24. Januar 2017, 18:36 Selbstoptimierung "Essen, Sport und Gesundheit sind zur Ersatzreligion geworden"

Gesund oder krank - das wird zunehmend als Frage von Moral, Schuld und Verantwortung gesehen. Dabei kann niemand die selbst auferlegten Regeln einhalten.

Von Werner Bartens

Anna denkt, dass ihr Arzt sie für ziemlich faul hält. Die 42-Jährige versucht immer wieder abzunehmen, aber es gelingt ihr einfach nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass ihr Mann und ihre Kinder erwarten, dass sie jenes Essen kocht, das sie selbst für ungesund hält.

Peter ist 73  und es fällt ihm schwer, auf das zu verzichten, was er als "Seelennahrung" bezeichnet. Damit meint er Schokolade. Für seine Stimmung und seinen Gefühlshaushalt wäre das so wichtig. Manchmal, er gibt es zu, gönnt er sich immerhin ein Glas Rotwein.

Katy, 65, würde von ihrem Arzt am liebsten auf eine einsame Insel geschickt werden - dann würde sie nicht immer durch ungesundes Essen in Versuchung geführt werden.

Die Menschen, von denen hier die Rede ist, müssen auf ihre Ernährung achten, sie sind Diabetiker. Essen sie zu viel, zur unrechten Zeit oder schlicht das Falsche, entgleist womöglich ihr Blutzuckerspiegel. Sie fallen in den Unterzucker - oder überschwemmen ihr Blut mit zu viel Glukose, was ihnen auch nicht gut bekommt. Viele Diabetiker haben ihr Leiden jedoch gut im Griff und können einen nahezu normalen Alltag führen. "Uns hat daher verblüfft, mit welcher Wucht Zuckerkranke vor allem ein Thema beschäftigt: Verzicht", sagt Wolfgang Himmel, Leiter der Abteilung für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Göttingen. "Ihr Denken, ihr Tun, ihre Wahrnehmung - alles kreist um eine moralische Prüfung: Beweisen zu müssen, dass man sich immer maßvoll, immer diszipliniert, immer gesund verhält."

Moralischer Druck für Kranke und Gesunde

Im Fachmagazin BMJ Open haben Himmel und sein Team kürzlich beschrieben, wie schmerzhaft es für Diabetiker ist, geliebten Genüssen zu entsagen. Gleichzeitig spüren sie moralischen Druck, sich zu mäßigen und nicht in den Exzess zu verfallen, wie die Interviews zeigen. Gelingt dies nicht, halten sich die Patienten für Versager, die ihr Leben nicht im Griff haben und die daran scheitern, genügend für ihre Gesundheit zu tun. Sie unterwerfen sich der Diktatur einer Gesinnungspolizei: Nicht nur im Sprechzimmer des Arztes, sondern auch in der Familie und im Freundeskreis sehen sich die Kranken permanenter Kontrolle ausgesetzt. Medizinische Befunde wie der Blutzuckerspiegel, das Gewicht oder der HbA1c-Wert, der ein Maß für die Blutzuckereinstellung ist, werden zu moralischen Prüfmarken für ein ausreichend abstinentes Leben.

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Der Imperativ, ein gesundes Leben zu führen, hat allerdings nicht nur Kranke erfasst. Immer mehr Menschen wollen nicht nur gut leben, sondern im Bestreben nach Gesundheit und Wohlbefinden auch alles richtig machen. Immer nach Plan: Ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung, die passende Balance zwischen Arbeit und Erholung sind Klassiker dieser Optimierungsversuche. Zufrieden sind die wenigsten, denn schließlich gibt es immer etwas zu verbessern - mehr Sport, mehr Gemüse, mehr Entspannung. "Etliche Gesunde haben latent ein schlechtes Gewissen, weil sie meinen, falsch oder ungesund zu leben", sagt der Sozialpsychologe Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Essen, Sport und Gesundheit sind zur Ersatzreligion geworden. Es geht zwar nicht mehr um ein Leben nach dem Tod, aber immerhin um die Hoffnung auf ein längeres Leben."

