23. November 2012, 18:05 Obamas Internet-Tüftler Harper Reed Chef-Nerd des Präsidenten

Harper Reed hasst Anzüge, trägt eine dicke Brille zum Hipster-Bart und bezeichnet sich selbst als unpolitisch. Dennoch hat der 34-jährige Nerd die Technik-Infrastruktur für Obamas Wahlsieg aufgebaut - die Daten könnten dem Präsidenten und seiner Partei auch in den anstehenden Auseinandersetzungen mit den Republikanern helfen.

Von Matthias Kolb, Washington

Obamas IT-Stratege Harper Reed: "I am pretty awesome".

(Foto: OFA)

Dass Harper Reed selbstbewusst ist, sieht man schon an seinem Blog. Der 34-Jährige dokumentiert nicht nur, wie viele Schritte er täglich zurücklegt (8486), wie viele Bücher er gelesen hat (558) und wie viele Tweets er täglich verschickt (62), sondern präsentiert auch sein Lebensmotto: "I am pretty awesome." ("Ich bin ziemlich großartig.")

Ziemlich großartig war auch die Technik-Infrastruktur, die der 34-jährige Nerd mit Start-up-Erfahrung mit 120 Mitarbeitern für Barack Obamas Wiederwahl auf die Beine stellte. Der Präsident ist dem Mann mit der schwarzen Brille, dem Hipster-Bart und der wilden Frisur auf jeden Fall sehr dankbar, das belegt dieses Foto, das Reed auf seiner Instagram-Seite gepostet hat. Es zeigt den Hinterkopf von Barack Obama, der seinen Chief Technology Officer (CTO) fest umarmt.

Welch großen Anteil der Chef-Techniker des Obama-Teams an der Wiederwahl des Präsidenten hatte, wird nun immer deutlicher. Washington rätselt nun über die Frage: Wer darf Harper Reeds wunderbare Wahlkampf-Werkzeuge und Obamas Datenschatz nun nutzen?

Den Tipp, exzellente Techniker ohne politischen Hintergrund anzuheuern, erhielt Obamas Wahlkampfmanager Jim Messina von Eric Schmidt. "Ihr sagt, was ihr haben wollt, und die werden euch das bauen", habe der Google-Chef argumentiert, verriet Messina jüngst in Washington. Auf Leute wie Harper Reed hätte er wie ein Marsmensch gewirkt, erzählte Messina lachend, doch andersherum sei dies ähnlich gewesen. Den ruppigen Ton der Polit-Strategen lernte Reed schnell kennen, wie er dem Atlantic verriet. Messina habe ihn mit den Worten begrüsst: "Willkommen im Team. Versau' es nicht."

Helfer von Google, Twitter, Facebook oder Microsoft

Dass Reeds Instrumente derart erfolgreich sein würden, war nicht von Vornherein absehbar. Als im Juni 2011 bekannt wurde, dass Reed den Posten des CTO übernommen hatte, war dies nur der Lokalzeitung Chicago Tribune eine Meldung wert. In der Metropole ist Reed eine prominente Figur in der Start-up-Szene. Erst seit der erfolgreichen Wahl wollen Reporter wie Alexis Madrigal von The Atlantic mit dem Programmierer sprechen.

Der 34-Jährige hat es nicht versaut, sondern ein Team aus 120 hervorragenden Programmierern, Datenanalysten und Technikern zusammengestellt, die vorher bei Twitter, Google, Facebook oder Microsoft gearbeitet hatten - und nun ihr Können für deutlich weniger Geld Obama zur Verfügung stellten.

Reed selbst hat eine eindrucksvolle Karriere hingelegt: Nach seinem Studium der Philosophie und der Computerwissenschaft war er nach Chicago gekommen und hatte die T-Shirt-Firma Threadless aufgebaut. Hier entscheiden Internet-Nutzer über die Designs. Dort habe er gelernt, dem Wissen der User zu vertrauen, so Reed.

Echtzeit-Infos über mögliche Wähler

Im Obama-Team sollte er dafür sorgen, dass bestehende Techniken durch Algorithmen wirksamer werden. Erst sollten die potenziellen Wähler identifiziert werden, bevor sie auf die passende Art via Facebook, E-Mail oder Hausbesuch angesprochen wurden.

Selbst wenn man sich bereits mit Data Mining, also professioneller Auswertung von personenbezogenen großer Datenmengen, beschäftigt hat, faszinieren die Beschreibungen aus dem Innersten der Kampagne. Reed und seinem Team gelang es nach einigen Mühen, alle 2008 gesammelten Informationen mit öffentlichen und gekauften Daten zu kombinieren und in die Anwendung "Dashboard" zu integrieren. In Echtzeit konnten die Freiwilligen, die neue Wähler registrierten oder unschlüssige Bürger überzeugen wollten, auf die Infos zurückgreifen und eigene Ergebnisse integrieren.

Reeds Truppe entwickelte das Programm "The Optimizer", das nicht nur berechnete, zu welcher Zeit und bei welcher Sendung die Kampagne die meisten Zuschauer einer Zielgruppe erreichen konnte - es ermittelte auch, wann die Preise am niedrigsten waren. Weil Obama im Durchschnitt mit 594 Dollar pro Spot ein Zehntel weniger als Romney bezahlte (666 Dollar), konnte der Präsident mehr Clips schalten.

