Ägyptisches Staatsfernsehen Muslimbrüder erlauben Moderatorinnen Kopftuch

Premiere beim staatlichen ägyptischen Fernsehen: Nachrichtensprecherinnen dürfen ab sofort ein Kopftuch tragen. Die Muslimbrüder heben damit ein 50 Jahre altes Verbot auf und greifen einmal mehr in das staatliche Mediensystem ein. Gegner befürchten die Instrumentalisierung der Presse und eine Islamisierung des Landes.

Von Juliane Meißner

Weißes Kopftuch, rosa Lidschatten, schwarze Jacke: So moderierte Fatma Nabil am Sonntag die Nachrichtensendung bei Channel 1 in Kairo. Es war ein schlichter Auftritt, aber er hat historische Bedeutung. Namil ist die erste Frau mit Kopftuch im staatlichen Fernsehen Ägyptens seit 52 Jahren. Bislang durften Frauen mit verhülltem Haar oder Gesicht nicht auf Sendung gehen.

Nachrichtenmoderatorin Fatma Nabil betrachtet das Tragen des Kopftuchs als eine "persönliche Entscheidung", wie sie dem Fernsehsender Al Jazeera sagte. Nun hätten die Vorgaben nur noch mit persönlichen Fähigkeiten und Intelligenz zu tun. Ein Sprecher des Senders sagte, dass Nabils Auftritt viele andere Frauen ermutigen würde, die ihren Schleier tragen wollten, aber Angst hätten, deshalb den Job zu verlieren.

Für Fatma Nabil ist das Ende des Kopftuch-Verbots beruflich ein großer Schritt nach vorn. Sie arbeitete bereits vor einem Jahr bei einem staatlichen Sender, trat mit ihrem Kopftuch vor die Kamera - und wurde entlassen. Nach einer Zwischenstation bei dem Fernsehsender der Muslimbruderschaft Misr 25 - bei privaten Fernsehsendern dürfen Frauen seit mehreren Jahren bereits Kopftuch tragen - kehrt sie nun ins staatliche Fernsehen zurück.

Niemand weiß, wie Mursi das Land führen wird

Unter dem Regime Mubaraks und seiner Vorgänger wäre das Tragen eines Kopftuchs im TV undenkbar gewesen. Strikt wurde auf die Trennung von Staat und Religion geachtet - auch im Fernsehen. Jedoch verhüllt ein Großteil der ägyptischen Frauen auch heute noch ihr Haar. Die Staatschefs empfanden Kopftücher als rückständig.

Mit ihrer Verbannung aus dem Fernsehen sollte ein modernes, westliches Bild der Gesellschaft vermittelt und geprägt werden. Das hat sich mit Amtsantritt Mursis geändert. Die First Lady Naglaa Mahmud zeigt sich in der Öffentlichkeit bis auf das Gesicht verhüllt - im Gegensatz zu Suzanne Mubarak, der Ehefrau des ehemaligen Staatschefs. Sie war stets westlich gekleidet und elegant frisiert.

Kritiker fürchten Islamisierung der Medien

Kurz nach dem Sturz ihres Mannes im Februar 2011 hat das Militär die Macht übernommen. Seit Juni dieses Jahres ist Mohammed Mursi gewählter Staatspräsident Ägyptens. Er gehört der Muslimbruderschaft an. Die von ihnen gegründete islamistische "Partei für Freiheit und Gerechtigkeit" sowie andere islamistische Partei haben im ägyptischen Oberhaus die Mehrheit. Seitdem haben sich nicht nur die Garderoben der First Ladies gravierend geändert. Weder die Ägypter selbst noch internationale Beobachter wissen, wohin die islamistische Regierung das Land führen wird.

Heftige Kritik an der Regierung lösten bereits in den vergangenen Monaten Eingriffe in das ägyptische Mediensystem aus: Anfang August wurden alle staatlichen Medien mit neuen Chefredakteuren besetzt. Zahlreiche Herausgeber, Journalisten und Privatsender werfen Mursi deshalb vor, die Medien unter Kontrolle bringen zu wollen. Außerdem sei die Einsetzung der neuen Chefredakteure ein Zeichen dafür, dass die Muslimbruderschaft Ägypten islamisieren will, so die Eygptian Independent. Zum Beispiel leitet der Journalist Mohammed Hassan El Banna die zweitgrößte Tageszeitung Akhbar Al Youm. Er ist der Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft.