AfDler in den Landtagen AfD-Abgeordnete - Angstmacher, Biedermänner, Ex-Kommunisten

Obere Reihe von links: Andreas Mrosek, Marcus Spiegelberg, Bernd Grimmer, Carola Wolle; unter Reihe von links Jörg Meuthen, Hans-Thomas Tillschneider, Oliver Kirchner und Uwe Junge.

(Foto: dpa, AfD, Facebook, AFP)

61 Politiker der AfD ziehen bald in die Landtage ein. Was sind das für Menschen? Eine Annäherung.

Von Gianna Niewel und Benedikt Peters

Eines haben die 61 zukünftigen Abgeordneten der AfD in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gemeinsam: Man weiß fast nichts über sie. Die SZ hat daher Informationen über die Politiker ausgewertet. Es sind kaum Frauen unter ihnen. Aber es finden sich Muster, die über die Landesgrenzen hinaus wiederkehren. Das bloße Etikett "Rechtspopulist" reicht für viele Abgeordnete nicht. Es lassen sich vier Typen bilden, sie sind allerdings weder erschöpfend noch trennscharf. Manche schüren Ängste, manche geben sich als konservative Biedermänner. Die anderen haben promoviert oder eine linke Vergangenheit.

Die Angstpolitiker

Das Vehikel, mit dem es viele AfDler in die Landtage geschafft haben, ist die Angst. Sie haben sie bewusst bedient, in Gesprächen am Wahlkampfstand, auf Flyern, in Facebook-Posts. Zum Beispiel Sarah Sauermann, die einzige Frau unter den 15 AfDlern in Sachsen-Anhalt, die ein Direktmandat gewonnen haben. Sauermann ist 27, trägt die Haare meist offen und in den Ohren kleine goldene Ringe. Mit der Kölner Silvesternacht fand sie ihr Wahlkampfthema.

"+++Wir werden uns und unsere Töchter nicht opfern!+++" postet Sauermann am 8. Januar auf ihrer Facebookseite. Sie lässt zu, dass Bekannte über ihre Seite ein Video verbreiten, in dem ein Mann sagt: "Die Menschen, die wir vor drei Monaten noch mit Teddybären und Wasserflaschen am Münchner Hauptbahnhof empfangen haben, haben angefangen, auf den Dom zu schießen." Das Video gefällt auch Hans-Thomas Tillschneider, der in Zukunft mit ihr im Landtag sitzen wird. Die Posts von Matthias Büttner, noch ein künftiger Fraktionskollege, lesen sich sehr ähnlich - doch Sauermann erhebt sie zu ihrer Wahlkampftaktik.

Die AfD macht Showpolitik

Dort, wo die Partei schon seit 2014 im Landtag sitzt, hat sie bisher kaum eigene Vorschläge gemacht - aber viel provoziert. Von Cornelius Pollmer, Dresden, und Jens Schneider, Berlin mehr ...

Die Frauen, das ist Sauermanns Botschaft, sind durch die Flüchtlinge bedroht. Und sie, eine von ihnen, kümmert sich um die Frauen und um ihren Schutz. "Alles Liebe zum Frauentag, Mädels! Heute ist unser Tag! Ich hatte heute auch viele Gespräche zum Thema am Stand. Wir müssen auf unsere Rechte aufpassen. Viele erzählten sie oder ihre Töchtergehen schon zu Selbstverteidigungskursen. #‎FrauenSchützen", das postet sie am 8. März, fünf Tage vor der Landtagswahl. Ihre Flyer suggerieren, die Täter seien immer dieselben: "Araber, Kurden, Türken oder von mir aus Nordafrikaner". Den Wahlkreis Bernburg im Salzlandkreis gewinnt sie schließlich mit mehr als 30 Prozent.

Die Parteienbummler

Sie sagen, sie seien verdrossen von den etablierten Parteien und hätten "die Schnauze voll". Von Angela Merkel, als die 2011 nach Fukushima den endgültigen Ausstieg aus der Kernenergie beschloss. Oder von Sigmar Gabriel, der ein Fähnchen im Wind sei, nie bleibe er bei seinem Kurs; bei der Vorratsdatenspeicherung nicht und auch nicht bei einem Griechenland-Referendum. Deutschland jedenfalls gehe "vor die Hunde". Und deshalb, sagen sie, sitzen sie nicht mehr für die CDU, die Grünen oder die SPD in den Parlamenten. Deshalb sind sie jetzt in der AfD.

Mehr als 30 Jahre CDU, kurz bei "Die Freiheit", dann AfD: Uwe Junge

(Foto: AFP)

Uwe Junge zum Beispiel. Als Soldat hat er 38 Jahre lang "der freiheitlich demokratischen Grundordnung treu gedient", wie er selbst sagt. Privat war er mehr als 30 Jahre bei der CDU, ehe er als Mitglied zur islamfeindlichen Partei "Die Freiheit" wechselte. Dort trat er im Herbst 2011 aus. Nun war er erst Spitzenkandidat der AfD in Rheinland-Pfalz, seit Sonntag sitzt er im Landtag. Seine Partei schaffte es auf 12,6 Prozent.

Junge gibt sich gemäßigt, sein Mantra jedenfalls ist eindeutig: Das Programm der AfD? "Bürgerlich-konservativ". Die Partei selbst? "Bürgerlich-konservativ". Und deren Gedankengut? Natürlich, "bürgerlich-konservativ". Doch Junge kann auch anders, deutlich weniger bürgerlich und so gar nicht konservativ (mehr dazu später). Auch Andreas Mrosek hat eine wechselhafte politische Karriere hinter sich. Er kandidierte 2002 als Parteiloser für die rechtsextreme Freiheitliche Deutsche Volkspartei. Erfolglos. Dann trat er in die CDU ein, er war Stadtrat in Dessau-Roßlau und zehn Jahre lang Parteimitglied, ehe er austrat - "weil ich erkannt hatte, dass der Weg dieser Partei uns in eine EU-Diktatur führt". Das schreibt er auf seiner Homepage. Am Sonntag wurde er in Sachsen-Anhalt für die AfD in den Landtag gewählt.

Bernd Grimmer gründete die Grünen mit, jetzt holte er für die AfD in Pforzheim ein Direktmandat.

(Foto: dpa)

Doch es ist nicht nur die CDU, die ehemalige Mitglieder an die AfD verliert. Bernd Grimmer aus Pforzheim etwa gründete die Grünen Anfang der 1980er Jahre mit, dann wechselte er zu den Freien Wählern. Am Sonntag dann: 24,2 Prozent, Direktmandat für die AfD in Baden-Württemberg. Oder Robert Farle aus Sachsen-Anhalt: Er war 17 Jahre lang Fraktionsvorsitzender der Deutschen Kommunistischen Partei im nordrhein-westfälischen Gladbeck, gehörte also zum ganz linken Spektrum. Für ihn offenbar kein Hindernis, nach rechts zu wechseln. Mit 30 Prozent der Stimmen gewann er am Sonntag für die AfD den Wahlkreis Saalekreis.

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