Der Zwang zum "Healthism"

Als "Healthism" bezeichnen Wissenschaftler den Zwang, über eine maßvolle Lebensführung hinaus alles für die Gesundheit zu tun - darf's noch ein bisschen mehr sein? Man kann ja so viel falsch machen! Schon vor Jahren hat der New Yorker Ernährungswissenschaftler Paul Marantz ein anschauliches Bild für den grassierenden Gesundheitswahn gewählt: "Wenn sich jemand einen Cheeseburger an die Lippen hält, ist das ja mittlerweile moralisch gleichbedeutend damit, sich eine Pistole an die Schläfe zu setzen."

Gesunde fühlen sich bereits stark unter Zwang, die selbst gesetzten Vorgaben zu erfüllen. Noch stärker ist dieser Druck bei Kranken, etwa Menschen mit der Darmerkrankung Colitis Ulcerosa. "Dann wirst du bekloppt, weil du von Nutella träumst", heißt ein Fachartikel zum Thema, den Himmel und seine Mitarbeiter verfasst haben. Sie wollen damit die Erfahrungen der Betroffenen in den Mittelpunkt stellen, denn auch Ärzte wissen zumeist ja nicht, wie es sich anfühlt, mit der Krankheit zu leben, welche Hoffnungen und Ängste den Alltag der Betroffenen bestimmen.

"Patienten mit Colitis Ulcerosa brauchen Jahre, um herauszufinden, was sie vertragen und was ihnen nicht bekommt", sagt Himmel. "Deswegen ist das Thema richtige Ernährung für sie so dominant." Es gibt keine allgemeingültigen Empfehlungen für den Speiseplan, sondern vor allem große individuelle Unterschiede. Was der eine toleriert, löst beim anderen blutigen Durchfall aus. Für die Patienten bleibt daher das Gefühl, es ist ihr Körper, der krank und damit das Problem ist. "Sie denken: Ich bin derjenige, der falsch ist", hat Himmel beobachtet.

Träumen von Torten und Pommes

Manche Kranke berichten, dass sie immer wieder von Torten oder Pommes träumen - und sich dafür hassen, diesen Gelüsten nicht ausreichend widerstehen zu können. Sie diskreditieren sich selbst und haben das Gefühl, sich dauernd rechtfertigen zu müssen, wenn die Krankheit voranschreitet oder bestimmte Messergebnisse nicht so ausfallen wie gewünscht.

Parallel zu dieser mentalen Selbstgeißelung verniedlichen sie ihr Verhalten, wenn sie doch mal über die Stränge schlagen. "Nur ein Löffelchen Mayo", "nur ein kleines Stückchen Kuchen" hätten sie zu sich genommen und "lediglich eine Kleinigkeit gegessen". Ebenso schuldbewusst wie zerknirscht halten sich die Patienten schon bei der kleinsten Verfehlung für Sünder, betonen aber in Gesprächen mit ihren Ärzten immer wieder, dass sie auf keinen Fall maßlos sind.

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Den Zwang in Freiheit umdeuten

Eine andere Strategie besteht darin, die erzwungene Enthaltsamkeit positiv umzudeuten, zu loben und als neue Freiheit zu adeln, mit der man sich einfach besser fühlt - und obendrein gesünder lebt. "Man muss sich diese Einschränkung im Alltag vorstellen", sagt Himmel. "Alles, was wir gerne machen, wobei wir Spaß haben, kann nicht offen und lustvoll beschrieben werden, sondern wird mit einem Vokabular abgeschirmt, das zeigt, wie diszipliniert die Patienten sind."

Aber ist der Unterschied zwischen Kranken und Gesunden tatsächlich so groß? Kann man im Kollegenkreis offen sagen, dass man jeden Abend zwei Gläser Wein trinkt, ohne tadelnd-skeptische Blicke zu ernten, die in übergriffiger Fürsorge doch nur bedeuten: Solltest du mit deinem Arzt nicht mal über Möglichkeiten des Entzugs reden? Daher gilt eher die Devise, sich zu verstellen, um das Bild dessen zu wahren, der allzeit maßvoll und diszipliniert lebt und alles im Griff hat.

Bei vielen Menschen hat die Erwartungshaltung zugenommen, Herr über ihr Leben und damit auch über etwaige Leiden zu werden: Vernünftig essen, vernünftig trinken, sich vernünftig bewegen - und bei Bedarf vernünftig sein und die Anweisungen des Arztes befolgen. Dann klappt schon alles. Was für eine Anmaßung! Es ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dass immer mehr Menschen den Druck verspüren, ihre Gesundheit unter Kontrolle zu haben und sich komplett dafür verantwortlich zu fühlen. Die Ursache für Befindlichkeitsstörungen aller Art und erst recht für ausbleibende Heilung schreiben sich die Menschen dann zwangsläufig selbst zu.

