Ägypten in Aufruhr Militär feuert US-Gasgranaten auf Demonstranten

Nach dem gewaltsamen Vorgehen gegen Demonstranten hat Ägyptens Militär bei der Bevölkerung seinen guten Ruf vom Frühjahr verloren. Und als langjährige Partner der Amerikaner bringen die Generäle nun Washington in Schwierigkeiten: In Kairos Zentrum wabern Kampfstoffe aus amerikanischer Herstellung.

Von Oliver Das Gupta

Kairos Zentrum, Mohamed-Mahmoud-Straße, kurz vor zwölf Uhr Ortszeit. Steine fliegen, Schüsse knallen, Tränengasschwaden wabern um Nada Wassef. Die Frau tippt in ihr Handy: "Die Augen(reizungen) bringen mich um", und "kann nicht atmen, Tränengas extrem heftig". Wassef läuft zurück zum Tahrir-Platz. Und twittert: "Kriegsgebiet."

"Made in U.S.A." : Demonstrant in Kairo zeigt eine von den ägyptischen Sicherheitskräften abgefeuerten Gas-Granate.

(Foto: AP)

Niemand kann sicher sagen, ob die Kurznachrichten wirklich aus dem umkämpften Zentrum Kairos abgesetzt werden; niemand kann sicher sagen, ob die meist in Englisch gehaltenen Sprachfetzen tatsächlich von der jungen Ägypterin mit den dunklen Locken stammen, die so fröhlich auf dem Foto des Twitter-Accounts wirkt und Friedrich Nietzsche zitiert.

Aber ihre Tweets passen zu den Fakten: In der "Mohamed Mahmoud" toben die Straßenkämpfe zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften besonders brutal. Die Straße ist strategisch bedeutend. Sie führt vom Tahrir-Platz zu wichtigen Gebäuden wie Ministerien, dem Parlament und dem Gästehaus des Staatschefs. Dort, in den Schaltzentralen der Macht hat der Hohe Militärrat das Sagen. Die Generäle waren es, die Anfang des Jahres mit dafür sorgten, dass der Volksaufstand sein erstes Ziel erreichte: Dauer-Präsident Hosni Mubarak wurde abgesetzt. Das Militär schien damals auf Seite des Volkes zu sein, Garant dafür, dass die Gewalt nicht ausufert. Die Bilder von Demonstranten, die Soldaten umarmten, gingen um die Welt.

Die USA, die lange an Mubarak festhielten, solidarisierten sich mit den Menschen auf der Straße. Im Mai pries Präsident Barack Obama in einer Grundsatzrede die Massenbewegungen des "Arabischen Frühlings". Er verglich den Freiheitskampf der Araber mit dem der schwarzen Bürgerrechtsaktivisten in den USA, versprach einen Schuldenerlass und kündigte Milliarden Dollar an, die Washington auch in Ägypten investieren wollte. Selbstkritisch räumte er damals ein, dass Washington in der Vergangenheit Verbündete hatte, die Freiheit und Menschenrechte verletzt hätten.

Die Region, rief Obama, stehe vor der "Wahl zwischen Hass und Hoffnung". Die pathetischen Worte des Präsidenten sind längst verhallt, inzwischen herrscht Ernüchterung. Ägypten ist nach wie vor ein repressiver Polizeistaat, wo die Würde des Menschen den Behörden oft nach wie vor nichts bedeutet: "Ägyptens Militärrat so schlimm wie Mubarak", schreibt Amnesty International in einem aktuellen Bericht.

Und die für kommenden Montag angesetzte Parlamentswahl ist für viele Aktivisten ohnehin bloße Farce. Nur 20 der 100 Sitze einer verfassungsgebenden Versammlung werden tatsächlich gewählt, die übrigen Plätze bestimmt die Junta. Der Chef des Militärrats, Feldmarschall Hussein Tantawi, wollte sich mit einer Ansprache an die Demonstranten wenden, ihre lodernde Wut wird er wohl kaum löschen. Andere Oppositionelle mahnen zur Ruhe - sie wollen erst einmal den Urnengang abwarten.