27. April 2017, 18:04 NSU-Prozess Zschäpe-Gutachter Henning Saß in der Kritik

Aus dem Gericht von Wiebke Ramm

Er hat Beate Zschäpes volle Aufmerksamkeit. Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München liest konzentriert mit, als Professor Pedro Faustmann von der Ruhr-Universität Bochum am Donnerstag sein Gutachten vorträgt. Die mutmaßliche NSU-Terroristin wirkt recht angetan von dem, was der forensische Psychiater und Facharzt für Neurologie und Nervenheilkunde dem Gericht mitzuteilen hat. Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht. Denn Faustmann ist zwar von ihrer Verteidigung beauftragt, jedoch von Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer und damit von den Verteidigern, die sie seit rund zwei Jahren mit Missachtung straft.

Gut eineinhalb Stunden lang kritisiert der 57-jährige Faustmann an diesem 360. Verhandlungstag das psychiatrische Gutachten, das Professor Henning Saß im Auftrag des Gerichts über Zschäpe erstellt hat. Mit ruhiger Stimme, souverän im Auftritt und freundlich im Ton wirft Faustmann einem der bekanntesten Gerichtspsychiater des Landes unwissenschaftliches Vorgehen vor.

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Gutachter Saß sah bei Zschäpe psychopathische Persönlichkeitszüge

Das Gutachten von Henning Saß ist für Zschäpe denkbar schlecht ausgefallen. Der 72-Jährige sieht bei der Angeklagten psychopathische Persönlichkeitszüge vorliegen, eine Neigung zu dominantem und manipulativem Verhalten und wenig Empathie. Sollte das Gericht zu der Erkenntnis kommen, dass Zschäpe Mittäterin bei allen zehn vorwiegend rassistisch motivierten Morden, zwei Bombenanschlägen und 15 Raubüberfällen gewesen ist, liegen nach Saß auch die Voraussetzungen für die Anordnung der Sicherungsverwahrung vor. Zschäpes eigene Angaben, sie habe die Morde nicht gewollt und immer erst hinterher von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt von ihnen erfahren, überzeugen ihn nicht. Saß hält sie weiter für gefährlich.

Das Gutachten von Pedro Faustmann ist nun wenig schmeichelhaft für Saß ausgefallen. Faustmann wirft Saß vor, methodisch unsauber gearbeitet zu haben. Saß` Schlussfolgerungen seien selten begründet, häufig suggestiv und meist nicht nachvollziehbar. Saß beziehe sich stellenweise auf ungeeignete oder veraltete Literatur, missachte wissenschaftliche Standards und neige zu subjektiven Deutungen.

Zschäpes hört konzentriert zu. In einer kurzen Pause redet sie auf ihren Wahlverteidiger Hermann Borchert ein. Sie zeigt auf eine Passage in Faustmanns Methodenkritik, die schriftlich vor ihr liegt. Sie redet immer weiter. Borchert nickt.

Psychiater Saß bleibt hingegen ganz ruhig. Auch er liest Faustmanns Kritik an seinem Vorgehen mit, macht sich Notizen. Doch Grund zur Aufregung hat er wohl tatsächlich nicht. Denn dass das Gericht Faustmanns Argumenten folgen wird, ist unwahrscheinlich.

Saß bekommt Rückendeckung von der Bundesanwaltschaft

Schon am Vortag hatte Saß Unterstützung von der Bundesanwaltschaft bekommen. Oberstaatsanwältin Anette Greger hatte am Mittwoch ausgeführt, warum sie Faustmanns Ausführungen - salopp gesagt - für Quatsch hält. "Dessen sogenannten methodenkritischen Ausführungen basieren auf einem grundlegend unzutreffenden Verständnis der Aufgaben und der Herangehensweise eines forensischen Sachverständigen", sagte Greger. Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft hat Faustmann also keine Ahnung, wovon er redet.

Richter Manfred Götzl fragt am Donnerstag nach. Er lässt Faustmann seinen Werdegang referieren. Dessen Antwort dauert eine Viertelstunde. Erfahrung als forensischer Gutachter hat er offenbar reichlich, auch im Umgang mit Sicherungsverwahrten. 30, 40 Prognosegutachten habe er bestimmt schon erstellt, sagt er: "Wie viele es zur Schuldfähigkeit waren, kann ich nicht überblicken." Seit 2004 sei er zertifizierter forensischer Psychiater. Und ein besonderes Faible für Methodenlehre scheint in seinen Ausführungen gleich mehrfach durch.

Der Richter hat fürs Erste genug gehört. "Wir werden an diesem Punkt Ihre Anhörung unterbrechen", sagt Götzl. Er bittet Faustmann, am 16. Mai wiederzukommen.

Noch am Mittwoch hatte die Bundesanwaltschaft sich gegen eine Anhörung Faustmanns ausgesprochen. Und auch die Richter schienen Zweifel zu haben. So war noch am Donnerstagmorgen unklar, ob das Gericht den Gutachter der Verteidigung an diesem Tag tatsächlich hören würde. Richter Götzl erwähnte all dies mit keiner Silbe. Er bat den Psychiater einfach, auf dem Zeugenstuhl Platz zu nehmen.

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