", hieß es zur Erklärung. Andere Beobachter zählten 2000 Kämpfer. Unterdessen wird vom örtlichen Flughafen aus eine Gegenoffensive vorbereitet.

Der Sprecher des Innenministeriums sagte weiter: "Verstärkung ist eingetroffen. Wir versuchen, die Stadt zurückzuerobern. Im Moment können wir keine Opferzahlen bestätigen." Der Flughafen ist den Kabuler Angaben zufolge noch unter Kontrolle der Regierung. Dorthin sollen auch viele der rund 300 000 Bewohner der Stadt inzwischen geflohen sein. Ein Taliban-Kommandeur in Kundus-Stadt teilte mit: "Unsere Kämpfer bewegen sich nun in Richtung des Flughafen-Hügels vor, wo sich der Feind versteckt." Ein Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation sagte, Ausländer hätten sich ebenfalls am Flughafen versammelt. Lokale Medien berichteten, die Vereinten Nationen hätten ihr Personal am Montag aus Kundus abgezogen. Das UN-Gebäude in der Provinzhauptstadt sei danach von den Taliban geplündert worden. Schon vor der Taliban-Offensive vom Montag waren die Entwicklungen in der Provinz Kundus alarmierend. Mehrmals griffen die Aufständischen in diesem Jahr bereits die Provinzhauptstadt an. Schon im April warnte der Vize-Gouverneur, Hamdullah Daneschi, erstmals vor einer Eroberung der gesamten Provinz durch die Taliban. Im Juni drangen die Extremisten bis an den Stadtrand vor, wie Anwohner damals berichteten. Ein solches Szenario, wie es nun eingetreten ist, war schwer vorstellbar, als die Bundeswehr ihren zehnjährigen Einsatz in Kundus im Jahr 2003 begann. Damals war diese Provinz eine der sichersten im Land.

Die Bundeswehr unterhält weiterhin ein Feldlager mit 600 deutschen Soldaten in der rund 150 Kilometer Luftlinie entfernten nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif - was den bedrängten Menschen in Kundus aber wenig nützt. Der Kampfeinsatz der Bundeswehr und der Nato in Afghanistan lief Ende vergangenen Jahres aus. Der Auftrag lautet nun: Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte.