Abgang des Planers von S21 "Er hatte die Schnauze voll"

Überraschend hatte der Projektleiter von Stuttgart 21, Hany Azer, hingeschmissen. Will die Bahn damit den Abschied von dem umstrittenen Projekt einleiten, wie die Gegner hoffen?

Von Roman Deininger und Daniela Kuhr

Am Mikrofon steht ein Mann vom Bund für Umwelt und Naturschutz, er zählt ein paar Namen auf: Hartmut Mehdorn, Tanja Gönner, Stefan Mappus. Ex-Bahnchef, Ex-Verkehrsministerin, Ex-Ministerpräsident. Alle schon Geschichte, und jetzt eben auch Hany Azer. Der Mann ruft: "Stuttgart 21: Leichen pflastern seinen Weg!" Die 1500 Menschen vor ihm jubeln und pfeifen und tröten. Für die Gegner des Bahnhofsprojekts, die sich in schrumpfender Zahl weiter jeden Montagabend vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof versammeln, ist der Rückzug des Chefplaners Azer eine gute Nachricht - der Anfang vom Ende von Stuttgart 21.

Tatsächlich ist die Zukunft des Bahnprojekts völlig ungewiss. Seit den Landtagswahlen in Baden-Württemberg Ende März ruhen die Bauarbeiten. Auch Aufträge werden nicht mehr vergeben. Zwar betont Bahnchef Rüdiger Grube bei jeder Gelegenheit, dass er an S21 unvermindert festhält. Tatsache ist jedoch: Keinem Bauherren kann die Vorstellung gefallen, über Jahre hinweg nicht nur gegen den Widerstand der Bevölkerung, sondern auch gegen den Widerstand der Landesregierung zu bauen. Für die Grünen ist S21 nichts anderes als eine irrsinnige Geldverschwendung. Wie es also weitergehen soll, ist offen.

Bei dieser Ausgangslage ist es nur verständlich, dass eine Nachricht, wie die vom Montagnachmittag für Spekulationen sorgt. Um exakt 15.38 Uhr erreichte die Redaktionen eine Pressemitteilung, in der die Bahn mitteilte, dass der Projektleiter von S21, der gebürtige Ägypter Hany Azer, überraschend hinschmeißt. Will die Bahn damit schleichend den Abschied von dem Projekt einleiten? Das zumindest hofften die S21-Kritiker.

Doch diese Hoffnung war in jedem Fall verfrüht, wenn nicht gar völlig verfehlt. Nach allem, was aus Kreisen zu hören ist, die mit dem Projekt vertraut sind, hat Azer massiv darunter gelitten, dass er seit Monaten von Projektgegnern angefeindet und bedroht worden war. Auch seine Familie, die in Nordrhein-Westfalen lebt, soll betroffen gewesen sein. Um ihn zu schützen, hatte die Bahn den 61-Jährigen zuletzt permanent von Sicherheitspersonal begleiten lassen. Für jeden eine unangenehme Vorstellung, vor allem aber für Azer, der zuvor sehr erfolgreich den Bau des Berliner Hauptbahnhof geleitet hatte. Dass er nun auf einmal in einem so feindlichen Umfeld arbeiten musste, hat ihm zugesetzt. Er habe am Ende schlicht "die Schnauze voll gehabt", war aus Bahnkreisen zu hören.

Am Dienstagmittag gab der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann seine erste Pressekonferenz und sagte, er wolle sich nicht an Spekulationen über Azers Abschied beteiligen. Ein bisschen spekulierte er dann aber doch: "Es ist deutlich geworden, dass Azer in seinem Bericht hohe Risiken gesehen hat." Vor gut einem Monat war ein 130 Seiten starkes Dossier bekanntgeworden, in dem Azer mögliche Probleme und Kostensteigerungen aufgelistet hatte. 1,26 Milliarden Euro könnten sie das Projekt teurer machen. Die Bahnhofsgegner wollen nun einen Zusammenhang erkennen zwischen diesem Papier und Azers Abgang. Doch bei der Bahn weist man jede Vermutung in diese Richtung zurück. Azer soll nun eine andere Aufgabe innerhalb des Konzerns bekommen

Derweil zeichnet sich ab, dass Stuttgart 21 nicht so leicht zu begraben sein wird, wie die Grünen sich das vorgestellt haben. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer bekräftigte erneut, dass Baden-Württemberg in diesem Fall Schadenersatz zahlen müsste. Zugleich droht der Baukonzern Züblin mittlerweile der Deutschen Bahn mit Forderungen, weil diese die Bauvergabe verzögert. Auch deshalb drängelt die Bahn jetzt, dass sich die Projektpartner endlich treffen, um alle drängenden Fragen zu klären. Noch aber hat man sich nicht einmal auf einen Termin dafür einigen können.