Es entstanden etwa ein effektives One-Click-Spendenprogramm und die Möglichkeit für Obamas Wahlhelfer, den Anhängern via Facebook Informationen zu schicken, welcher ihrer Freunde noch nicht gewählt hatte. Auch wenn sich Messina nach Reeds Aussage oft beschwerte, wie teuer die Entwicklung dieser Werkzeuge war: Nerds und Polit-Strategen haben sich offenbar gut ergänzt.

Obwohl er 2008 ein Wochenende lang als Freiwilliger für Obama aktiv war, bezeichnete sich Harper Reed als eher unpolitischen Menschen. "Ich dachte, der Präsident ist ein cooler Typ", erzählte er The Atlantic. Doch je länger er in der Kampagne mitmachte, umso mehr vertieften sich er und seine Hacker-Kumpel in die Themen - und dachten plötzlich beim Kodieren darüber nach, wie wichtig ein Sieg Obamas wäre, weil er dann liberale Richter an den Obersten Gerichtshof schicken könnte.

Für Romneys Digitalstrategie, die sich auf externe Berater stützte, findet der Ober-Nerd klare Worte: "Sie haben sich selbst überschätzt." Reed ist stolz, dass seine Truppe auf Eventualitäten wie Datenverluste und Systemabstürze vorbereitet war und er keinen Flop wie die groß angekündigte App "Orca" zu verantworten hat - die Konservativen hatten sich davon am Wahltag einen entscheidenden Vorteil versprochen (Details bei Politico).

"Bis 2016 können wir aufholen"

Dass die Republikaner beim Einsatz von Data Mining und modernster Technik weit zurückliegen, ist offensichtlich. "Bis 2016 können wir aufholen, aber ich habe meine Zweifel, dass es uns bis zur nächsten Wahl 2014 gelingen wird", unkt der frühere Santorum-Berater Peter Pasi im Gespräch mit der Washington Post.

Was mit Obamas Datenschatz geschieht, beschäftigt viele in und außerhalb von Washington. 2013 werden etwa die Gouverneure in New Jersey und Virginia gewählt, weshalb mögliche demokratische Kandidaten bereits um Zugriffsrechte betteln. Wahlkampfmanager Jim Messina bleibt eine klare Antwort schuldig: Wegen der Rechtsvorschriften müsse die Kampagne "Obama for America" abgewickelt werden, doch man könnte einen Nachfolger gründen. Zuletzt erhielten alle Anhänger per E-Mail einen Link zu einer Umfrage, in der es unter anderem darum ging, welche Themen sie besonders beschäftigen oder ob sie bereit seien, für ein Amt zu kandidieren.

Michael Slaby, Obamas Innovation Officer, betont in der Washington Post, dass der Datenschatz nur wertvoll bleibe, wenn er aktuell gehalten werde und man den Kontakt zu den Obama-Fans aufrecht erhalte. Es gehe nicht nur ums Micro Targeting, also um die gezielte Ansprache, sondern auch ums Micro Listening, so Slaby: "Wenn ein Wahlhelfer aus dem Gespräch erfahren hat, dass der Bürger Katzen mag, dann hat er das rückgemeldet."

Mobilisiert Obama seine Anhänger nun häufiger?

Es gilt als denkbar, dass Obama seine Daten (allein mindestens 13,5 Millionen E-Mail-Adressen) nutzen wird, um während der zweiten Amtszeit Anhänger für Gesetzesvorhaben zu mobilisieren und Druck auf die Republikaner aufzubauen. Er könnte die Informationen auch der Demokratischen Partei überlassen - oder es findet sich eine neue Organisation, die die von Slaby beschriebenen Aufgaben übernimmt. Bisher gebe es keine Institution, die dafür genug Know-how besitze.

Laut Wall Street Journal hätte diese Variante für Obama den Vorteil, dass er mehr Einfluss bei der Kür des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers 2016 behalten würde. Nun werde sondiert, ob aus den Reihen der Spender genug Geld zusammenkommt, um dieses Vorhaben zu starten.

Harper Reed, der Ober-Nerd aus Chicago, wird bei diesen Planungen keine Rolle mehr spielen. Er will sich wieder aufs Hacken und sein Hobby Jonglieren konzentrieren, mit seiner Frau Hiromi nach Japan reisen und endlich wieder feiern gehen. Konkrete Pläne habe er noch nicht, verriet er dem Tech-Portal Gigaom: "Ich brauche definitiv erst mal eine Pause."

Der Autor twittert unter @matikolb.

Linktipp: Das umfassendste Porträt von Harper Reed ist soeben im Monatsmagazin The Atlantic veröffentlicht worden. Interessant ist auch der Artikel über Reed, der Anfang Oktober bei Mother Jones erschien - da die Kampagne dem Hacker einen Maulkorb erteilte, charakterisierte Tim Murphy Obamas Chef-Nerd anhand der Spuren, die er im Netz hinterlassen hat.