NSU-Opfer Kiesewetter Wenn das Böse zu banal ist

Am 25. April 2007 starb die 22 Jahre alte Polizistin Michèle Kiesewetter. Die "Story im Ersten" dazu ist reichlich krude.

(Foto: RBB)

Vor zehn Jahren ermordete der NSU eine junge Polizistin. Eine ARD-Doku raunt nun viel Unseriöses und Widerlegtes, statt aufzuklären.

Von Annette Ramelsberger

Die Aufklärung des NSU-Komplexes ist kompliziert und vielschichtig. Es kümmern sich darum: ein halbes Dutzend Untersuchungsausschüsse mit Abschlussberichten, die schon mal über 1000 Seiten lang sind.

Auch im NSU-Prozess, der seit vier Jahren läuft, wird akribisch erforscht, wie es zu zehn Morden, drei Bombenanschlägen und 15 Raubüberfällen kommen konnte, ohne dass die Polizei den Tätern auf die Spur kam. Nun wollen auch immer mehr Fernsehsender zur Aufklärung beitragen - zumindest behaupten sie das.

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Bereits vor einem Jahr hat die ARD in einem viel beachteten Dreiteiler den NSU-Komplex bearbeitet. Schon da ergriff all jene Unbehagen, die sich wenigstens rudimentär mit den Tatsachen der Mordserie auskennen.

Da tauchte im Film plötzlich ein V-Mann auf, der genau wusste, wie der Staat in der Mordserie mit drinhing, und dann, als er endlich auspacken wollte, mit seinem Auto explodierte.

Diese Szene war der Schluss der Trilogie und sie suggerierte, dass die NSU-Täter Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und die nun vor Gericht stehende Beate Zschäpe nur Marionetten eines dunklen Netzwerks waren.

Dieser Film besteht in erster Linie aus Fragen, die in Unheil dräuendem Unterton gestellt werden

Schon das war hochproblematisch: Viele Zuschauer werden diesen erfundenen Schluss für real gehalten haben. Aber: So einen V-Mann, so einen Unfall hat es nie gegeben. Der Eindruck wurde dennoch vorsätzlich erweckt.

Noch schlimmer ist diese Art der Legendenbildung, wenn sie nicht als Spielfilm, sondern als Dokumentation daherkommt, die vorgibt, der Wahrheit über den Tod der vom NSU ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter nachzuspüren - passgenau zum zehnten Todestag.

Um es kurz zu machen: Dieser Film besteht in erster Linie aus Fragen, die in Unheil dräuendem Unterton gestellt werden. Das Wort "angeblich" wird so ausgiebig benutzt, dass jede noch so abstruse Behauptung juristisch abgepuffert wird.

Seriös ist sie deshalb noch lange nicht. Eine Heroindealerin - von hinten gezeigt - darf der toten Polizistin sogar andichten, dass sie drogenabhängig war, nur weil sie als verdeckte Ermittlerin erfolgreich im Drogenmilieu arbeitete. Die Behauptung ist durch nichts gedeckt: Alle ihre Kollegen haben Kiesewetter als fröhlich, gesund und bodenständig geschildert.

Krude Story, die geradewegs hinein in den Dschungel der Verschwörungstheorien führt

Und das ist nur ein Beispiel. Zwielichtige Zeugen erzählen ungebremst Dinge, die längst vor Gericht widerlegt wurden. Auf Teufel komm raus wird versucht, das Bild einer Verschwörung zu zeichnen.

Allein, es gibt dafür keine Belege. Und die Behauptungen werden nicht dadurch wahrer, dass der Film fast übergeht, was Beate Zschäpe vor Gericht zugegeben hat, die Frau, die es am besten wissen muss: Dass ihre Freunde an jenem Tag über die Polizistin Kiesewetter und ihren Kollegen Martin A. hergefallen waren, weil sie eine gute Polizeipistole haben wollten. Die Realität ist oft profan.

Es gibt noch offene Fragen im Fall NSU, man hätte sie gerne geklärt. Umso ärgerlicher ist es, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine krude Story vorgesetzt zu bekommen, die nicht zur Erkenntnis, sondern geradewegs hinein in den Dschungel der Verschwörungstheorien führt.

Tod einer Polizistin, ARD, 22.45 Uhr

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