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Abenteuer-Camps und Schulbesuche:Bundeswehr auf Jugendfang

"Action, Adrenalin, Abenteuer": Weil seit der Abschaffung der Wehrpflicht der Nachwuchs nicht mehr von alleine kommt, buhlt die Bundeswehr massiv um Jugendliche. Die Zusammenarbeit mit der "Bravo" oder Schulen stößt bei Kinderrechtsexperten vermehrt auf Kritik - sie werfen der Truppe vor, ein irreführendes Bild über sich zu verbreiten.

Barbara Galaktionow

Früher einmal, da war die Bundeswehr auf die Verteidigung der eigenen Landesgrenzen ausgerichtet. Und da die - allen Bedrohungsszenarien des Kalten Krieges zum Trotz - stabil blieben (mal abgesehen von der Wiedervereinigung), war der Dienst in der deutschen Armee eigentlich eine ungefährliche Sache.

Bravo Bundeswehr-Adventure-Camps

"Berg- oder Beachtyp" - beim Bundeswehr-Adventure-Camp ist quasi für jeden was geboten: Die Kooperation der Jugendzeitschrift Bravo und der Bundeswehr hat Kritik bei Kinderrechtlern und Politikern ausgelöst.

(Foto: Quelle: bravo.de)

Das hat sich gründlich geändert: Seit die Bundeswehr in den neunziger Jahren damit begann, sich an UN- oder Nato-Missionen in den jugoslawischen Nachfolgestaaten auf dem Balkan, später in Afghanistan oder an anderen Einsatzorten zu beteiligen, müssen auch deutsche Soldaten damit rechnen, im Einsatz getötet oder verletzt zu werden oder mit einer posttraumatischen Belastungsstörung wieder in die Heimat zurückzukehren.

Zehntausende neue Rekruten benötigt die Bundeswehr jedes Jahr. Doch die Gefahr schreckt viele junge Menschen ab. Zudem hat die Aussetzung der Wehrpflicht im vergangenen Jahr die Nachwuchssorgen der Truppe verschärft. Vor diesem Hintergrund sorgt derzeit eine Kampagne für große Empörung, mit der die Bundeswehr in der Jugendzeitschrift Bravo und auf deren Webseite um Jugendliche wirbt. Denn die lockt junge Menschen mit sogenannten Adventure-Camps und entwirft dabei ein ganz anderes Bild der Armee.

"Action, Adrenalin, Abenteuer" erwarten die Teilnehmer der kostenlosen Abenteuer-Reisen einem Werbevideo zufolge (das Video wurde inzwischen aufgrund eines Urheberrechtsverstoßes auf Youtube gesperrt, verfügbar ist allerdings noch ein ähnlich getricktes Video über ein erstes "Come together" von Camp-Teilnehmern). "Krasse Wasserwettkämpfe, crazy Strandspiele und coole Beachpartys" können sich die Jugendlichen bei der Luftwaffe in Sardinien erhoffen, es winken Übernachtungen in einer "coolen Bundeswehrhütte" bei den Gebirgsjägern in den Berchtesgadener Alpen. Auf jeden Fall - wo auch immer: "Jede Menge Fun." Und alles gratis.

Die Art, wie sich die Bundeswehr hier Jugendlichen präsentiert, stößt Politikern und Kinderrechtlern sauer auf. Mehrere Oppositionsvertreter kritisierten die Kampagne als "unsäglich" und "nicht akzteptabel".

Präsentiert sich die Bundeswehr verharmlosend?

"Die Bundeswehr wird hier auf eine völlig irreführende Art und Weise dargestellt", sagt auch Ralf Willinger, Kinderrechtsexperte bei Terre des Hommes. Natürlich seien die Abenteuer-Camps keine Ausbildungsstätten, doch würden junge Leute dort auf eine Tätigkeit bei der Bundeswehr eingestimmt.

Und es gehe ja nicht nur um die 30 Teilnehmer, sondern um Hunderttausende jugendliche Bravo-Leser, denen ein Bild der Armee vermittelt werde, das mit der Realität wenig zu tun habe. Fraglich sei zudem, ob die Bundeswehr mit der Werbung in der Jugendzeitschrift, nicht seine eigenen Leitlinien unterlaufe, wonach sich Info- und Werbekampagnen erst an Jugendliche von mindestens 14 Jahren richten sollen. Denn eigenen Angaben der Bauer Media KG zufolge bietet die Bravo Werbekunden "eine intensive Ansprache der Kids und Jugendlichen zwischen 10 und 20 Jahren".

Steffen Stoll, Personalwerbungs-Leiter bei der Bundeswehr, widerspricht dieser Einschätzung: Die Bravo spreche zwar auch Leser unter 14 Jahren an, doch die Hälfte der Nutzerschaft bewege sich genau im Altersabschnitt zwischen 14 und 17 Jahren, den die Bundeswehr mit Werbeaktionen wie den Adventure-Camps ansprechen wolle.

Keine Personalwerbung bis 17

Auch Vorwürfe, dass die Bundeswehr sich mit ihrer Aktion verharmlosend präsentiere, weist der Fregattenkapitän zurück. "Wenn wir ein sachlich aufklärendes Video machen, wird sich das kein Mensch angucken. Junge Menschen müssen in ihrer Sprache und ihrer Bilderwelt angesprochen werden", sagt er. Hier unterscheide sich die Bundeswehr erst einmal nicht von Unternehmen wie Audi oder Lufthansa.

Ziel sei es, junge Menschen in Kontakt mit aktiven Soldaten zu bringen. Und in diesem Folgeschritt liege die besondere Verantwortung der Bundeswehr. Im Dialog mit den Soldaten kämen dann auch negative Aspekte des Einsatzalltags zur Sprache. Stoll verweist zudem darauf, dass es bei der Ansprache der Jugendlichen zunächst einfach darum ginge, Interesse zu generieren. Erst ab dem Alter von 17 Jahren fände eine "personalwerbliche Ansprache" statt.

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