Abenteuer-Camps der Bundeswehr Action, Fun. War

Bei "Adventure-Camps" umwirbt die Bundeswehr potenzielle Nachwuchssoldaten. Jugendliche wohnen in einer "coolen Berghütte", malen sich die Gesichter grün an und klettern über Schluchten. Doch wie viel Spaß darf das eigentlich machen?

Von Katrin Kuntz, Oberjettenberg

Fun, Fun, Fun: Bei einem Jugendcamp der Bundeswehr auf der Reiteralm bei Berchtesgaden spielen Jugendliche freiwillig Soldat.

(Foto: Bundeswehr)

Was hatten sich die Leute beschwert, als sie das Werbevideo der Bundeswehr gesehen hatten: Berggipfel, weiter Himmel, Wasser und nirgends den Krieg. Irreführend, sagten Kinderrechtler. Inakzeptabel, sagten Politiker. Sonst würde niemand kommen, sagt Oberstleutnant Carsten Spiering und bohrt die Ferse in den Schlamm.

Spiering ist Sprecher der Bundeswehr in Bayern, er steht am Stützpunkt der Gebirgsjäger bei Berchtesgaden, es regnet, ab und zu krächzt ein Vogel. Spiering ist genervt. Selbst hier, wo Klettersteige "Harry Potter" und "Sternschnuppe" heißen und der Boden riecht, als wüchsen Gewürze auf ihm, hier ganz im Süden an der Grenze zu Österreich, wird Spiering die Bilder nicht los, die das Werbevideo für die diesjährigen "Adventure-Camps" in die Welt geschickt hat. Spiering hat das Gefühl, es gebe da ein Missverständnis. Und so ist es wohl auch.

9500 Männer und Frauen hat die Bundeswehr in diesem Jahr eingestellt, Bewerber gab es dreimal so viele. Dass das so bleibt, ist nicht sicher. Seit es die Wehrpflicht nicht mehr gibt, muss sich die Bundeswehr gegen andere Arbeitgeber behaupten. Das versucht sie unter anderem mit 40.000 Euro teuren Camps in den Alpen und auf Sardinien.

Das Werbevideo zur Aktion, das der Medienpartner Bravo für 215.000 Euro Kooperationsgebühr auf seiner Webseite zeigte, sollte Deutschlands Jugend dazu animieren, sich für ein kostenloses Abenteuer anzumelden - und der Bundeswehr dabei näherzukommen. Der Clip wirkte allerdings so, als hätte der Soldatenberuf vor allem mit Spaß zu tun.

Von Fun und Adventure zum Gefecht

Dass nach dem Spaß der Krieg kommen kann, war nicht zu sehen. Inzwischen hat die Bravo den Clip entfernt, angeblich weil die Bewerbungsfrist für die Camps abgelaufen ist. (Anmerkung von Süddeutsche.de: Auf Youtube verfügbar ist noch ein ähnlich gestricktes Video über ein erstes "Come together" von Camp-Teilnehmern. Off-Text und O-Töne, die am 25. September noch zu hören waren, wurden inzwischen allerdings durch ein durchgehendes Musikbett ersetzt.)

Das Abenteuer der 26 Jugendlichen, die vergangene Woche aus ganz Deutschland in die Alpen gereist sind, beginnt steil. Von Oberjettenberg bei Berchtesgaden ächzen die Teilnehmer, zwischen 17 und 20 Jahre alt, knapp die Hälfte von ihnen Mädchen, mit ihren Betreuern 1000 Höhenmeter zur Reiteralm hinauf.

Mit Rucksack und im Gänsemarsch geht es den "Schrecksteig" entlang, unter den Füßen klickert Geröll, und damit die Jugendlichen sehen, dass auch Soldaten nicht immer alles tragen müssen, trotten vier beladene Mulis hinter der Truppe her. Einige Teilnehmer fragen sich, wann die "coole Berghütte" kommt, von der bei Bravo die Rede war. Später wird die Bravo bei Facebook posten: "Die erste Challenge ist geschafft." Ein paar Leuten gefällt das.

Action, Fun und Adventure - das sind Wörter, die am Anfang einer Karriere stehen sollen, die später in einem Gefecht enden kann. Oberstleutnant Spiering weiß, dass das nicht gut klingt. Er geht zwischen regenschweren Tannen durch, die Augen blau wie ein Husky, er glaubt, dass es nach dem, was Marktanalysen und Zielgruppenforschung sagen, trotzdem richtig war, diese Schlagworte in die Welt zu feuern. "Es geht um die Sicherung der Zukunft."

Mittags Fertignahrung, abends Zelt

Die Jugendlichen sollen den Alltag der Gebirgsjäger kennenlernen. "Sich informieren, mit Soldaten reden", sagt Spiering. "Ein Wir-Gefühl entwickeln". Viele Teilnehmer bringen das längst mit. Sie sind angereist in Flecktarn und mit Bundeswehr-Käppis, einige haben schon an fünf oder sechs Camps dieser Art teilgenommen. Für sie müsste die Bundeswehr dieses Alpenlager nicht veranstalten. Sie würden sich auch so zum Dienst verpflichten.

Sarah Baiting, 19, aus Stuttgart ist eine von ihnen. Sie war gerade in dem Camp bei der Luftwaffe auf Sardinien dabei, beim Schnorcheln und Speedboot-Fahren. Dann hat man sie gefragt, ob sie spontan noch Lust auf die Alpen hätte. Okay, sagte Sarah. An diesem Tag soll sie an sechs verschiedenen Stationen lernen, wie man sich als Soldat im Gebirge verhält. Mittags Fertignahrung essen, abends im Zelt übernachten. Am Tag darauf soll es einen Wettbewerb geben.

Bevor die Geländeübung an diesem Tag losgeht, steht Sarah auf Socken in der Alpenhütte, in der an der Wand ein Kreuz und am kleinen Kiosk ein Schild mit dem Aufdruck "Marketender" hängt. Sie hört einem Soldaten zu, der erklärt, aus welchen Teilen eine Bergausrüstung besteht, an die Scheibe peitscht der Regen.

Es geht um Lawinensuchgeräte, Schneeschuhe und um die Helme. Die soll man nicht bekleben oder bemalen, auch nicht mit Smileys. Man soll keine Löcher reinbohren, auch nicht, wenn man schwitzt. Man soll sie nicht klauen. Anfassen darf man: "Feel free", sagt der Soldat.