Dies ist die Kehrseite der psychosomatischen Deutung von Krankheit und der populären Methode des Empowerments, die den Patienten ermächtigen will, sein Leiden selbst zu beeinflussen: Wenn der Umgang mit Krankheit so wesentlich für den Verlauf ist, erscheint es nur folgerichtig, sich verantwortlich zu fühlen, wenn es einem nicht gut geht. Man schreibt sich das miese Befinden automatisch selbst zu. "Den Menschen wird seit Jahren vermittelt, mit Bewegung, Ernährung und Stressregulation wirksame Hebel zu haben, mit denen sie ihr Befinden selbst beeinflussen können", sagt der Soziologe Ulrich Bröckling von der Universität Freiburg, der die vielfältigen Optimierungsstrategien erforscht. "Da ist es naheliegend, auch im Negativen die Verantwortung zunächst bei sich zu suchen, nach dem Motto: Nicht genug angestrengt, nicht gelassen genug, nicht genug vom Richtigen gegessen." Als Fazit bleibt: Du bist nicht genug!

Vermeintliche Selbstkontrolle hat das Schicksal abgelöst

Wenn es um Gesundheit geht, kommt schnell die Frage nach Selbst- oder Fremdzuschreibung der Verantwortung auf: An wem liegt es, wenn ich krank werde - und wer ist dafür zuständig, damit ich wieder gesund werde? Medizinethiker beklagen schon länger die Abschaffung des Schicksals in der Medizin. Es ist ja kaum noch vermittelbar, dass eine Krankheit oder Behinderung nur als Laune der Natur oder schlicht aus Zufall auftritt - und nicht Folge eines falsch gelebten Lebens ist. "Es bedeutet sicher einen Kontrollgewinn, wenn das Befinden und erst recht Krankheiten einseitig auf das eigene Verhalten zurückgeführt werden", sagt Sozialpsychologe Frey. "Statt in der Krankheitsdeutung vielschichtige Faktoren zu berücksichtigen oder schlicht Pech zu konstatieren, kann man seinen Zustand besser erklären, beeinflussen und sogar vorhersagen, wenn man nur seine Lebensführung als gültiges Kriterium zulässt."

Mit dem Erstarken dieser Form der medizinischen Selbstkontrolle geht nebenbei ein Verlust ärztlicher Autorität einher. Und zusätzlich drängen sich technische Helferlein auf, spielerisch in sich hineinzuhorchen. Lifelogging-Armbänder, Pulsuhren, Blutdruckmesser und andere Insignien des Quantified Self sind niedrigschwellige Angebote, um den gegenwärtigen Status ständig zu überprüfen und weiter an der Selbstoptimierung zu feilen. "Dadurch wird man permanent an die eigene Unzulänglichkeit erinnert, auch wenn kein Arztbesuch ansteht", sagt Soziologe Bröckling. Mit der technischen Aufrüstung ist die Selbstüberwachung näher an den Körper gerückt - "eine in Software übersetzte innere Stimme, die das schlechte Gewissen zum Dauerzustand macht", so Bröckling.

Sich gut fühlen? Höchst suspekt

Als Folge dieser Entwicklung wird ein zwischenzeitliches Gefühl des Wohlbefindens als höchst fragil empfunden. Es kann einem doch nicht einfach nur gut gehen. Schließlich ist die Bedrohung, nicht genügend Schritte zurückzulegen, die Kalorienzufuhr zu überschreiten oder das Ziel anderweitig zu verfehlen, ständig im Bewusstsein. Dadurch verstärkt sich die Gefahr, sich schon bei kleinen Abweichungen für vermeintliches Fehlverhalten zu verurteilen und zu schämen. Und das ist alles andere als gesund.

Nebenbei verschwindet die klare Unterscheidung zwischen krank und gesund; die Grenzen verschwimmen. Es handelt sich nur noch um graduelle Abstufungen des allzeit prekären Befindens - komplette Gesundheit ist der weit entfernte Fixstern, den man nie erreichen wird. Aber man hat es ja selbst in der Hand, alles dafür zu tun: Immer kann man noch ein bisschen gesünder werden - allerdings droht ständig, dass man es doch nicht schafft.

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